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Jack and the Giants

 

 


Das Geld ist weg

In Bryan Singers "Jack and the Giants" wartet man vergebens auf den Überschlag ins entfesselt Fantastische.

Für gewöhnlich sehen Filme, die in Hollywood Untergangsstimmung auslösen, nicht so aus wie der heute berühmteste Box-Office-Flop der Filmgeschichte: Michael Ciminos "Heaven's Gate", ein überlebensgroßer, eigensinniger Autorenfilm, dessen Misserfolg sein Produktionsstudio an den Rand des Ruins führte und einer populären Legende zufolge Schuld war am Niedergang New Hollywoods; sondern eher so wie Bryan Singers "Jack and the Giants", einem "revisionistischen Märchenfilm" voller sauteurer Spezialeffekte, der sich höchstens in nachrangigen Details von der mit scheinbar lockerer Hand Millionen einfahrenden Konkurrenz unterscheidet, selbst aber an den Kinokassen gewaltig auf die Nase gefallen ist. Nicht von der Unmöglichkeit eines anderen Kinos (in der negativ noch stets dessen Möglichkeit enthalten ist), nicht von Veränderung erzählen die Blockbusterdesaster der Gegenwart, sondern höchstens von gewissen Absurditäten eines gleichwohl stabilen Status Quo. Mir ist tatsächlich nicht klar, wie "Jack and the Giants" jemals über das Stadium des Studio-Pitchs herausgekommen ist; doch bei zahlreichen anderen, immens erfolgreichen "Nachbarfilmen" verstehe ich das ebenso wenig.

Was alles noch nicht einmal gegen den Film selbst spricht. Anders als das letztjährige Fiasko "John Carter" ist "Jack and the Giants" noch nicht einmal besonders misslungen. Sehr schön ist zum Beispiel der Anfang, wenn die Legende von den Riesen, die im Himmel wohnen und in grauer Vorzeit über Riesenranken auf die Erde gelangt sind und da randaliert haben, vermittels anachronistisch anmutender Animationen, die wie aus einem Computerspiel der neunziger Jahre in die Gegenwart gebeamt wirken, in den Film eindringt. Ein derart offensiver Flirt mit der eigenen Künstlichkeit weckt zwar Hoffnungen, die später im Film nicht eingelöst werden: Da geht es dann doch wieder nur darum, Computereffekt und konventionelles Kamerabild möglichst nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Trotzdem bleibt alles ansprechend dynamisch, die Geschichte um den jungen Jack, der zunächst in den Besitz einiger Zauberbohnen gerät, später dann gegen die Riesen kämpfen, eine reichlich passive Prinzessin retten und eine Intrige gegen das Königreich entschärfen darf, hat einen guten Flow. (Eine Frage hätte ich dann aber doch an den Film: inwiefern handelt es sich bei all dem um ein "revisionistisches" Märchen? Selbst Disney-Animationsfilme kommen inzwischen nicht mehr derart sexistisch-restaurativ daher.)

Andererseits: Wie schon die "X-Men"-Filme desseben Regisseurs ist "Jack and the Giants" im Kern viel zu ernsthaft und nüchtern, um als Fantasyfilm zu funktionieren. Singer ist ein analytischer Regisseur, der seine Filme vom Ganzen her denkt und jede Szene, jedes Detail funktional hält. Das passt zu kleinformatigen, smarten Thrillern wie "The Usual Suspects" oder "Valkyrie" offensichtlich besser als zu den Superhelden- oder eben Märchenrevisions-Spektakeln, die allerdings nun mal das Zentrum der gegenwärtigen Filmindustrie bilden und die auch abseits auteuristischer Überlegungen zumeist seltsam gezähmt, wie in zuviel Geld eingelegt und eingehegt wirken. Auf den Überschlag der mal mehr, mal weniger durchgeknallten Prämissen ins auch tatsächlich entfesselt-Fantastische wartet man nicht nur in diesem Fall vergebens.

Der Film lässt sich auch von den alle paar Minuten eingefügten money shots, der stolz ausgestellten digitalanimierten Grandezza, die nichts anderes bedeutet, als das Geld, das sie verschlungen - und in diesem Fall: vernichtet - hat, nicht aus der Ruhe bringen; im Guten wie im Schlechten. Einerseits zeugt fast jede Szene von okayem Handwerk, andererseits würde man sich doch wünschen, dass man einem Film, der die Millionen gleich dutzendweise verschleudert hat, den Wahnwitz, der im System, das ihn hervorgebracht hat und also irgendwo in ihm selbst stecken muss, auch irgendwie, irgendwo ansehen kann. Das wäre dann auch wieder eine Form von Weltbezug. So aber bleibt nicht viel: Das Geld ist weg, Time Warner wird den Verlust garantiert in einer anderen Geschäftssparte ausgleichen können, die Welt dreht sich weiter und ich frage mich, was ich da genau gesehen habe, in diesen immerhin nur 114 Minuten, die "Jack the Giant Slayer" vor sich hin läuft.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Jack and the Giants

USA 2013 - Originaltitel: Jack the Giant Slayer - Regie: Bryan Singer - Darsteller: Nicholas Hoult, Eleanor Tomlinson, Ewan McGregpr, Stanley Tucci, Eddie Marsan, Ewan Bremmer, Ian McShane - Laufzeit: 114 min. - Dt. Start: 14.03.2013

 

 

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