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Jurassic World




 

Hervorragende Nase

Ganze 12 Dinosaurierarten mehr als das Original aus den Neunzigern präsentiert Colin Trevorrows "Jurassic World".

Nach der Pressevorführung von "Jurassic World" kommen R. und ich auf das inzwischen gut zwei Jahrzehnte alte Original, auf "Jurassic Park" zu sprechen. "Extrem gut gealtert" sei Steven Spielbergs Film, meint R. Ich widerspreche zwar erst, weil ich bei einer Wiederbegegnung vor ein paar Jahren nicht unbedingt begeistert war, überlege mir dann aber hinterher: Vielleicht liege ich falsch, vielleicht bin nur ich selbst schlecht gealtert, aber Spielbergs Dinosaurier sind immer noch so awesome, wie sie mir 1993 natürlich durchaus vorgekommen waren. Oder vielleicht liegt es (genau anders herum) auch daran, dass noch zuviel von meinem jugendlichen Selbst in meinem heutigen steckt, und ich mir deshalb auf unangenehme Weise selbst begegne, wenn ich "Jurassic Park" schaue - jedenfalls will mir der nostalgische Blick auf diesen quintessentiellen Blockbuster der frühen 1990er noch nicht gelingen.

Jetzt also "Jurassic World". Die Richtung gibt ein Dialog früh im Film vor: Gerade einmal acht Saurierarten habe es bei der Eröffnung des Parks auf der Insel Nublar gegeben, meint Gray Mitchell zu seinem älteren Bruder Zach auf dem Weg eben dorthin. Heute seien es ganze 20. Später konkretisiert die Parkmanagerin Claire Dearing: Nicht 20 "historische" Saurierarten präsentiere die modernisierte Touristenfalle, sondern 20 "Saurierdesigns" (beziehungsweise: "Saurierprodukte"). Da das Publikum regelmäßig nach neuen Attraktionen verlange, rüste man die prähistorischen Wiedergänger gentechnisch zu "Hybriden" auf. Anders ausgedrückt: Man bastelt an einer Vergangenheit, die nie existiert hat.

Es versteht sich von selbst, dass sich diese Ausführungen nicht nur auf einen fiktionalen Erlebnispark beziehen, sondern auch auf einen millionenschweren Blockbuster, der exakt denselben Namen trägt. Wie schon Spielbergs Original, so ist auch der von Colin Trevorrow inszenierte vierte Beitrag zum Franchise in einer Reflexionsschleife gefangen: Der Park ist wie der Film, der Film ist wie der Park (nur, dass, in den Worten Miriam Hansens, die Zuschauer des Films, anders als die des Parks, Dinosaurier sehen, ohne gefressen zu werden). Hinzu kommt diesmal: Der neue Film ist wie der - andauernd augenzwinkernd herbeizitierte - alte Film. Nicht nur der postmoderne Tonfall, auch das dramaturgische Prinzip von "Jurassic World" kommt mehr als nur vage bekannt vor: Der neueste Star des Parks hört, fährt Dearing fort, auf den zielgruppenoptimierten Namen Indominus Rex (und verfügt, stellt sich später heraus, über einige Spezialfähigkeiten wie zum Beispiel Tarnfarben). Momentan befinde er sich in einem eigens konstruierten Hochsicherheitskäfig. Selbstverständlich bestehe nicht die geringste Gefahr, dass…

Also alles noch einmal: Größenwahnsinnige Wissenschaftler (und neu: Militärs), staunende Kinderaugen, jede Menge weit aufgerissene Sauriermäuler. Die Unterschiede zum Originalfilm betreffen das Personal, aber auch den Rhythmus. Langsamer Spannungsaufbau (man erinnert sich: das Wasserglas, das mit den nahenden Saurierschritten zu vibrieren beginnt) ist Trevorrows Sache offensichtlich nicht, auch für die Erhabenheit der Riesenechsen interessiert er sich kaum - überhaupt sind die Saurier, könnte man sagen, kein Problem der Sichtbarkeit mehr, sie müssen nicht mehr aufwändig versteckt und langsam, Schritt für Schritt enthüllt werden. Eher scheint sich der Freizeitpark in den letzten 23 Jahren in ein überdimensioniertes "Big Brother"-Haus verwandelt zu haben: Wo auch immer die Dinos sich aufhalten mögen, irgendeine Kamera ist immer in der Nähe.

