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John Carter - Zwischen zwei Welten

 

Andrew Stantons bierernster Fantasy-Blockbuster "John Carter" zelebriert den mithilfe der 3D-Technik zugerichteten Blick.

In Jared Hess' bislang letztem Film "Gentlemen Broncos" möchte ein junger Provinznerd Science-Fiction-Autor werden. Was ihm vorschwebt, sind fantastischste Space-Opera-Szenarien mit wild anzusehenden Kriegern in abstruser Kleidung, die sich auf fernen, kargen Planeten mit noch wilderen Spacelords anlegen. Naivste Gigantismus-Fantasien, im fertigen Film als filmisch umgesetzte Trash-Snacks mit einigem Gewinn eingestreut, gegen die sich selbst schon der frühe Perry Rhodan als Vorstudie zu Kubricks "2001" und anderer avancierter Science Fiction ausnimmt; eine für das - ja ohne weiteres ernstzunehmende - Genre so peinliche wie amüsante Erinnerung an ihren literarischen Ursprungsmoment zwischen naiver Abenteuer-Bubenliteratur mit Motiven aus ins Weltall versetzten exotistischen Nautikfantasien und einer unbekümmerten Weiterentwicklung von Rittergeschichten und dem Fundus von Mythos und Phantastik.

Auch der "John Carter"-Stoff, den der ansonsten vor Computern arbeitende Pixar-Regisseur Andrew Stanton in seinem ersten Live-Action-Film mit kolportierten 250 Millionen Dollar Einsatz auf die Leinwand wuchtet, entspringt dieser literarischen Ursprungsgemengelage: Entwickelt hat ihn Edgar Rice Burroughs am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Dass der Stoff eine gewisse motivische Nähe zu Burroughs' berühmtester Figur Tarzan aufweist, darf nicht wundern, schließlich entstanden Carter und Tarzan etwa gleichzeitig unter quasi-industriellen Arbeitsbedingungen. Beide Figuren sind gewissermaßen Exilanten mit übergroßen Fähigkeiten in einer ihnen an sich von Grund auf fremden Umwelt, die sie zu ihrem Territorium erklären: Was Tarzan der Dschungel ist, ist dem Erdenmann John Carter der Mars, von den Marsbewohnern "Barsoom" genannt, wo der US-Bürgerkriegsveteran Carter seine in der neuen Umgebung übermenschlichen Kräfte nicht nur im Kampf zwischen zwei verfeindeten Lagern einsetzt, sondern auch das Herz einer Prinzessin für sich gewinnen kann.

Fantastische Raumgleiter stehen hier im harten Kontrast zum barock-antik wirkenden Inventar der Palastanlagen und zur ebenso an die alten Römer erinnernden Kleidung der Marsbewohner adeliger Herkunft, deren Intrigen wiederum direkt Cäsar, Mark Anton und Kleopatra abgeschaut sind. Daneben gibt es Bestiarien aller Art - das sympathischste Stück: eine Art reptilienartiger, übergroßer Dackel als Carters Sidekick -, exotisch klingende Marssprachen und eine profund lächerliche Erklärung, warum Carter mit einem Mal die fremde Sprache zu verstehen in der Lage ist.

Zwischen all dem angehäuften Pulp-Plunder erahnt man zwar, warum die rund 30 Jahre lang von Burroughs gemelkten "Barsoom"-Szenarien zentrale Stichwortgeber für Frank Herberts "Wüstenplanet" oder George Lucas' "Star Wars" waren. Fraglich bleibt dennoch, ob auf ein schon in "Barbarella" (1968), spätestens in "Flash Gordon" (1980) und schließlich auch nachdrücklich in "Gentlemen Broncos" (2009) nurmehr unter dem Vorzeichen von Camp, Trash und Ironie verhandelbares Produktionsdesign 2012 tatsächlich noch mit Prunk und Glorie insistiert werden sollte, nur weil heutige Digitaltechnologie es ermöglicht. "John Carter" bebildert den Ursprung eines Genres, das dessen entscheidende Impulse längst schon weiterverarbeitet und verfeinert hat: Beim ersten "Star Wars" über den Umweg des japanischen Samuraifilms hin zu einer realistischen Texturästhetik einer abgewetzt verstaubten Welt, bei "Barbarella" und "Flash Gordon" in einer ironischen Auslotung von Lächerlichkeitspotenzialen. "John Carter" erklärt diese Genregeschichte jedoch für ungültig - und dies in einer teils elend plump rakontierenden Plotmaschinerie, die gerade mittig zu nicht enden wollenden Dialogisierungen des Geschehens ausartet, als ob man in effektgestütztes Blockbusterkino nur deshalb geht, um einen Plot erzählende Menschen in halbnahen Einstellungen zu sehen: Das Blockbusterkino, das sich gerade durch seine Raumdynamisierungen und eine atemlose, nach vorn drängende Erzählweise auszeichnet, schmurgelt hier zum Drehbuchknecht im Kammerspiel zusammen.

Weit ärgerlicher ist aber die bezeichnend einfallslose 3D-Inszenierung: Auf der gerade zuende gegangenen Berlinale konnte man mit Tsui Harks "Flying Swords of Dragon Gate" ein atemberaubendes, elektrisierendes Beispiel dafür sehen, wie eine adäquate 3D-Inszenierung heute aussehen könnte: Der Hongkong-Regisseur geht einige Schritte weit auf Distanz, hält seine Kamera unbedingt tiefenscharf und modelliert die Körper seiner Darsteller damit aus dem Raum regelrecht heraus. Das Ergebnis ist tatsächlich ein neuer Erzählraum von ungeheuer plastischer Präsenz. Bei "John Carter" indessen wurde die zweite Kameralinse auf ein Set gebracht, an dem eigentlich ein 2D-Film entstehen sollte: Gefilmt wird oft in Halbnahen, mit einem klar definierten Schärfebereich, der sauber die unscharfe vordere und die unscharfe hintere Bildebene vom eigentlichen Geschehen abhebt: Der 3D-Effekt als Budenzauber im verqueren Bild, glatter Betrug am Zuschauer. Kaum einmal, dass man den Blick im weiten Raum einer Panoramaeinstellung gleiten lassen kann - obwohl sich doch gerade die karge Mars-Landschaft für solche Money-Shots anbieten würde. 3D ist hier, da offenkundig als bloßes Ticketverteuerungsgimmick eingesetzt, Disziplinierung des Zuschauers: Zugerichteter Blick statt Schauenkönnen. Nichts also, was man sich ansehen sollte.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

John Carter - Zwischen zwei Welten
USA 2012 - Originaltitel: John Carter - Regie: Andrew Stanton - Darsteller: Taylor Kitsch, Lynn Collins, Willem Dafoe, Samantha Morton, Mark Strong, Ciarán Hinds, Dominic West, James Purefoy, Daryl Sabara, Polly Walker - FSK: ab 12 - Länge: 132 min. - Start: 8.3.2012         

 

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