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Jack Reacher 2 - Kein Weg zurück

 

 

Eigentlich müsste mir der Film gefallen, und nicht nur, weil ich ein großer Fan von Lee Childs in unnachahmlich prägnanter Sprache verfasste Romanserie um den bärenstarken und supersmarten Drifter Jack Reacher bin, die nun bereits ihre zweite Verfilmung erfährt. Sondern vor allem, weil "Jack Reacher: Never Go Back" auf den ersten Blick genau die Art von populärem Kino ist, die in Hollywood einen zunehmend schweren Stand hat und die nicht nur ich vermisse: Ein Genrefilm der (gehobenen) mittleren Budgetklasse ist das, getragen weniger von einem marktschreierischen Konzept oder einem übergriffigen Franchise, als von einem Star und der poetischen Tradition, in der er sich verortet - in diesem Fall kann man sie mindestens bis zur hard-boiled-Literatur und den Film noirs der 1940er zurückverfolgen: Es geht um den einsamen Kampf gegen korrupte Institutionen, und um Helden, die nach bürgerlichem Verständnis dysfunktional sind, die aber gerade aufgrund dieser Dysfunktionalität triumphieren.

Mainstreamkino nicht als Eventproduktion im Hyperdrive, sondern im Normalmodus einer technisch hochentwickelten Serienproduktion; Routine, die immer schon über sich selbst hinausweist, weil sie ein Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte hat, und damit auch zu der Welt, in der wir leben; und die in der aus schlechter Gewohnheit schlecht beleumundeten Spezialfilmform "Sequel" nicht etwa vor die Hunde geht, sondern zu sich selbst kommt - gute Sequels (und es gibt sehr viele gute Sequels) setzen im besten Fall fast wie von selbst jenen Mechanismus von Ähnlichkeit und Differenz in Gang, der moderne populäre Massenkultur schon seit dem 19. Jahrhundert zu immer neuen Höhen treibt.

Freilich: auf den ersten Blick, im besten Fall ... denn wenn ich dann im Kinosessel sitze, helfen solche Überlegungen gar nichts, dann zählt doch nur, was auf der Leinwand erscheint; und da ist leider fast gar nichts los. "Jack Reacher: Never Go Back" ist kein gutes Sequel, kein guter Mid-Budget-Actionfilm, keine gute Lee-Child-Verfilmung, kein guter Tom-Cruise-Film; sondern einfach nur, und solche Filme hat es natürlich zu allen Zeiten zuhauf gegeben: Dienst nach Vorschrift.

Die wenigen Anfälle von Ambition, die die Regie Edward Zwicks überkommt, werden in der ersten Viertelstunde abgehandelt: Gleich zum Einstieg fertigt Cruise in einer schönen Diner-Miniatur ein paar Trottelpolizisten ab, wenig später folgt eine halbwegs elaborierte Gefängnisausbruchsequenz - an der sich der Film freilich gleich verhebt. Cruise / Reacher befreit sich selbst und gleichzeitig Cobie Smulders / Turner, eine Militärpolizistin, die unter Spionageverdacht steht. Man merkt, worauf Zwick hinaus will: Er möchte ein dynamisches, elegantes und gleichzeitig knochenbrecherisch wuchtiges Räderwerk anschmeißen, in der sich jede Einstellung, jede Bewegung mit blutiger Konsequenz aus der vorherigen ergibt. Theoretisch könnte sich daraus ein düsterer, unwiderstehlicher Sog ergeben, ein wenig wie in einem Refn-Film vielleicht (der Roman, der freilich ansonsten einer der schwächsten der Serie ist, nimmt in der Passage ziemlich Fahrt auf), praktisch gerät die filmische Maschinerie schon auf den ersten Metern ins Stocken - weil die Blickachsen nicht ganz stimmen, weil sich die Regie nicht zwischen subjektiver und objektiver Perspektive entscheiden möchte, weil sie sich keine Zeit dafür nimmt, einen Handlungsraum zu etablieren.

Kurzum: Die Feinabstimmung passt nicht. Da hilft auch die ganz nette Pointe um eine Fluchtwagenverwechslung nichts mehr, mit der die Szene endet - da ist kein Sog mehr, sondern nur noch eine stotternde Maschine, die einen Sog erzeugen möchte. Im weiteren geht der Film solche Risiken eh nicht mehr ein. Und fällt spätestens dann auch deutlich hinter den Vorgänger aus dem Jahr 2012 zurück, der zwar auch nicht allzu viel mit der Hauptfigur anfangen konnte, aber immerhin vom unbedingten Stilwillen des Regisseurs Christopher McQuarrie profitierte. Diesmal geht es nur noch darum, den generischen Plot, auf den "Jack Reacher: Never Go Back" die Sprachwucht der Vorlage reduziert, möglichst unauffällig herunter zu filmen. Ganz besonders unauffällig: Patrick Heusinger als fast schon klinisch uncharismatischer bad guy. Cruise selbst wirkt oft etwas hilflos, insbesondere dann, wenn er versucht, einen breitschultrigen tough guy swagger zu kultivieren, der ihm kein bisschen steht.

Ein blondes Teeniemädchen namens Samantha (Danika Yarosh), das möglicherweise Reachers Tochter ist, bringt bei ihren ersten Auftritten mit ihrer leicht verbiesterten Art immerhin ein wenig Leben in die Bude; freilich ist bei ihr die Zähmbarkeit von Anfang an mitgedacht. Auch Turners Rolle erhält etwas mehr Gewicht, als weiblichen Sidekicks in derartigen Filmen für gewöhnlich zusteht; dass der Film ihr Verhältnis zu Reacher von einigen Blickwechseln und fast schon rührend holprigen Flirtversuchen abgesehen auf einer professionellen Ebene belässt, gehört zu seinen wenigen guten Entscheidungen. Turners Insistenz darauf, Reacher nicht nur emotional, sondern auch tatkräftig unterstützen zu wollen, begründet sie einmal so: "Für mich steht doch viel mehr auf dem Spiel!" Der Satz rührt an den Kern der Reacher-Figur: An ihrer grundsätzlichen Nichtverstricktheit in die Welt, durch die sie sich bewegt; eine Nichtverstricktheit, die es, das ist einer von vielen faszinierenden Aspekten der Romane, erst zu überwinden gilt, bevor die Geschichte beginnen kann. Den Romanen gelingt das durch sprachliche Intelligenz und erzählerischen Wagemut; mit der kinematografischen Indifferenz, die "Jack Reacher: Never Go Back" auf allen Ebenen prägt, kommt man dieser faszinierenden Figur dagegen nicht bei.    

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 

Jack Reacher 2: Kein Weg zurück
(Jack Reacher: Never Go Back) - USA 2016 - 119 Min. - FSK: ab 16 Jahre - Kinostart(D): 10.11.2016 - Regie: Edward Zwick - Drehbuch: Richard Wenk, Edward Zwick, Marshall Herskovitz - Originalautor: Lee Child - Produktion: Tom Cruise, Don Granger, Christopher McQuarrie - Kamera: Oliver Wood - Schnitt: Billy Weber - Musik: Henry Jackman - Darsteller: Tom Cruise, Cobie Smulders, Robert Knepper, Aldis Hodge, Holt McCallany, Patrick Heusinger, Danika Yarosh - Verleih: Paramount Pictures Germany

 

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