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Julieta

 

 

 

Kunstvoll konstruiert, aber auf steril-heteronormative Art zeigt sich Pedro Almodovars zwanzigster Film "Julieta".

Vielleicht ist das, was ich zu Almodóvars zwanzigstem Film zu sagen habe, ziemlich ungerecht. Vielleicht ist die Konsolidierung dieses autorenfilmerischen Werks, die mit "Julieta", der von weiten Teilen der deutschsprachigen Presse als "reif" und "erwachsen" gelobt wird, neue Ausmaße erreicht hat, eine Sache des Älterwerdens und also der Lauf der Welt. Damit will ich mich mit meinen knapp 36 Jahren und als großer Bewunderer des frühen Arbeiten des Regisseurs aber nicht abfinden. Deshalb hier zwei oder drei Dinge, die mich an "Julieta" stören.

Man mag es vermessen finden, dass ich mich in diesem betont geschmackvollen, ja sterilen Drama über nichts mehr gefreut hätte als über einen Werbespot für einen Damenslip, der Fürze in Parfum verwandelt und als Windel oder - zusammengerollt - als Dildo fungiert wie in seinem Debüt "Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande" (1980); oder über ein Nachbarsmädchen mit telekinetischen Kräften und roten Haaren wie Sissy Spacek in "Womit habe ich das verdient?" (1984). Schließlich hatte sich der Filmemacher in seinem letzten Werk, "Fliegende Liebende" (2013), mal wieder an einer Komödie versucht, und die Bruchlandung, die er damit erlitt, zeigt, dass queere Komik (wenn man denn Sperma-im-Bart-Witzeleien als solche durchgehen lassen möchte) und, nun ja, Anarchie bei ihm nicht mehr zünden.

Aber wo ist der Almodóvar geblieben, der in "Alles über meine Mutter" (1999) seinen Status in seinem Heimatland dazu nutzte, um im spanischen Mainstream über verschiedenste (und darunter in vielerlei Hinsicht prekäre) queere Identitäten zu sprechen - in einem wirklich ergreifenden Film? Oder der aus "Sprich mit ihr" (2002), der noch der moralisch ambivalentesten Liebesgeschichte ein zutiefst humanistisches Verständnis entgegenbrachte? Hat Susanne Ostwald, die in der Neuen Zürcher Zeitung "Julieta" als "so etwas wie die Quintessenz von Almodóvars Schaffen" bezeichnet, denselben Film gesehen wie ich? Die moralischen Ambivalenzen in "Julieta" belaufen sich in ihrer Summe darauf, dass es Männer, deren Frauen todkrank ans Bett gefesselt sind (eine Konstellation, die gleich zweimal vorkommt), mit der Monogamie nicht so genau nehmen.

Doch fangen wir am Anfang an: Die ungefähr 50-jährige Julieta (Emma Suárez) sitzt auf gepackten Koffern, sie möchte mit ihrem Freund Lorenzo (Darío Grandinetti) Madrid verlassen, um in Portugal neu anzufangen. Doch eine schicksalhafte Begegnung hält sie zurück. Auf der Straße trifft sie auf Bea, eine alte Freundin ihrer Tochter Antía (Auftritt der einzigen queeren Figur des Films: einer aus einem Grüppchen von Freunden, die auf Bea wartet). Bea beschließt zu bleiben, in ihr altes Viertel in Madrid zurück zu ziehen, ihre Geschichte aufzuschreiben, die mit einer schicksalhaften Begegnung in einem Nachtzug beginnt.

In dieser Geschichte trifft die 25 Jahre jüngere Julieta, nun von Adriana Ugarte verkörpert, zunächst einen älteren Mann, der ihr schnell auf die Nerven geht und sich wenig später umbringt, weswegen sie sich schuldig fühlt, dann den Fischer Xoan (Daniel Grao), mit dem sie Sex hat, und den sie später in seinem galizischen Dorf aufsucht, wo er bis vor kurzem noch seine schwerkranke Frau Ana pflegte, die praktischerweise kurz vor Julietas Eintreffen verstirbt. Die beiden bekommen eine Tochter: Antía. Als diese neun Jahre alt ist und mit ihrer besten Freundin Bea ins Ferienlager fährt, gerät Xoan beim Fischen in einen Sturm, den er nicht überlebt. Natürlich haben sich die beiden zuvor gestritten, sodass sich Julieta so richtig schuldig fühlen kann. Antía und Bea pflegen Julieta in Madrid durch ihre schwere Krise hindurch. Dass Antía zwischenzeitig erwachsen oder zumindest älter wird, nimmt ihre Mutter genauso wenig wahr, wie es der Film zeigt. Mit achtzehn geht sie in die Schweiz, eigentlich will sie nur drei Monate bleiben, tatsächlich kehrt sie nie wieder zur Mutter zurück.

