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It Follows

 

 


Weh dir, wenn du Sex hast!

„It Follows“ – was für ein genialer, prägnanter, geradezu zwingender Titel für einen Horrorfilm. Dessen ganze Programmatik wird von der schlichten Syntax aus Subjekt und Prädikat umrissen: Verfolgungswahn, die Angst vor dem Unbekannten, die Psychologie des Terrors und die Logik der Bewegung – die ja auch die Logik des Kinos ist. Die Dialektik von Verfolgung und Flucht ist eine zentrale Prämisse des modernen Horrorfilms: Eine unerklärliche Bedrohung nimmt die Spur des Opfers auf – unerbittlich, gnadenlos, tödlich.

Mit einer solchen Bewegung beginnt auch David Robert Mitchells großartige zweite Regie-Arbeit „It Follows“. Die Eröffnungseinstellung zeigt einen abendlichen Straßenzug in einer typischen amerikanischen Vorstadtsiedlung. Langsam schwenkt die Kamera auf ein Haus, aus dem ein junges Mädchen panisch auf die Straße flüchtet. (Im selben Moment setzt auf der Tonspur ein schriller Synthesizer-Puls ein) Ein Verfolger ist nicht zu sehen, der einzige Mensch auf der Straße eine Nachbarin, die gerade ihren Wagen entlädt. In einem ruhigen 360-Grad-Schwenk folgt die Kamera dem Mädchen auf ihrem Weg zurück ins Haus, vorbei am erschrockenen Vater. Sekunden später kommt es erneut angsterfüllt aus dem Haus gerannt, springt ins Auto und fährt hektisch davon. Im Morgengrauen liegt die grotesk verdrehte Leiche des Mädchens an einem See.

Das "It" im Horror-Genre war schon immer ein naher Verwandter des Freudschen "Id": eine bösartige Ausformung des Unbewussten, die Manifestation verdrängter Ängste. Das galt für die Monsterbabys in Larry Cohens Eltern-Schocker „It’s Alive“ von 1974 (Deutscher Titel: „Die Wiege des Bösen“) ebenso wie für den Killer-Clown Pennywise aus Stephen Kings Horror-Klassiker „Es“. Beim Horror-It handelt es sich um ein Spiegelbild der menschlichen Begehrensstruktur. In „It Follows“ ist Es ein böser Fluch, der die pubertierenden Teenager in der verwaisten (und weißen) Einöde der Detroiter Suburbia heimsucht.

Über den Ursprung des Fluchs ist – anders als im prototypischen US-Suburbia-Horror wie John Carpenters „Halloween“, der hier unverkennbar Pate stand, und den „Freddy Krueger“-Filmen – nichts bekannt. Nun ein paar Regeln sind überliefert: Die geisterhafte Kraft, die Jagd auf Jugendliche macht, wird durch Geschlechtsverkehr übertragen. Und sie tritt in stets wechselnder, menschlicher Gestalt in Erscheinung: als alte Frau, als halb verstümmeltes Mädchen oder – besonders perfide – in Person des eigenen Vaters.

Unaufhaltsam, im schleppenden Tempo der Untoten-Kohorten aus George Romeros Zombiefilmen, verfolgt das Böse sein Opfer. Sehen können diese unheimlichen Manifestationen nur die Betroffenen selbst; die einzige Chance, den Fluch loszuwerden, besteht darin, ihn beim Geschlechtsverkehr an eine andere Person weiterzugeben. Die 19-jährige Jay will darum zunächst gar nicht glauben, was ihr Gelegenheitsdate Hugh ihr nach dem ersten Sex mit beunruhigend sachlichem Entsetzen erklärt: Gehe nie in Häuser mit nur einem Eingang! Bleib niemals stehen, sonst kriegt Es Dich! Dann lädt er das traumatisierte Mädchen vor dem Haus der Eltern ab und verschwindet.

