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It Follows

 

 



Nicht das Chaos bringt in David Robert Mitchells originellem Horrorfilm "It Follows" den Tod, sondern dessen kurzfristige Suspension.

Vor dem gemeinsamen Kinobesuch schlägt Hugh (Jake Weary) Jay (Maika Monroe) ein Spiel vor: Der erste Spieler wählt unter den Umstehenden einen Menschen, mit dem er gerne tauschen möchte, der zweite muss dann erraten, für wen der erste sich entschieden hat. Und aus welchen Gründen. So geht das eine Weile hin und her - schnell zeigt sich, dass es gute Gründe gibt, in die Haut jedes beliebigen Menschen schlüpfen zu wollen. Als sich Hugh allerdings für den imaginären Tausch mit einer Frau entscheidet, die für Jay unsichtbar ist, beginnt ein anderes, zweites Spiel, das den ganzen restlichen Film über andauert und das dem ersten nicht unähnlich ist: Auch der Horrorfilmplot, den "It Follows" entwirft, dreht sich um den Akt des Auswählens und um nicht-alltägliche Formen von Intimität.

Die Regeln sind nicht ganz unkompliziert (deshalb muss Jay, als sie ihr und uns erklärt werden, erst einmal gefesselt werden, damit sie gut zuhört): Es gibt ein Etwas, das einen, aber eben immer nur einen einzigen Menschen verfolgt und dafür die Gestalt eines anderen Menschen annimmt, der sich langsam, aber unaufhörlich auf das Opfer zubewegt, ganz egal, ob sich nur ein paar Meter oder ganze Kontinente zwischen den beiden befinden. Das Opfer dient als eine Art dynamische Kompassnadel beziehungsweise Magnet und wird diese Rolle nur los, wenn es mit einem anderen Menschen schläft - dann überträgt sie sich auf den Sexpartner. Dummerweise erfährt Jay all das erst, nachdem sie sich mit Hugh auf dem Autorücksitz vergnügt hat.

Es gibt noch ein paar weitere Spielregeln, aber das zentrale Element des Films - und auch seine große Stärke - ist die unhintergehbare, allgegenwärtige (und kein bisschen auserklärte) Latenz der Verfolgung, die jederzeit in eine Präsenz der lebensgefährlichen Bedrohung umschlagen kann. Der Horror von "It Follows" entsteht direkt aus einer Wahrnehmungsverschiebung. Ganz normale, harmlose Filmeinstellungen verwandeln sich in paranoide Suchbilder: Bewegt sich da nicht ganz hinten etwas zwischen den Bäumen? Läuft nicht auf der rechten Bildseite ein Passant merkwürdig langsam und gleichmäßig auf Jay zu?

David Robert Mitchell weiß um die Stärke seines Konzepts - und konstruiert geduldig, in langen, oft durch langsame Schwenks in eine subtile Unruhe versetzten Einstellungen immer neue Beobachtungsdispositive, die auf einer narzisstischen Verzerrung der Wirklichkeit beruhen: Passanten werden nicht mehr als Teil einer kontingenten Soziosphäre wahrgenommen, die sich für mich selbst kein bisschen interessiert, sondern als potentielle Akteure in einem absoluten Bedrohungsszenario, das sich um mich und nur um mich dreht. Was auch heißt: Nicht das Chaos bringt den Tod, sondern dessen kurzfristige Suspension.

Wie sich der Raum jedesmal urplötzlich zu einem linearen Korridor des Schreckens zusammenzieht, wenn sich herausstellt, dass die ewige Verfolgung wieder einmal tatsächlich ihr Ziel zu erreichen droht, dass also aus der Tiefe jemand mit jenseitig finsteren Absichten auf mich/Jay (der Film benötigt, auch das spricht für seine Klasse, kaum Kamerasubjektiven, um diese Gleichsetzung zu erreichen) zustrebt: Das ist schlicht und einfach großartiges Horrorkino. Der eigenwillige Synthie-Score, der sich anhört wie ein Carpenter-Soundtrack auf Valium, tut ein übriges dazu.

Die formale Kontrolle, die der noch junge Regisseur in seinem Zweitwerk offenbart, ist die große Stärke des Films - aber vielleicht auch sein größtes Problem. In aseptische Überkontrolliertheit droht sie vor allem im Umgang mit den Schauspielern umzuschlagen: Absolut alle Darsteller in "It Follows" wirken schon vor dem Auftauchen des wandelnden Virus wie lebende Tote, agieren noch in höchster Erregung seltsam gehemmt, lassen stets unprägnante Pausen zwischen den monoton aufgesagten Sätzen. Im Kleinen sind das oft schön beobachtete Miniaturen der Teenie-Lethargie, aber sie summieren sich zu einem Eindruck der etwas zu allumfassenden Schlaffheit. Die passt durchaus zum urbanen Wasteland Detroit, wo der Film gedreht wurde (anders als in Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" fehlt bei Mitchell jegliche ruinenromantische Emphase - das ist einfach nur alles furchtbar trist, ganz besonders da, wo hinter ungepflegten Vorgärten und ausgebleichten Fassaden noch Reste bürgerlichen Wohlstands zu erahnen sind); und ein wenig passt sie auch zum eigenartigen Retro-Flair des Films, in dem außer einem muschelförmigen Ebook-Reader keinerlei auch nur halbwegs zeitgemäße technische Geräte auftauchen - stattdessen stapelt Mitchell die Röhrenfernseher teils sogar übereinander, im (leider misslungenen) Finale kommt der Vintage-Elektronik gar eine narrative Funktion zu.

Das Problem ist eher, dass die libidinösen Aspekte der Geschichte weitgehend Behauptung bleiben - "It Follows" fühlt sich seiner bahnhofskinotauglichen Prämisse zum Trotz weitgehend asexuell an. Nun muss natürlich nicht jeder Film als ein Karneval der Triebe daher kommen; aber der speziellen Form von teenage angst, auf die der dennoch unbedingt sehenswerte "It Follows" schon qua Prämisse zielt und die auf der unheimlichen Nähe von Bedrohung und Verführung basiert, fehlt es an Resonanzraum - nicht zufällig blendet Mitchell in der einzigen Szene, in der Jay selbst zur Jägerin wird und den Fluch an einen Wildfremden weitergeben will, fast schamhaft ab. Auch sonst nimmt man den Jungs und Mädels, die da durch Detroit schlurfen, einfach nicht ab, dass sie überhaupt ernsthaft in die Versuchung geraten könnten, enthemmt übereinander herzufallen - während andererseits die voraussetzungslose Solidarität, die sie miteinander verbindet und zu einer nichthierarchischen Gemeinschaft formt, absolut glaubwürdig und rührend ist. Vielleicht ist das der letzte, untergründige Clou des Films: Selbst Sex ist für sie vor allem ein Freundschaftsdienst.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
It Follows
USA 2014 - 100 Min. - Start(D): 09.07.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: David Robert Mitchell - Drehbuch: David Robert Mitchell - Produktion: Robyn K. Bennett, P. Jennifer Dana, Frederick W. Green, Rebecca Green, David Kaplan, Corey Large, Erik Rommesmo, Laura D. Smith - Kamera: Mike Gioulakis - Schnitt: Julio Perez IV - Darsteller: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Jake Weary, Olivia Luccardi, Daniel Zovatto, Lili Sepe, Linda Boston, Heather Fairbanks, Ruby Harris, Debbie Williams, Bailey Spry, Christopher Hohman, Aldante Foster - Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH

 

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