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Keanu

 



Ohhh, ein Kätzchen!

Die Actionparodie „Keanu“ mit dem Komikerduo Key & Peele hat ein Herz für kleine Tiere – und bricht kulturelle Codes.

Zu den Geheimnissen, denen das Internet mit seinen Suchmaschinentrefferzahlen die Aura der Heimlichkeit genommen hat, gehört die allgemein menschliche Vorliebe für – Katzenvideos. Wie die in ähnlicher Weise enttarnte Pornografiedominanz ist auch die Beliebtheit von Katzenvideos hinreichend mit anthropologischen Standards erklärt, Kindchenschema, Pfötchengröße, Beschützerreflex usw. Trotzdem braucht es eine Komödie wie „Keanu“ vom schwarzen amerikanischen Komikerduo Key & Peele, um den Hype ums Kätzchen satirisch an die alte Frage zu binden: Wann ist ein Mann ein Mann?

Die Eröffnungssequenz von „Keanu“ bringt gleich mehrere top-gerankte visuelle Reize zusammen. Zwei schweigsame, schwerbewaffnete Männer – sie könnten aus einem Tarantino-, John-Woo- oder Wachowski-Film stammen (als die Schwestern noch Brüder waren) – betreten eine Drogenküche und richten ein Massaker an. Die Action ist lustvoll choreografiert: Die Körper fallen in Zeitlupe, das Heroin stäubt pittoresk, Kugeln werden mit Salto rückwärts umtanzt und die Gangster schießen bevorzugt mit zwei Waffen gleichzeitig in verschiedene Richtungen. Alles wie gehabt, ein hochdramatischer, „Carmina Burana“-nachahmender Music-Score eingeschlossen, nur dass hier zwischen all dem wohltemperierten Chaos ein Kätzchen rennt. Die Äuglein groß und dunkel, die dicken Pfötchen nach außen gestellt, das Schwänzlein steil in die Höhe gereckt, hüpft es durch den Heroinstaub haarscharf an so mancher Kugel vorbei. Und das Abgedroschene der ausgefeilten Action-Choreografie verbindet sich mit dem noch Abgedroscheneren, der Niedlichkeit des Kätzchens, überraschend zu etwas Reizvollem. Plötzlich weiß man nicht mehr ganz so genau, was man von dem doch eigentlich auserzählten Genre der Actionparodie erwarten soll.

Das Kätzchen unterdessen flieht in bester alter Hobo-Tradition nach Los Angeles, wo es ausgerechnet vor der Tür von Rell (Jordan Peele) landet, einem weinerlichen Kiffer und Nichtstuer, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde. Eben noch hatte er seinem Cousin Clarence (Keegan-Michael Key), einem verspannten Motivationstrainer, sein Leid geklagt: „Ich sehe aus wie Apollo Creed!“ – „Welcher ‚Rocky‘-Film?“ – „Der, in dem er stirbt!“ Als Rell das miauende Kätzchen vor der Tür entdeckt, erhält sein Leben einen neuen Sinn: „Manche Dinge passieren aus gutem Grund!“ Die Handlung entfaltet sich von da an im Großen und Ganzen vorhersehbar: Das Kätzchen, das Rell auf den Namen „Keanu“ tauft (angeblich heißt „Keanu“ auf Hawaiisch kühle Brise), wird durch eine Verwechslung von einem Drogenboss gekidnappt, woraufhin Rell und Clarence für die Rettung des geliebten Tierchens ihr Weicheiertum überwinden müssen, um als Gangster zu posieren.

In der Summe macht „Keanu“ dabei nicht so viel anders als andere Actionkomödien. Wichtig aber sind die Details. Die Handlungsstruktur trägt dabei noch deutlich die DNA der Sketch-Show „Key & Peele“, in der sich das Komikerduo an den Stereotypen der Popkultur und amerikanischer Rassenbeziehungen abarbeiteten. Ihr wohl bekanntester Sketch ist die Nummer mit Obamas „Ärger-Übersetzer“: zu Peeles vollendet unterkühlter Obama-Impression trat Key als aufgeregter Übersetzer Luther auf. Wenn Peeles Obama in seinem stotternden, Emotionen unten haltenden Stakkato etwa seinen Feinden versicherte, er höre ihnen zu, ließ Keys Luther in der Übersetzung ein paar nicht sendungsfähige Flüche raus und schickte noch Drohungen hinterher. (Man kann sich das als universales Prinzip vorstellen: wenn Anke Engelke die Standhaftigkeit Angela Merkels mit Nudelholzschwingen und einem giftigen „Horst, jetzt reicht’s!“ begleiten würde.) Die Idee des „Ärgerübersetzers“ für Obama – später für die ganze Präsidentenfamilie – geht über den komischen Effekt hinaus: Key und Peele sind Meister des Code-Switchens; sie bilden einen kulturellen Habitus ab und brechen ihn mit Über- oder Untertreibung. Und es sind solche Details, die „Keanu“ sehens- und besonders auch hörenswert machen.

Sei es die immer gleiche „Ohhh!“-Reaktion der beiden Männer auf die Kätzchen oder die subtile Darlegung des Unterschieds von „schwarzer“ und „weißer“ Musik am Beispiel von George Michael. Oder Clarences Job-Identität, die ihn dazu bringt, die Drogen-Gang mit Motivationstrainermethoden zu besserer Zusammenarbeit bringen zu wollen: „Jeder stellt sich vor und erzählt zwei Sachen über sich!“ Besonders aber sind es die sprachlichen Codes, die Key und Peele hier „switchen“, wenn sie aus ihren „Schwarze Mittelklasse“-Ichs ins Hollywoodklischee des schwarzen Gangster-Idioms schlüpfen und dabei so übertreiben, dass ihre Aktionen oft nicht ganz mithalten können. „Wordness to the turdness!“

Barbara Schweizerhof

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

 

 
Keanu
USA 2016 - 100 Min. - FSK: ab 16 Jahre - Kinostart(D): 09.06.2016 - Regie: Peter Atencio - Drehbuch: Jordan Peele, Alex Rubens - Produktion: Keegan-Michael Key, Jordan Peele, Peter Principato, Paul Young, Joel Zadak - Kamera: Jas Shelton - Schnitt: Nicholas Monsour - Musik: Steve Jablonsky, Nathan Whitehead - Darsteller: Keegan-Michael Key, Will Forte, Nia Long, Luis Guzmán, Jason Mitchell, Rob Huebel, Jordan Peele, Method Man, Tiffany Haddish - Verleih: © Warner Bros. GmbH

  

 

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