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Jack in Love

 

 

 

Schneemenschen

 

Was will ein Film? Unterhalten? Beeinflussen? Prahlen? Belehren? Masturbieren? Mehr noch als in ihren Genres unterscheiden sich Filme in ihren Intentionen. Zur allgemeinen Verwirrung sind diese häufig auch noch schizophren, wenn der Drehbuchautor ein Lehrstück, der Produzent ein Spektakel und der Regisseur Kunst im Sinne hatte. "Jack Goes Boating", inszeniert, produziert und gespielt vom scheinbar endlos talentierten Indiefilm-Buddha Philip Seymour Hoffman, schwingt in einem Ton und mit einer Stimme – und der Film weiß genau, was er sein will.

Auf den ersten Blick erscheint diese intensive, lustige, herzzerreißend liebevolle Melanchomödie wie ein weiterer charmanter Ausläufer der leisen Indie-Dramödien der letzten Jahre, von "You Can Count On Me" über "The Savages" bis zu "Lars und die Frauen": sozial inkompetente, aber zutiefst liebenswerte Außenseiterfiguren, die ohne jede Hollywoodmagie oder -prätentionen die kleinen Probleme des Alltags meistern lernen. Die Theateradaption "Jack Goes Boating" nun treibt die Stilmerkmale dieses Subgenres (Dialoglastigkeit, Figurenkonzentration, Plotverweigerung, Identifikation, Stille und Subtilität) zu solch wunderbaren Extremen, dass all die oben aufgezählten Intentionen vernachlässigt werden: Dramatik, Fallhöhe, selbst überraschende Wendungen oder ausgefallene Situationen – mit all diesem Unsinn werden die Figuren und der Zuschauer hier freundlicherweise nicht belästigt. Was aber will ein Film, der seine Geschichte (Mittvierzigerboy meets Emotionsstörungsgirl) schon nach fünf Minuten erzählt hat und von da an den Ball einfach rollen lässt und zuschaut, wie es weiter geht mit den beiden? Was will ein solcher Film sein? Ganz einfach: eine Gebrauchsanweisung. Und dies gelingt ihm ganz hervorragend. "Jack Goes Boating" ist eine entspannte, aber detaillierte Gebrauchsanweisung für das Leben und seine kleinen, stillen Genüsse, gewidmet all jenen Menschen, die nicht mit der geborenen Grazie und/oder Naivität gesegnet sind, ihre Existenz einfach zu genießen.

Nachdem nun die Intention geklärt ist, fällt es nicht mehr schwer, das Genre festzustellen: Wir haben es hier eindeutig mit einem Exemplar des Mützenfilms zu tun. Die vier Figuren bewegen sich in dicken Emotions- und Textilpanzern durch ein verschneites, gedämpftes New York (»Now we are snow people«, sagt eine von ihnen, nachdem man einige Minuten lang im Schneetreiben geredet hat) und pflegen ihre kleinen Träume – eine Bootsfahrt im Sommer, ein bisschen Reggae auf dem Walkman, ein Plüschkoala. Wie man sich über die ganz kleinen Dinge im Leben freut, hat der Titelheld gottseidank schon vorher ein wenig im Blut: Er ist dem einen oder anderen Joint nicht abgeneigt und zählt zu der extrem seltenen Spezies der milchweißen, dickblonden Dreadlockträgern. Hoffman, mal wieder meisterlich changierend zwischen Kloß und Koloss, gibt diesem Jack eine traurige, ehrliche Würde bei dem Versuch, die restlichen Sachen, die das Leben gut machen, auch noch zu lernen: Schwimmen, Kochen und Lieben. Wobei Letzteres zu einer der bemerkenswertesten Bettszenen des Filmjahres führt: Autor Glaudini hat hierfür tatsächlich einen Dialog geschnitzt, der intimer ist als alles, was unter der Decke vor sich geht, und es Regisseur Hoffman somit erlaubt, eine genuin erotische Sexszene ganz ohne Sex zu filmen.

Wie es für einen Regiedebütanten, noch dazu für einen so prominenten, üblich und ratsam ist, hat Hoffman für seinen ersten Besuch auf dem dünnen Eis der Filmproduktion allerhand Freunde um sich geschart. Theaterautor Bob Glaudini durfte sein eigenes Stück adaptieren, und der Original-Cast der Theatererstaufführung rund um Hoffman ist fast komplett versammelt, wobei der zweite Hauptdarsteller John Ortiz, der als ewiger Latino-Filmgangster spürbar unterfordert war und hier voller Gusto sein großes Können zeigt, ebenfalls als ausführender Produzent debütiert. Die mühelose Arbeit unter befreundeten Kollegen und die unbedingte Liebe der Darsteller zu ihren Figuren ist dem Film anzumerken, und wir wollen hoffen, dass Hoffman Gefallen an seiner neuen Aufgabenvielfalt gefunden hat: Er darf als Produzent, Regisseur und Darsteller gerne wiederkommen.

Daniel Bickermann

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.schnitt.de

 

Jack in Love
Jack Goes Boating. USA 2010. R: Philip Seymour Hoffman. B: Robert Glaudini. K: W. Mott Hupfel III. S: Brian A. Kates. P: Big Beach Films, Cooper’s Town Productions. D: Philip Seymour Hoffman, John Ortiz, Richard Petrocelli, Thomas McCarthy, Amy Ryan, Daphne Rubin-Vega, Lola Glaudini, Rafael Osorio u.a.
89 Min. Alamode 24.2.11

 

 

 

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