Diese setzt zunächst alles daran, ihre Tochter zu finden, backt ihr Jahr für Jahr zum Geburtstag eine Torte, um sie hinterher unangerührt in den Müll zu werfen. Schließlich verdrängt sie, dass es Antía je gegeben hat, lernt in ihrem neuen Leben Lorenzo kennen. Eben als Julieta ihr altes Leben und die Erinnerung an ihre Tochter endgültig hinter sich lassen will, trifft sie an einer Straßenecke Bea.

Einerseits sollen die Eckpunkte dieser Geschichte wohl die des echten Lebens sein: Liebe (auch wenn das Wort im Film nie vorkommt), Tod, Geburt, Trennung von den Kindern, schicksalhafte Begegnungen. Man muss Almodóvar nicht sonderlich böse gesinnt sein, um diese Vorstellung des Lebens an sich heteronormativ zu finden. Andererseits lässt der kunstvoll konstruierte - und in einem Fort auf die eigene kunstvolle Konstruiertheit verweisende - Plot kaum Realismusverdacht aufkommen. Einerseits spielt Almodóvar mit Hitchcock-Zitaten und lässt die junge Julieta auf das todbringende Unwetter durch regenverhangene Scheiben schauen wie Barbara Stanwyck bei Douglas Sirk (und was für einen tollen Film hätte Sirk - oder auch: ein fähiger Sirk-Epigone - aus diesem Drehbuch machen können!); andererseits fürchtet der Film das Genrekino wie der Teufel das Weihwasser.

Was dabei herauskommt ist ein Drama, das so gründlich von Gefühlen befreit ist, wie seine sterilen Schauplätze von Keimen. Wenn etwa Julieta sagt, dass sie den Tod Xoans ohne die Fürsorge ihrer Tochter und Beas nicht überwunden hätte, glaubt man ihr das; dabei irgendetwas zu fühlen erlaubt einem ihre tränenfreie Lethargie jedoch nicht. Den Wechsel von der jungen zur älteren Julieta inszeniert der Film bewusst als Bruch. In einer Szene liegt Ugarte in der Badewanne, in der nächsten kommt unter dem Handtuch, mit dem die beiden Mädchen sie abtrocknen, die 21 Jahre ältere Suárez hervor. Anstatt aus diesem Bruch aber etwas zu machen, eine Idee zu ihm zu entwickeln, wird er gleich in der nächsten Szene mit Schminke, die die ältere Darstellerin etwas jünger aussehen lässt, zugekleistert. Wie diese Schminke sollen auch die betont bürgerlich-geschmackvolle Ausleuchtung und Inszenierung kitten, was in diesem Film einfach nicht zusammenpasst. Übrig bleibt stimmiger Einheitsbrei. Erzählerische und inszenatorische Meisterschaft kann man Almodóvar kaum absprechen, doch sie unterstreichen nur, was für eine Totgeburt von einem Film "Julieta" ist.

Nicolai Bühnemann

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Julieta
Spanien 2016 - 96 Min. - FSK: ab 6 Jahre - Kinostart(D): 04.08.2016 - Regie: Pedro Almodóvar, Alejandro Sugich - Drehbuch: Pedro Almodóvar - Produktion: Agustín Almodóvar, Pedro Almodóvar, Esther García - Kamera: Jean-Claude Larrieu - Schnitt: José Salcedo - Musik: Alberto Iglesias - Darsteller: Adriana Ugarte, Rossy de Palma, Michelle Jenner, Inma Cuesta, Darío Grandinetti, Emma Suárez, Nathalie Poza, Daniel Grao, Pilar Castro, Susi Sánchez, Priscilla Delgado, Joaquín Notario, Blanca Parés, María Mera, Sara Jiménez - Verleih: Tobis Film

 

 

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