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Jack Reacher

 

 



Voller Einsatz von Körper und Geist

Auf einen meat and potatoes-Actionfilmhelden heruntergekocht hat Christopher McQuarrie den von Tom Cruise gespielten Titelhelden in der Literaturverfilmung "Jack Reacher".

Ein Scharfschütze - dessen Identität der Film verschleiert - verschanzt sich in einem Parkhaus, blickt durch das Zielfernrohr seines Gewehrs auf eine nahegelegene Parkanlage, verfolgt einzelne Menschen mit dem Sucher: eine Geschäftsfrau, die sich zielstrebig in Richtung eines Bürogebäudes bewegt, eine Frau mit Kind auf dem Arm, ein Mann auf einer Parkbank. Dann beginnt er, auf einige dieser Menschen zu schießen: sechs Kugeln, fünf Opfer, ein Fehlschlag.

Mit dieser hochgradig visuellen Szene, in der ein entkörperlichter, analytischer Blick plötzlich umschlägt in totbringende Gewalt, beginnt "Jack Reacher" und zu ihr findet der Film später gleich mehrmals zurück, im Modus der Interpretation. Wie ist diese spezielle Anordnung von Blick und Projektil zu erklären? Wie die (nur auf den ersten Blick willkürliche) Auswahl der Opfer? Wie der Rhythmus der Schüsse? Was hat es mit dem Fehlschuss auf sich?

Diese Art der Interpretation, diese Art der Spurensuche, die nicht einfach nur Indizien nach naturwissenschaftlichen Kriterien aufbereitet (obwohl sie auch dazu in beeindruckender Weise in der Lage ist), sondern daneben auf ein umfassenderes Weltwissen und auf psychologische Intuition zurückgreift, ist eine Spezialität der literarischen Vorlage des Films. Lee Childs mittlerweile 17-teilige Reacher-Serie folgt einem Einzelgänger, einem regelrechten Phantom, auf dessen Reisen durch Amerika. Einst war Jack Reacher ein Militärpolizist, jetzt ist er aus allen bürgerlichen Registern herausgefallen, zieht ziellos von Ort zu Ort - sein einziges Gepäckstück: eine zusammenklappbare Reisezahnbürste - und wird doch auf jeder einzelnen Station in zumeist schwerwiegende Kriminalfälle verwickelt.

"Jack Reacher" ist der erste Versuch, die Serie auf die Leinwand zu übertragen, Ausgangspunkt ist "One Shot", der neunte Roman der Serie, in dem Reacher einen alten Bekannten, einen des Mordes verdächtigten Ex-Soldaten erst ins Gefängnis, wenn nicht gleich um die Ecke befördern möchte, ihm dann aber, nach gründlicher Durchsicht der Beweislage, doch zur Hilfe eilt; selbstverständlich mit vollem Einsatz von Körper und Geist. Vorab sorgte vor allem die Besetzung der Hauptrolle für Irritation und tatsächlich ist die Idee, den bei Child als zwei Meter groß, blond und ansonsten äußerlich eher räudig beschriebenen Helden ausgerechnet mit Tom Cruise zu besetzen, mindestens originell. Ich kann mich in dieser Hinsicht nur anderen Rezensenten anschließen und Entwarnung geben: Cruise macht seine Sache alles in allem gut, weil er noch weniger als sonst den Versuch unternimmt, ein "echter" Schauspieler zu werden, weil sein eindimensionales Minenspiel zum Gespenstischen der Reacher-Figur passt und auch, weil er zumindest sein inzwischen fortgeschrittenes Alter auf interessantere Weise durchscheinen lässt als zuletzt in "Mission Impossible 4".

Die eigentliche Schwierigkeit liegt sowieso an anderer Stelle: Wie Ekkehard Knörer jüngst in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Cargo ausgeführt hat, schreibt Child nicht einfach dynamische Bewegungs-, sondern analytische Gedankenprosa. So großartig die knochenharten Actionsequenzen der Reacher-Serie auch sind, weitaus wichtiger für die Bücher ist ihre Vorbereitung, Reflexion und Einbettung im welt- und psychendurchdringenden "Jack Reacher state of mind", für den das Visuelle eben nur eine unter vielen erst einmal gleichwertigen Informationsquellen darstellt.

Der bislang hauptsächlich als Drehbuchautor in Erscheinung getretene Regisseur Christopher McQuarrie ("The Usual Suspects", "Valkyrie") versucht eigentlich nur in der oben beschrieben Sniper-Sequenz und ihren Wiederaufnahmen später im Film ernsthaft, diesen "Jack Reacher state of mind" dann doch wieder ins Audiovisuelle zu übertragen. Und dieser eine Versuch gelingt eigentlich ziemlich gut. Es ist auch deswegen etwas schade, dass der Film ansonsten kaum an diesen Aspekt der Vorlage anschließt, sondern sich darauf beschränkt, die plot points des Romans halbwegs ökonomisch auszubreiten - wobei dann doch einige entscheidende Verkomplizierungen wegfallen und das Ganze zumindest der Tendenz nach in eine handelsübliche Vigilante-Erzählung umgebogen wird, Jack Reachers auf mehreren Ebenen mit dem Gesellschaftsinneren verschaltete Außenseiterperspektive hinter dem generischen Rächer, der aus dem Nichts kommt, verschwindet.

Andererseits hätte eine ambitioniertere, "literarischere" Verfilmung (zum Beispiel eine mit einem eigentlich naheliegenden durchgängigen voice-over-Kommentar) auch sehr leicht komplett scheitern können. McQuarrie wählt die meat and potatoes-Variante und ist darin fast schon wieder wagemutig altmodisch. "Jack Reacher" beginnt zwar "Drive"-mäßig mit der Großaufnahme einer Hand, die einen Schaltknüppel ergreift und setzt in einem fort allzu stylische, vielzylindrig röhrende Automobile ins Bild (selbst der drittklassige Meth-Koch fährt eine edle Hochglanz-Karosse), ist aber ansonsten eine erfreulich unfetischistische Angelegenheit; dem Oberflächenglanz zum Trotz wird "Jack Reacher" von einem soliden und noch nicht einmal besonders hochtaktiken narrativen Motor angetrieben (in den unter anderem noch Wernern Herzog und Robert Duvall eingespeist werden, was zumindest im Fall des letzteren ausgezeichnet funktioniert).

McQuarries Adaption mag Childs Protagonist zwar auf mehreren Ebenen nicht gerecht werden - als no-nonsense-Action- und hochprofessionelles Starkino ist sie aber vielleicht genau die Art von Film, die Jack Reacher gefallen würde. "And whatever else he was, Reacher knew he was a rational man", heißt es einmal in Die Trying, dem zweiten und vielleicht besten Band der Reihe.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 
Jack Reacher
Regie: Christopher McQuarrie - Drehbuch: Christopher McQuarrie - Literarische Vorlage: nach den Romanen von Lee Child - Produzenten: Tom Cruise, Paula Wagner, Kevin J. Messick, Dana Goldberg, Gary Levinsohn, Don Granger, David Ellison - Kamera: Caleb Deschanel - Architektur: James Bissell - Kostüm: Susan Matheson - Musik: Joe Kraemer - Schnitt: Kevin Stitt - Darsteller: Cash: Robert Duvall, Jack Reacher: Tom Cruise, Alex Rodin: Richard Jenkins, Helen Rodin: Rosamund Pike, The Zec: Werner Herzog  
Länge: 130 min. - Kinostart: 03.01.2013 - Verleih: Paramount

 

 

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