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Karen llora en un bus

 

 

 

Terror der Formel

Gabriel Rojas Vera leitet in "Karen llora en el bus" seine Protagonistin durch eine in Formelhaftigkeit erstarrte Emanzipationsgeschichte.

Die gut gemeinte Emanzipationsgeschichte "Karen llora en un bus" kann immerhin mit einer bürgerlichen Protagonistin aufwarten, die sich ihres sozialen Privilegs mehr oder weniger radikal - und auf der inszenatorischen Ebene völlig unvermittelt - entledigt. Das ist aber schon alles, was für diesen Film aus Kolumbien einnimmt, dem jetzt, nachdem er letztes Jahr im Forum der Berlinale gelaufen war, aus unerfindlichen Gründen auch noch ein regulärer Kinostart zuteil wird.

Karen will weg von ihrem Mann, hat es aber, da sie ihr ganzes Erwachsenenleben als Hausfrau verbracht hat, nicht leicht, ihre Existenz auf eigene Füße zu stellen. Eine Frauenfreundschaft und eine sich anbahnende Liebesbeziehung nehmen ihrem erbarmungswürdigen, auf dem schmalen Grat zwischen Durchwurschteln und Obdachlosigkeit balancierenden Dasein die Härte. Am Anfang sitzt Karen weinend im Bus, am Ende ist es eine Fremde zwei Sitzreihen weiter hinten, die ihre Tränen nicht länger zurückhalten kann: Die Emanzipation mag im Einzelfall geglückt sein, so schulmeistert es uns aus der Schlusseinstellung entgegen, aber der gesamtgesellschafliche Problembefund bleibt bestehen.

Sozialisation und Situation führen das Verhalten der Figuren in "Karen llora en un bus", aber sie determinieren es nicht: vorgeblich. Spontaneität soll unter diesen Voraussetzungen noch zu haben sein, in einzelnen Blicken, Gesten, Begegnungen. In die filmische Textur trägt sich diese gewollte Offenheit ein, als Auflockerung der szenischen Einheiten (durch unauffällige jump cuts) und des szenenübergreifenden Erzählflusses (durch ebenso unauffällige Ellipsen). Beide, Bildsprünge und narrative Auslassungen, sind so dosiert, dass selbst der unbedarfteste Zuschauer unmöglich darüber stolpern kann; sind Anschein einer Brüchigkeit, ohne dass es je zum Bruch kommt.

Tatsächlich geht von dieser zwanglosen Lockerheit, die den Film bis in seine kleinsten Regungen durchwirkt, ein Zwang aus, der den hundertmal durchlaufenen Routinen der sozialen Wirklichkeit an Alternativlosigkeit in nichts nachsteht: ein in Formelhaftigkeit erstarrtes Arthousekino. Anstelle des gezielten Terrors der Form (als auteuristische Auflehnung gegen die falsche Wirklichkeit), tritt hier der viel totalere, bewusstlose Terror der Formel, dem keine noch so hingeworfene Äußerung und kein noch so zufälliger Augenaufschlag entgeht. Frisuren, Kleidungen, Lektüren, aber eben auch Handgriffe, Sprechweisen, Körperhaltungen, werden als fungibles Material der Formel eingefügt, passend gemacht.

Darunter leiden Würde und Integrität der Figuren. Ein paar Beispiele: Nach einem Selbstmordversuch hört Karens Freundin auf, sich die Haare zu färben und trägt kein Makeup mehr auf. Die Entdeckung ihrer natürlichen Schönheit ohne Accessoires koinzidiert mit dem Beginn eines neuen Lebens. - Karen geht ins Theater und sieht ein Stück, in dem es um Selbstermächtigung geht. Als ein Zuschauer auf die Bühne gebeten werden soll, um das Thema formal einzuholen, trifft es ... Karen. ­- Karen ist eine begeisterte Leserin, ihr Mann, von dem sie sich zu lösen versucht, ist es nicht. Wenn Karen ihn ausgerechnet auf Ibsens Nora anspricht, sagt ihm das "nada". - Und so weiter und so fort.

Alles spricht in diesem durchfunktionalisierten Puppenheim, und zwar zu dem in keiner philosophischen Ästhetik vorkommenden Vermögen des Eh-schon-Wissens, das sich in der sicheren Vorhersehbarkeit dessen wiegt, was als nächstes kommt. Gesteigert werden kann dieses dem Arthousekino eigene Genießen nur noch bei gleichzeitiger Entstellung des eigentlich Vorhersehbaren zum spontanen, erst zu entdeckenden Geschehen, wozu die erwähnten Auflockerungsübungen das ihre tun. Der Regisseur und Drehbuchautor Gabriel Rojas Vera hat diese Formel verinnerlicht, freilich ohne sich ihrer bewusst zu sein: Nur dem kann die Quadratur des Kreises gelingen, der selbst dran glaubt.

Immer wieder tauchen kleine Hommagen an Eric Rohmer auf in dem Film, und vielleicht müsste eine rettende Kritik genau von dieser Richtung her argumentieren. Dazu müsste es gelingen, in den Momenten der Offenheit etwas anderes als die Verblendungsfunktion zu erblicken, die ihnen hier angekreidet wurde, und es müsste gelingen, Karens Drift ein Stück weit sich zu überlassen. I would prefer not to.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Karen llora en un bus
Kolumbien 2011 - Regie: Gabriel Rojas Vera - Darsteller: Ángela Carrizosa Aparicio, María Angélica Sánchez, Juan Manuel Díaz, Diego Galindo, Diego Pelaez - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 98 min. - Start: 26.7.2012

 

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