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I Used To Be Darker

 

Unsicherheit, Angst, Verwirrung, Panik, Wut, Depression, Erschöpfung, Hilflosigkeit. Mit solchen Begriffen lässt sich die Stimmung von „I Used To Be Darker“, dem dritten Spielfilm von Matt Porterfield („Hamilton“, „Putty Hill“) ganz gut beschreiben, zumindest teilweise. Allein, man kann aus dieser Gemengelage widersprüchlicher Gefühle auch noch Kunst machen, die sich sogar noch bestens in das große amerikanische Liederbuch fügt. Eine der Hauptfiguren des Films – Kim – hat eine Band und wir werden Zeuge eines Live-Auftritts in einem Club. Gespielt wird der Song „American Child“, der davon erzählt, sich in schwierigen Zeiten trotzdem für ein Kind zu entscheiden. In dem sehr schönen, fast schon klassischen Folk-Rock-Song heißt es: „Geboren in einem Klima der Angst / Aufgewachsen in Unsicherheit / Auf der Suche nach etwas Echtem / Aufgewachsen in sogenannter Freiheit / Ein weiteres Haus steht zum Verkauf / Wie wollen sie die Hunde fernhalten?“

 

Trotz allem scheint der amerikanische Traum zwar beschädigt, aber noch tragfähig und mit Zukunftsperspektive, wenn man sich einzuschränken lernt. Auch im Song heißt es irgendwann: „Wir werden schon irgendwie zurechtkommen.“ So ist das, wovon der Film erzählt, doch noch auf zweifache Weise zur Kunst geworden – und dieses „Dennoch“ strukturiert auch „I Used To Be Darker“. Die umfassende Krise, die im Song, der zudem auch noch vom „Krieg“ erzählt, ausgesprochen politisch erscheint, äußert sich im Privatleben der Figuren aus der unteren Mittelschicht weitaus profaner und damit »realistischer« als Echo allgemeiner gesellschaftlicher Verunsicherung. Aber: Wer wenig hat, hat auch nicht viel zu verlieren. Eines Tages ruft die 19jährige Taryn bei ihrer Tante Kim und ihrem Onkel Bill in Baltimore an und kündigt ihren Besuch an. Sie steckt bis zum Hals in Problemen, zudem vermuten ihre Eltern sie in Wales. Doch kommt ihr Besuch denkbar ungelegen, denn Kim und Bill haben sich eben erst nicht gerade konfliktfrei getrennt, wovon auch die gemeinsame Tochter Abby, die in New York studiert, alles andere als begeistert ist.

 

Sehr ruhig und mit großer Offenheit erzählt Porterfield von Figuren in der Schwebe: die Jungen haben ihren Ort noch nicht gefunden, die Älteren müssen sich neu orientieren. Ratschläge sind da ein kostbares Gut. Einmal fragt Taryn Kim: „Sind wir alle am Arsch?“ Und es entspinnt sich folgender Dialog: „Ich hoffe doch nicht!“ „Wird es irgendwann leichter?“ „Nein!“ Das klingt zunächst ziemlich desillusioniert, aber später wird der Film auf sehr lakonische, aber auch sehr realistische Weise zeigen, woraus Kraft zu schöpfen ist. Da ist zum Beispiel die Musik, mit der dieser Film wirklich bis zum Rand angefüllt ist. Was auch deshalb funktioniert, weil hier Musiker (Ned Oldham, Kim Taylor) Musiker spielen, die auch dann noch musizieren, wenn sie ihre Musiker-Karriere hinter sich gelassen haben. Der Film gewährt der Musik voller Respekt den zentralen Raum in seinem Diskurs, nutzt sie manchmal als Kommentar zur Figurenpsychologie (vielleicht etwas platt, wenn jemand in Verzweiflung Free Jazz hört, wo sonst Folk-Rock den Takt vorgibt), manchmal auch als Meta-Ebene. Wenn etwa Kim zum Schluss in „Days like this“ singt: „All I wanna do is to live my life honestly!“, dann spricht daraus nicht nur eine Sehnsucht der Figur, sondern explizit wird auch deutlich, dass Porterfield und seiner Co-Autorin Amy Belk die vorgeführten prekären Lebensverhältnisse weniger ökonomisch denn existentiell verstehen.

 

So lässt sich auch der Filmtitel selbst verstehen, der einem Song Bill Callahans entliehen ist, in dem es heißt: „I used to be darker / But then I got lighter / And then I got darker again.“ Das ganze Leben ein einziges Auf und Ab – da ist pragmatischer Improvisationsgeist gefragt, aber für Pessimismus oder Zynismus (und Politik!) kein Raum. So zeigt „I Used To Be Darker“ zwar eine Gruppe von Menschen in der Krise, aber er stellt auch klar, dass diese Krise nicht von Dauer sein wird, wenn man sich intellektuell von der Utopie des Gegenteils von Krise verabschiedet. Im Film ist es Kim, die begonnen hat, sich zu bewegen, um ihrer Vorstellung von „Ehrlichkeit“ näher zu kommen. Die anderen Figuren verharren noch in ihrer Trauer, tauschen sich aus, wenn sie im Swimmingpool baden. Auch im Swimmingpool – ohnehin ein zentrales Motiv in den Filmen Porterfields – kann man mal den Boden unter den Füßen verlieren, aber zugleich dient er der Erfrischung, der Reinigung und der Einkehr.

 

Wer sich vom Traum verabschiedet, dass das Leben einmal „leichter“ fallen wird, wird mit etwas Abstand zur Krise auch die Chancen der Veränderung erkennen. Die Kamera von Jeremy Saulnier macht es gewissermaßen vor, wenn sie den Figuren zwar aufmerksam folgt, aber ihnen auch (aktuell ironisch genug) Privatsphäre einräumt. Und irgendwie passt es zu diesem wohltemperierten, poetischen  Realismus Porterfields, dass sein Film, der auch von der Auflösung einer Familie handelt, am Modell der Familie festhält, auch wenn sie einmal kurzfristig zu einer Art von Kommune »morphen« muss. Willkommen im bohemistischen Biedermeier!

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 

 

 

I Used To Be Darker

USA 2013 - 90 Minuten - Kinostart(D): 09.01.2014 - Regie: Matthew Porterfield - Drehbuch: Amy Belk, Matthew Porterfield - Produktion: Eric Bannat, Steve Holmgren, Ryan Zacarias - Kamera: Jeremy Saulnier - Schnitt: Marc Vives - Darsteller:John Belanger, Deragh Campbell, Jack Carneal, Juan Eloy Carrera, Adèle Exarchopoulos, Geoff Grace, Hannah Gross, Ned Oldham, Nicholas Petr, Declan Sammon, Kim Taylor, Ellis Woodward, Jimi Zhivago

 

 

 

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