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Der Junge mit dem Fahrrad

 

 

 

Die Wahl wählen

 

Schon seit zwei Wochen läuft "Der Junge mit dem Fahrrad", die neue Regiearbeit der Brüder Dardenne, in den deutschen Kinos: Ein Film, der sich bedingungslos solidarisch erklärt mit einem sturen, rothaarigen Kind.

Ein unbändiger, ursprünglicher Bewegungsdrang muss irgendwo in diesem rothaarigen Jungen stecken: Cyril Catoul (Thomas Doret, eine Entdeckung) läuft ständig auf und davon, sobald sich ein Anlass und eine Gelegenheit bieten. Cyril lebt in einem staatlichen Jugendheim, er versucht, zu Beginn des Films, seinen Vater zu finden, der ihn im Stich gelassen hat und ein Fahrrad, das der Vater für ihn gekauft hatte. Im Laufe der Suche trifft er auf Samantha (Cecil Le France), eine Friseurin, die ihn bei sich aufnimmt. Dass er immer wieder wegrennt, egal, wo er sich befindet, egal, wer ihn wie davon abhalten möchte, dass es ihn nach draußen drängt, wann immer sich die Wände um ihn herum endgültig zu schließen drohen und dass er später, nachdem er das Fahrrad aufgetrieben hat, wegfährt, so schnell er kann, das ist eindeutig eine Abwehrreaktion, ein Schutzmechanismus, ein Weglaufen vor dem eigenen Leben.

Genauso eindeutig aber ist die Solidarität des Films mit diesem Wegrennen. Die Solidarität artikuliert sich im unnachahmlichen Kamerablick der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, einem Blick, der sich in den neunziger Jahren in den Filmen "La promesse" und "Rosetta" formierte und der sich seither Film für Film ausdifferenziert hat. Längst klebt die Kamera nicht mehr so unbedingt an den Figuren und ihren Bewegungen, wie sie das vor allem in "Rosetta" getan hatte, in "Der Junge mit dem Fahrrad" nimmt der Film erst gegen Ende ein paarmal die Geschindigkeit des Fahrradfahrens auf, in eleganten, schwebenden tracking shots. Was der Kamerablick der Dardennes aber immer noch impliziert, auch wenn er inzwischen souveräner, zurückhaltender wirkt als früher, sind die Freiheitsgrade, die er den Protagonisten zuzugestehen scheint. Er versucht, so könnte man das zu beschreiben versuchen, Menschen zu filmen, ohne sie gleichzeitig in der Einstellung einzusperren (im Englischen bringt schon der Begriff des "framing", der dem Akt des Aufzeichnens immer schon das Moment der Einrahmung einschreibt, dieses Dilemma auf den Punkt).

Die Filme der Dardennes sind genau und klug konstruiert, aber es gibt in ihnen (zumindest in ihren besten; und zu denen zählt "Der Junge mit dem Fahrrad") keine überdeterminierten Bilder. Die Schauspieler verhalten sich zur fiktionalen Situation und die Kamera zu den Figuren so, als ob sie nicht schon immer wüssten, was im nächsten Moment geschehen wird. Gelegentlich (besonders prägnant im Vorgänger "Le silence de Lorna") resultieren daraus harte Brüche in der Erzählung, unvermittelte Neuanfänge. Den neuen Film bestimmen eher sanfte Umorientierungen, kontinuierliche Lernprozesse, die aber aus der Szenenfolge, aus den Bewegungen Cyrils heraus entstehen und nicht "verordnet" werden: Es geht dem Film gerade nicht darum, weder in seiner Handlung, noch in seinen Bildern, Cyril wieder den ideologischen Staatsapparaten (Heim, Schule, Ersatzfamilie), die ihn umringen und vor denen er wegrennt, zuzuführen. Die zentrale Beziehung des Films, die zwischen Cyril und Samantha, beruht weder auf natürlicher, noch auf sozialer Hierarchie, sondern wird gestiftet durch einen exzessiv anmutenden Vertrauensüberschuss, den die Friseurin dem rothaarigen Bengel entgegen bringt. Die spirituelle (um nicht sagen zu müssen: religiöse) Dimension eines solchen Gnadenakts übermittelt sich auch in der Musik, in den wenigen Takten von Beethovens Klavierkonzert No. 5, die die beiden Regisseure, ganz entgegen ihren ansonsten strikt naturalistischen Gewohnheiten, diesmal gleich an mehreren Stellen ihres Films zulassen.

Die Dardennes drehen spirituelle, aber sicher keine pädagogischen Filme. Als Kinobesucher, der man, gerade aus dem französischsprachigen Kino, pädagogische Filme und den zugehörigen pädagogischen Kamerablick gewohnt ist, kann man gelegentlich die Geduld verlieren mit dem sturen, dabei nicht richtungslos wilden, sondern zielstrebig blinden Cyril, der "nicht zuhört" und "keine Rücksicht nimmt", wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat; der einmal sogar Cecil De France in den Oberarm sticht, um sich zu befreien. Das Tolle an dem Film ist, dass er einem diese Haltung, diesen Blick abtrainiert und dass er alles daran setzt, ihn durch seinen eigenen Blick - und den Samanthas - zu ersetzen, einen, der nicht herablassend und wohlwollend (und damit schon wieder pädagogisch) ist, sondern solidarisch mit einem Jungen, der sich heraus nimmt, eine eigene Wahl zu treffen, der, wie man mit Deleuze sagen könnte, die Wahl wählt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Der Junge mit dem Fahrrad
OT: Le gamin au vélo
Belgien / Frankreich / Italien 2011 - 87 min.
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Produktion: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Denis Freyd - Kamera: Alain Marcoen - Schnitt: Marie-Hélène Dozo - Verleih: Alamode - Besetzung: Thomas Doret, Cécile De France, Jérémie Renier, Egon Di Mateo, Fabrizio Rongione
Kinostart (D): 09.02.2012

 

 

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