Zu sich selbst kommt "Jurassic World" ausschließlich in den (zahlreichen) Actionszenen. Die sind nicht allzu exzessiv, aber effektbewusst und dynamisch gestaltet (leider trotzdem wieder einmal komplett überflüssig: die 3D-Technik), und enthalten einige schöne Ideen. Die schönste sind durchsichtige, kugelrunde, eher so mittelgut gepanzerte Gefährte, mit denen die Besucher das Saurier-Wildlife fast hautnah besichtigen können. Aus der menschlichen Innenperspektive sind die gläsernen Vehikel ideale Wahrnehmungsdispositive, beziehungsweise regelrechte rollende Allmachtversprechen - aus der saurischen Außenperspektive stellen sie lediglich Nüsse dar, die geknackt werden wollen. Auch die digital simulierte Expressivität der Riesenechsen gefällt. Der Indominus Rex selbst will zwar nie so recht als die überlebensgroße Gefahr erscheinen, als die er aufwändig beworben wird, umso schöner sind dafür eine Gruppe Raptoren, die in bester Spielbergmanier anthropomorphisiert werden. Und der gute, alte T-Rex mischt auch wieder mit.

Der im Großen und Ganzen unauffällige menschliche Cast hat gegen die Echsen einen schweren Stand. Unangenehm sticht Chris Pratt als Dinotrainer Owen Grady heraus: ein humorloses Alphatier, das so verdammt cool ist, dass alle paar Minuten eine andere Figur darauf hinweisen muss, wie verdammt cool er doch jetzt gerade wieder ist. Weil er zum Beispiel so schön Motorrad fährt. Regelrecht spektakulär ist dagegen Bryce Dallas Howard als Dearing. Mit ihrer hervorragenden Nase sieht sie fast selbst aus wie ein prähistorischer Vogel, außerdem ist sie immer hervorragend gekleidet (in einer besonders spektakulären Szene knöpft sie, ihrerseits stets effektbewusst, ihre Bluse auf und krempelt sich die Ärmel hoch) und verkörpert bis in die hellroten Haarspitzen eine äußerst fotogene Form kapitalistischen Wahnwitzes. Von der schon auch wieder allgegenwärtigen Familienideologie hält sie dagegen - zunächst - wenig. "Was, Du weißt nicht, wie alt Deine Neffen sind?", wird sie einmal von Grady gefragt. Einen schlimmeren Vorwurf gibt es nicht in Spielbergland. Ein Spielbergkind to end all Spielbergkinder ist wiederum Ty Simpkins als Gray Mitchell: Ein in fast schon unverschämter Manier auf süß gebürsteter Lockenkopf, dem es in Sekundenschnelle gelingt, von Tränen ob der bevorstehenden Scheidung der Eltern auf übers ganze Gesicht strahlende Saurierbegeisterung umzuschalten.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Jurassic World

USA 2015 - 124 Min. - Start: 11.06.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Colin Trevorrow - Drehbuch: Derek Connolly, Colin Trevorrow, Michael Crichton - Produktion: Patrick Crowley, Jon Jashni, Frank Marshall, Steven Spielberg, Thomas Tull - Kamera: John Schwartzman - Schnitt: Kevin Stitt - Musik: Michael Giacchino - Darsteller: Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Jake Johnson, Judy Greer, Vincent D'Onofrio, Katie McGrath, Nick Robinson, Lauren Lapkus, Omar Sy, BD Wong, Eddie J. Fernandez, Irrfan Khan, Brian Tee, Ty Simpkins, Matty Cardarople - Verleih: Universal Pictures Germany

 

 

 

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