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Kaiserschmarrn (AT)

 

 

Das Fernsehen ist auch keine Lösung. Der Nachwuchsschauspieler Alex Gaul könnte sich durchaus vorstellen, einmal Shakespeare zu spielen. Auch sonst hat er das kleine Einmaleins des Schauspielens drauf, zumindest theoretisch. Bei seiner Arbeit im körperbetonten Hardcore-Porno der Firma „Fickluder International“ stören derlei intellektuelle Ambitionen aber nur. Alex wirkt fehl am Platz, nicht nur am Set, sondern auch im Leben. Nichtsdestotrotz hofft er auf eine „richtige“ Rolle beim Fernsehen, nicht zuletzt, weil seine kranke Großmutter ihn gerne in einer feschen Hauptrolle in der Manier des schmierigen Soap-Superstars Zacharias Zucker (Antoine Monot jr. in einer feinen Doppelrolle) erleben möchte. Viel Zeit, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen, bleibt Alex indes nicht.

Die äußere Ähnlichkeit zwischen Alex und Zucker ist allerdings verblüffend. Als Alex von anstehenden Dreharbeiten Zuckers am Wörthersee erfährt, verlegt er auf eigene Kosten seinen nächsten Porno-Dreh ebenfalls dorthin. Was dann passiert, folgt den Regeln einer konventionellen, wenn auch etwas unkonzentrierten Verwechslungskomödie, inklusive einer Tapetentür zwischen zwei Hotelzimmern und dem wiederholt unverhofften und unerwünschten Auftauchen des „Doppelgängers“. Alex schlüpft in die Rolle des Fernsehstars, der seine zynische Menschenverachtung stetig mit Kokain befeuert. Doch Zucker ist auch nur Teil des Systems. So erlauben die Umstände hinter den Kulissen der Soap-Produktion einen direkten Blick in die Hölle: müde gewordene Routine trifft auf Allüren, gepaart mit Machtgeilheit, Hierarchien und der unbedingten Lust an der Gebührenvernichtung durch dekadente Feierwilligkeit, über die ein zarter Firnis aus Kunstanspruch à la Brecht gebreitet ist.

Eigentlich ist die Idee bestechend: eine Kritik des Trash-Fernsehens aus der Perspektive des Pornos. Hier kunstloses Guerilla-Filmmaking in kleinster Runde, ohne Team und ohne Ambition, dort ein schwerfälliger Apparat, der zwar ambitioniert tut, aber letztlich auch nur Trash produziert und auf Quote durch Orgasmus schaut. Doch beim „Kaiserschmarrn (AT)“ geht (programmatisch?) einiges durcheinander: sich scharf gebende, aber letztlich doch sehr harmlose Mediensatire steht gegen nur behaupteten Kunst-Brecht-Diskurs („Grimme-Preis!“), Kritik am Trash steht gegen die Liebe zum Trash und das ironische Spiel mit Heimatfilm-Klischees (Damwild bei Sonnenuntergang vor alpinem Hintergrund). Zusammengehalten wird alles durch die Figur des (halben) Toren Alex, der böse werden will, aber letztlich nur augenrollend staunen kann: „Was sind sie bloß für Menschen!“ Kurze Antwort: „Wir sind das Fernsehen! Zusammen schreiben wir Geschichte.“

Klischees, wohin man blickt: eine Redakteurin, deren Liebe zur Kunst leider unerwidert blieb, ein Drehbuchautor, der saufend noch immer davon träumt, den „Heimatfilm“ neu zu erfinden. Die Arbeit am Porno mag wenig erhebend sein, aber das Flair der Branche scheint ungebrochen. Die TV-Produzenten gehen einen Deal mit dem Porno-Produzenten ein, um an dessen Modelle ranzukommen und ihre einschlägigen Träume auszuleben. Und auch der Portier des Hotels am Wörthersee hat von einer Karriere als Pornostar geträumt, seit er neun Jahre alt war. So wäscht eine Hand die andere. Aber zu welchem Behuf?

Gegenläufig zur Handlung etabliert der Film noch eine zuckersüße Liebesgeschichte zwischen Alex und der Öko-Bäuerin Yve, die im Hotel arbeitet, weil ihr Hof renoviert werden muss: „Die Kühe sollen es schön haben. Und die Hühner brauchen einen neuen Zaun.“ Alex’ Weg zur Einsicht in seinen Egoismus führt direkt ins Herz des unschuldigen Fräuleins, das weder so korrupt ist wie die Fernsehleute noch so geil wie die Pornoleute. Doch ohne ein vernünftiges Timing und eine gesunde Portion Selbstkritik gerät „Kaiserschmarrn (AT)“ auf seinem Weg ins Happy End des Öko-Bauernhofes immer wieder ins Stocken; da helfen auch schöne Auftritte von Markus Knüfken als Schauspielkollege Jan-Josef so wenig wie ein seltsam indifferenter Auftritt von Ilja Richter, der hier als Senderchef so tut, als sei er Morgan Freeman in der Rolle von „Gott“. So stellt sich früh der Eindruck ein, dass dieser Film aufgrund einer Vielzahl unterschiedlich guter und teilweise auch einander widersprechender Ideen viel zu lang geraten ist. Dabei dauert „Kaiserschmarrn (AT)“ gerade mal 80 Minuten. Gefühlt allerdings eine kleine Ewigkeit.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 22/2013

 

 

Kaiserschmarrn (AT)

Österreich, Deutschland 2012 - 87 Minuten - Kinostart(D): 31.10.2013 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Daniel Krauss - Drehbuch: Daniel Krauss, Lasse Nolte - Produktion: Daniel Krauss, Franz Meiller, Antoine Monot jr. - Kamera: Nicu Mihailescu - Schnitt: Natalie Kurz - Musik:Jan Giese, Harald Reitinger - Darsteller: Antoine Monot jr., Anna Julia Kapfelsperger, Franz Meiller, Heinrich Schafmeister, Gerit Kling, Hannes Jaenicke, Grit Boettcher, Ilja Richter, Anna Eger, Teresa Habereder, Lesley Jennifer Higl, Jens Kraßnig, Lars Montag, Tobias Schönenberg, Günther Grauer

 

 

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