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Iron Sky - Wir kommen in Frieden!

 

 

Lachen über alles

Der Titel ist in mehrerlei Hinsicht Programm: In "Iron Sky" ist vieles aus Eisen und fast alles in Stahlgrautönen gehalten, und mit einigem Recht schwelgt die Inszenierung in der Gigantomanie digitaler und physischer Metalllarchitekturen. So auch bei Raumschiffschlachten am Himmel, hoch oben oder gleich über New York, zwischen den USA und Invasoren, die per Riesenzeppelin von ihrer versteckten Basis auf der Rückseite des Mondes aus anno 2018 zur Rückeroberung ihres einstigen Heimatplaneten antreten. "Wir kommen in Frieden!" lautet die Titel-Byline des Films.

Eisern ist der Himmel und himmelweit offen das Panorama der Satire in dieser sich selbst so definierenden "Sci-Fi-Komödie". In Anklang an Tim Burtons - in jedem Punkt ungleich schlaueren und irreren - "Mars Attacks" (1996) werden hier alle als hässlich, korrupt und machtneurotisch hingestellt, verstrickt in ihre Gelüste, Eitelkeiten und die Eigendynamik ihrer gruppenspezifischen Redeweisen: die strammen und doch untereinander in Rivalität zerstrittenen Invasoren, die weiße US-Präsidentin mit ihrem Slogan "Yes, she can" und ihrem Buhlen um schwarze Wählergunst (um deretwillen sie einen afroamerikanischen Astronaut auf den Mond entsendet, der den ganzen Film über viel Blackness-Speak strapaziert), ferner ihr militärischer und ziviler Beraterstab, diverse UNO-Delegierte im Dauerzank, unter ihnen ein dem Oberst Gaddafi nachempfundener. Bezieht sich "Iron" hier auch auf die Ironie, in deren stahlhartes Gehäuse "Iron Sky" sich umso mehr einschließt, je mehr er gegen Ende auf heilloses Chaos setzt, das bloß die Anmutung von Lachzwang und bleischwerer Konfusion versprüht?

Wenn wir von der an Freitaghauptabendfernsehen gemahnenden Lichtsetzung und Tonmischung des Films absehen, zugunsten der Faktoren, die die PR-Linie zu diesem Trash-Handstreich sich selbst zugute hält - was bleibt zu erwähnen? Die Regie stammt von dem jungen finnischen Do-It-Yourself-SciFi-Satiriker Timo Vuorensola, und er hat in jahrelanger Mühsal, wie man so sagt, Einige(s) bewegt: den im Status lebender Legendenschaft erstarrten Udo Kier zum Mitspielen (an der Seite von Julia Dietze, Götz Otto und Tilo Prückner), ferner die Industrial-Altspatzen Laibach zu Beiträgen zu einem platten Soundtrack (Marschmusik, Easy Listening, "Star Spangled Banner"-Variation) - und schließlich eine weltweit vernetzte Gemeinde potenzieller Fans zum Stopfen von Budgetlücken dieser deutsch-finnisch-australischen Koproduktion. Im Gegenzug darf die Community sich selbst oder ihre Ideen in Teilen in den Film reinreklamieren. (So sieht er auch aus? Was? Das hab ich nicht gesagt!) Wir notieren: crowd funding, mit Zusatz "innovative Geschäftsidee", ab jetzt Fallstudie im Betriebswirtschaftslehregrundkurs.

Allein, die Sache hat noch einen Haken, ausgehend vom Hakenkreuzgrundriss der Raumbasis. Die Invasoren sind Nazis, die 1945 auf den Mond geflohen sind und dort ein lunares Regime unter einem Führer namens Kortzfleisch aufrechterhalten. Den Nationalsozialismus und sein Bild macht der Film, wie gesagt, zum Teil-Ziel eines Rundumschlags, der auf die Einsicht hinausläuft: Alle spinnen - und manche tragen dabei noch SS-Uniform. Das passiert im Kino immer wieder mal und wird dadurch nicht weniger falsch. Ein Vergleich liegt allzu nah: "Inglourious Basterds", mit dessen lang nachglühender Strahlkraft auch "Iron Sky" sein Kultsüppchen kochen möchte, war ein pointierter Film mit einem bildpolitischen Konzept (artikuliert im Horizont der Trashtraditionsbespielung, warum auch nicht?); Tarantinos Inszenierung setzte an beim engen Fokus auf ein Verständnis von Nazismus als Gewaltpolitik aus Rassenhass und antisemitischem Wahn - und beim jüdischen Widerstand dagegen, zumal bei einem Bruch von Erwartungen und Benimmregeln, ausgelöst durch das nachgerade obszöne Erscheinen von Handlungsmacht seitens jener, denen die Geschichtsbilderkultur bis vor ganz kurzer Zeit kaum je gestattet hat, die Rolle "reiner" Opfer zu überschreiten. (Nicht zu vergessen den charmanten, eloquenten Wiener SS-Mann - eben kein Kauz, Dickwanst oder Choleriker wie so viele andere Kinonazis -, dessen Bild klar machte, dass das Kernproblem und -verbrechen am Nazismus etwas anderes ist als Fettsucht oder chronische Übellaunigkeit.)

Anders gesagt: Es spricht grundsätzlich rein gar nichts gegen einen Film, der Nazis zeigt und dabei als Partyknaller daherkommen will - aber dann dürfen nicht nur Eisentrümmer durch den Himmel, sondern muss eben auch eine Nazi-Party in die Luft fliegen (und mit ihr dasjenige an Sinnbestand, was deren heutige kulturnationalistische und staatsrassistische Nachfolgeschaft antreibt). Nochmal anders gesagt: Die so notorische wie völlig sinnlose - weil von ihrer Logik her politisch-ästhetische Positionierung durch Unschulds- und Hygienemoral ersetzende - Frage, ob man über Nazis lachen darf, sie stellt sich bei "Iron Sky" nicht: Der Film zielt erstens nicht auf Nazis (oder auf politische Aspekte ihrer Popkultur- und Medienbilder), sondern auf Allzumenschliches (das er auch nicht trifft), und zweitens bietet er nichts zum Lachen.

Benotung des Films: (2/10)

Drehli Robnik

Dieser Text ist zuerst erschienen in der www.filmgazette.de

 


Iron Sky - Wir kommen in Frieden!
OT: Iron Sky
Finnland / Deutschland / Australien 2012 - 93 min.
Regie: Timo Vuorensola - Drehbuch: Johanna Sinisalo, Jarmo Puskala, Michael Kalesniko - Produktion: Oliver Damian, Tero Kaukomaa, Samuli Torssonen, Cathy Overett, Mark Overett, San Fu Maltha - Kamera: Mika Orasmaa - Schnitt: Suresh Ayyar, Courtney O'Brien-Brown - Musik: Laibach - Verleih: Polyband - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Julia Dietze, Götz Otto, Udo Kier, Christopher Kirby, Tilo Prückner, Peta Sergeant, Stephanie Paul, Kym Jackson
Kinostart (D): 05.04.2012

 

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