„It Follows“ ist eine werkgetreue Hommage an den klassischen amerikanischen Horrorfilm der 1970er- und 1980er-Jahre – und gleichzeitig ein Coming-of-Age-Film, der mit seinem weichen Sommerlicht und einem hypnotischen Bilderfluss von den melancholischen Jugendimpressionen eines Larry Clarke oder Gus Van Sant beeinflusst ist. Infektionshorror und Adoleszenz. Schon in den 1990er-Jahren haben sich Wes Cravens „Scream“-Filme einen Spaß aus dem bigotten Regelwerk des New American Horror gemacht: Die promiskuitiven Teenager sterben zuerst, das final girl (die einzige Überlebende des Gemetzels) ist die tugendhafte Unschuld im Nachthemd. Die lustfeindliche Moral des amerikanischen Horrorkinos war damals ein Vorbote der anbrechenden Reagan-Ära. Das Genre zeigte sich von seiner reaktionären Seite.

Mitchell bezieht sich in „It Follows“ auf diese etwas eingerostete Metaphorik, aber die Kamera von Mike Gioulakis ist viel zu feinfühlig, um die Lebenswirklichkeit der jugendlichen Protagonisten auf deren Sexualität zu reduzieren. Die teenage angst entspinnt sich aus einem komplexen Geflecht persönlicher Konflikte. Die Kamera registriert diese beinahe beiläufig, etwa bei Jays kurzem, prüfendem Blick in den Spiegel oder ihrem gedankenverlorenen Sich-Treiben-Lassen im Swimming Pool. Fast bekommt man den Eindruck, dass der unbekannte Eindringling die letzte Hürde vor dem Übergang in die Welt der Erwachsenen symbolisiert (die in „It Follows“ merkwürdig abwesend sind). Eben noch starrten Paul, Yara und Kelly gelangweilt auf den vorsintflutlichen Fernseher, auf dem alte B-Horrorfilme laufen, im nächsten Moment helfen sie der Schwester und Freundin bei der Suche nach ihrer unsichtbaren Nemesis. Die gemeinsamen Fahrten durch die menschenleere Suburbia, aus den Außenbezirken in das verarmte, verfallene Stadtzentrum (der Horrorfilm als Road Movie) sind auch ein Coming-of-Age-Ritus – ähnlich wie die Fummel- und Pyjama-Partys in Mitchells Debütfilm „The Myth Of The American Sleepover“, der noch ohne den namenlosen Schrecken der Adoleszenz auskam.

Dass Sex in „It Follows“ trotz der emotionalen Verunsicherung, die er mit sich bringt, auch als etwas Befreiendes verstanden wird, ist eine jüngere Entwicklung im Horrorfilm, die gerade im skandinavischen Arthouse-Horror der vergangenen Jahre ein paar schöne und faszinierende Filme hervorgebracht hat. „So finster die Nacht“ von Tomas Alfredson und Jonas Alexander Arnbys „When Animals Dream“ beschreiben das schwer zu kontrollierende Begehren ihrer Protagonistinnen als Ausdruck körperlicher Ermächtigung: einer selbstbestimmten (weiblichen) Identität. In diesem Sinne steht auch bei Mitchell das „It“ nicht mehr als strafende Instanz. Irgendwann dreht sich in „It Follows“ die Fluchtbewegung um, wird aus der Gejagten die Jägerin. Jay stellt sich ihrem Es. An der Schlusseinstellung können sich noch Generationen von angehenden Psychoanalytikern die Zähne ausbeißen.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Die Zeit online

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
It Follows
USA 2014 - 100 Min. - Start(D): 09.07.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: David Robert Mitchell - Drehbuch: David Robert Mitchell - Produktion: Robyn K. Bennett, P. Jennifer Dana, Frederick W. Green, Rebecca Green, David Kaplan, Corey Large, Erik Rommesmo, Laura D. Smith - Kamera: Mike Gioulakis - Schnitt: Julio Perez IV - Darsteller: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Jake Weary, Olivia Luccardi, Daniel Zovatto, Lili Sepe, Linda Boston, Heather Fairbanks, Ruby Harris, Debbie Williams, Bailey Spry, Christopher Hohman, Aldante Foster - Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH

 

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