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Jackie - Wer braucht schon eine Mutter?

 

 
Road Movies haben genau zwei große Probleme: Den Anfang und das Ende. Wenn man erst einmal unterwegs ist, läuft es in diesem Genre, eine gewisse Liebe für die Figuren, die Landschaft und die Bewegung vorausgesetzt, meistens wie von allein. Auch in „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“, einem
female road movie par excellence, sieht man eine Viertelstunde dabei zu, wie eine Maschine in Gang gesetzt wird. Sie stottert ein bisschen.

Denn zuerst muss ja immer erklärt werden, wer, warum und wohin unterwegs sein wird.

Wer? Das sind die Zwillingsschwestern Sofie und Dann, gespielt von den realen Schwestern Carice und Jelka van Houten, die bei einem schwulen Paar aufgewachsen sind, herzallerliebste Männer, wenn auch mit wenig Sinn für das Abenteuer. Sofie und Daan sind so verschieden voneinander geworden, wie man es sich (im Kino) nur vorstellen kann: Sofie eine ehrgeizige, taffe Karriere-Journalistin, für die Sex vor allem ein Mittel des Machtkampfes ist, und Daan eine verpeilte Ehefrau, deren Kinderwunsch sich nicht erfüllen will. Da besteht ganz gewiss der Lebenskorrekturbedarf, für den das Genre unter anderem geschaffen wurde.

Warum? Die Leihmutter – „Gebärmutter“ sagt Sofie – der beiden war ein amerikanisches Hippiemädchen, das nach der Geburt nie wieder etwas von sich hat hören lassen. Nun aber ist Jackie (Holly Hunter) nach einem komplizierten Knochenbruch in einem Krankenhaus in Amerika und muss dringend zu einer Reha nach New Mexico. Da es andere Verwandte nicht gibt,  und bei Jackie nur Kinderfotos und die Adressen von Sofie und Daan gefunden wurden, erhält Sofie den fatalen Anruf, der alles ins Rollen bringt. Wohin die Reise geht? Jedenfalls nicht dahin, wohin sie ursprünglich zu gehen schien.

Das alles wirkt ein klein wenig wie auf dem Reißbrett entworfen, und um die Sache schneller hinter sich zu bringen, greift die Regisseurin auch noch zum Trick der Off-Narration, die dann während der Reise selber nicht mehr benötigt wird. Sofie und Daan, ihre Väter und ihre Männer, erscheinen als wären sie überzeichneter Vorwand, man hätte möglicherweise gern etwas mehr gesehen als solch grobe Typen-Skizzen.

Das ist aber auch schon wieder vergessen, wenn man unterwegs ist, auch wenn alles immer noch um einen Kick übertrieben scheint, die gluckige Naivität der einen so sehr wie die Business-Zickigkeit der anderen Schwester, die wie an elektronischen Nabelschnüren noch lange an ihren Lebensbedingungen (genauer gesagt: an ihren Männern) hängen, bis die Weite und das Abenteuer das Ihrige tun.

Jackie, wortkarg und mürrisch zuerst, besteht darauf, dass die Reise mit ihrem klapprigen Wohnmobil unternommen wird (an einen Flug ist aus medizinischen Gründen ohnehin nicht zu denken). Sie stranden in der Wüste, wo nach und nach die Fäden zu Jobs und Zivilisation reißen, und die beiden ohne die Hilfe der Mutter nicht überleben könnten. Da gibt es Schlangenbisse, dann kommt eine Biker-Gang, die von einer älteren Dame angeführt wird, die „Dykes on Bikes“ (was zu einem kleinen Sprachmissverständnis führt) und erweist sich als hilfreich. Die Schwester erledigt für die andere das Problem mit dem hässlichen Job, dem hässlichen Vorgesetzten/Lover inklusive, es kommt heraus dass Daans Kinderwunsch eine Chimäre ist und sie heimlich die Pille nimmt. Es gibt einen Schneesturm aus Gips, und kurze Augenblicke eines längst vergessenen schwesterlichen Glücks. Es gibt Gesang und Tanz, einen Vergewaltigungsversuch, bei dem sich Jackie als Löwenmutter mit Winchester erweist, und Daan lernt nicht nur das Autofahren, sondern auch das Selbstbewusstsein, so sehr wie Jackie, kluge Beobachterin, die sie ist, ihrer anderen Tochter dringend notwendige Dämpfer verpasst. Am Ende, wie gesagt, geht die Reise ganz woanders hin als gedacht. Und so schwer es am Anfang fiel, den Figuren ihre Drehbuchhaftigkeit zu verzeihen, so sehr hat man sie nun liebgewonnen, und so sehr weiß man nun die Balance zwischen Komik, Trauer und Kitsch zu schätzen.

Und natürlich ist da auch dieser sehr europäische Blick auf Amerika. Auch der ist mehr dem Traum als der Realität zugewandt. Das Zusammentreffen von Edward Hopper und John Ford. Wenn es dem Film gelingt, seine Figuren zu lieben (und natürlich liebt er vor allem die lakonische Jackie), dann durch diese Landschaft und eine Reise, die gar nicht anders kann als mit einem grandiosen Grand Canyon-Bild zu enden.

„Jackie –Wer braucht schon eine Mutter“ ist ein Road Movie der Feelgood-Sorte. Einem Feelgood Movie vorwerfen, dass alles ein bisschen zu nett und zu sympathisch und zu einfach erscheint, das wäre, wie einem Western vorwerfen, es kämen in ihm zu viel Pferde und zu viele Männer mit Hüten vor. Pferde und Männer mit Hüten kommen übrigens auch hier vor.

Dieser Text ist zuerst erschienen in:www.getidan.de

 


Jackie - Wer braucht schon eine Mutter?

(Jackie) - Niederlande 2012 - 100 Minuten - Start(D):18.07.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Antoinette Beumer - Drehbuch: Marnie Blok, Karin van Holst Pellekaan - Produktion: Hans de Weers, Reinout Oerlemans, Maarten Swart - Kamera: Danny Elsen - Schnitt: Marc Bechtold - Musik: Melcher Meirmans, Merlijn Snitker, Chrisnanne Wiegel - Darsteller: Carice van Houten, Jelka van Houten, Holly Hunter, Valerie Adams, Luis Bordonada, Chad E. Brown, Jacob Browne, Hayo Bruins, Edward A. Duran, Bradford Fairbanks, Linda Fazio, Lynda Fazio, Joe Freeman, Howe Gelb, Pam Gow

 

 

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