zur startseite

zum archiv

zu den essays

Die Katze auf dem heißen Blechdach 

 

Die Wohlstandsgesellschaft verlangt für ihre verlockenden Offerten einen einzigen, pauschalen aber hohen Preis: die Integration ins System, oder auf deutsch: das Sichabfnden, das Mitmachen, das Sichausliefern. Wer etwa bei seiner Integration Vorbehalte macht, wird bestraft mit Isolierung, Vertreibung und Ausweisung, samt dem Gefolge von Einsamkeitsgefühlen und mancherlei psychischen Defekten.

Das ist auch der Fall bei Brick, dem Helden des Stückes von Tennessee Williams (im Film Paul Newman). Der Sohn eines reichen Farmers aus den Südstaaten, verweigert seiner Frau Margaret (Taylor) den ehelichen Verkehr. Zwischen ihnen steht Bricks toter Freund - eine Rugbyspielerfreundschaft, die sich bedenklich dem Bereich des Homosexuellen genähert hatte. Margaret kommt sich vor wie eine Katze auf dem heißen Blechdach; ihre Instinkte können die Situation nicht mehr meistern. Nach einem klärenden Gespräch mit dem todkranken Vater (Ives) ist Brick jedoch bereit, mit Margaret ein Kind zu zeugen.

In diesem wie in anderen williams'schen Stücken werden für die Lösung eines menschlichen Konfliktes sowohl objektiv-soziale als auch subjektiv-psychologische Ursachen angeboten. Während nun Verfilmer Kazan (Endstation Sehnsucht" „Baby Doll") sich der Psychologie widmete, tut Brooks das Gegenteil: er analysiert die Handlungsweisen seiner Personen vornehmlich unter gesellschaftlichen Aspekten und definiert daher wesentlich präziser die amerikanische (und nicht nur die amerikanische!) Malaise: die Weigerung des jungen Bürgers, sich als Erwachsener zu gebärden und sich in einer pragmatischen und zunehmend matriarchalischen Gesellschaft für eine Ordnung verantwortlich zu zeigen, deren Schematik er nicht einsieht und deren Beschränktheit ihn abstößt. Wenn Brooks also in seinem Film das williams'sche psychologische Argument der Homosexualität weitgehend aus dem Spiel läßt, dann geschah dies nicht notwendigerweise aus Zensurrücksichten. Brooks hat dadurch die Freiheit gefunden, objektiv-sozial analysierend, den Protest eines jungen Amerikaners gegen die aktuellen Standards einer Gesellschaft zu formulieren, die eine Männerfreundschaft mit dem Attribut „schwul" versieht.

Die Beschränktheit des Lebens und des Denkens dieser Menschen: Brooks registriert sie mit bewunderungswürdiger Schärfe. Die Kamera verläßt die Menschen, und während diese ihre langen Dialoge halten, kreist sie durch den mit Patrizierhausrat gefüllten Raum, sie stößt sich an den Ecken und Wänden, prallt zurück vor geschlossenen Türen und Fenstern. Dazwischen viele Großaufnahmen von Gesichtern: das selbstsichere, immer anwesende Elizabeth Taylors und das gleichgültig-entfernte Paul Newmans.

So weit: so gut. Ein Problem der neuen Generation ist eindringlich ausgesprochen worden. Mit der Lösung indessen hapert es. Pasternak hält der sowjetischen Gesellschaft vor: „Der Mensch wird geboren, um zu leben, und nicht etwa, um sich auf das Leben vorzubereiten. Williams-Brooks formulieren nicht mit Unrecht für ihre Gesellschaft: „Der Mensch wird geboren, um zu leben, und nicht etwa, um dem Leben auszuweichen." Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Brick weicht aus, indem er sich schließlich doch ins System integrieren läßt. „Menschliches Verständnis" verhilft ihm zu Liebe, Kind und Erbschaft. Das mag für ihn eine schöne Lösung sein, nicht aber für die Einsichtigen unter den Kinogängern, die sich nach der trefflichen Analyse einer verbesserungswürdigen Gesellschaft nicht mit dem zufälligen Glück eines Einzelnen abspeisen lassen wollen. Mit dem versöhnlichen „Ende gut - alles gut" ist Brooks sich allerdings selbst treu geblieben - leider, denn in vielen seiner Filme („Die Saat der Gewalt„, „Mädchen ohne Mitgift', Fk 8/57-117) sabotierte er eigenhändig mit den höchst privaten Scheinlösungen seine vorangegangenen kritischen Bemühungen. 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmkritik 4/1959

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Die Katze auf dem heißen Blechdach

(Cat on a Hot Tin Roof)

USA 1958, 108 Minuten

Regie: Richard Brooks

Drehbuch: Richard Brooks, James Poe, nach dem Schauspiel von Tennessee Williams

Musik: Charles Wolcott

Kamera: William H. Daniels

Schnitt: Ferris Webster

Ausstattung: William A. Horning, Urie McCleary, Henry Grace, Robert Priestley

Darsteller: Elizabeth Taylor (Maggie „The Cat” Pollitt), Paul Newman (Brick Pollitt), Burt Ives (Harvey „Big Daddy” Pollitt), Jack Carson (Gooper Pollitt), Judith Anderson (Ida „Big Momma” Pollitt), Madeleine Sherwood (Mae Pollitt), Larry Gates (Br. Baugh), Vaughn Taylor (Deacon Davies)

 

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays