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Der Iran-Job

Dass sich ein afroamerikanischer Profispieler 2008 in der iranischen Basketball-Superliga verpflichten durfte, also mitten während der anschwellenden Streitigkeiten zwischen den USA und dem Iran, ist für den durchschnittlichen westlichen Nachrichtenkonsumenten schwer vorstellbar, womit wieder der Bedarf an einer differenzierteren Berichterstattung aus diktatorisch regierten Ländern bewiesen wäre, der zunehmenden Abneigung der Öffentlich-Rechtlichen gegenüber dokumentarischen Formaten zum Trotz.

Der Deutsche Till Schauder fand zu seinem kuriosen Sujet über die eigene Leidenschaft für den Sport und seine iranisch-stämmige Ehefrau, eine Filmproduzentin, mit der er in New York lebt. Durch den persönlichen Bezug fiel ihm irgendwann auf, dass sich neuerdings immer wieder weniger erfolgreiche US-Spieler in das basketballbegeisterte „Feindesland“ wagen, das ihren Nachhilfeeinsatz großzügig honoriert. An einen von ihnen, dem so unkomplizierten wie neugierigen Kevin Sheppard, hängte er sich nach langer Suche dran, um herauszufinden, ob dessen Anwesenheit am Persischen Golf etwas zur Völkerverständigung beitragen konnte. Fast wäre sein Anliegen gescheitert, da die meisten der in Frage kommenden Kandidaten eine Teilnahme verweigerten. Die US-Behörden hatten sie bereits mit Geldstrafen für ihre Missachtung des Wirtschaftsembargos ins Visier genommen.

Weil ihm das Journalistenvisum verwehrt wurde, reiste Schauder mehrfach als Tourist in die „Islamische Republik“ ein und drehte als Einzelkämpfer mit kleinster Ausstattung und ohne Genehmigung. Er nahm das Training auf, die hoffnungslosen Versuche, den abgehängten Verein A.S. Shiraz innerhalb einer Saison wieder bei den Turnieren ins Spiel zu bringen, aber auch die offen warmherzigen Reaktionen der Fans und Mitspieler, die trotz der im Stadtbild sichtbaren antiamerikanischen Propaganda den fremden „Star“ mit Lobeshymnen auf die Freiheit in den USA überraschten. Während Oppositionsführer Mussavi im Wahlkampf gegen Ahmadinedschad in Erscheinung trat und Präsident Obama seine erste Amtszeit in Angriff nahm, kollidierten hin und wieder zwar die unterschiedlichen Mentalitäten, dank der lässigen Anpassungsfähigkeit des Amerikaners tragen sie aber eher zur Erheiterung des Zuschauers bei als zu dramaturgisch wertvollen Konflikten.

Im Verlauf des mit iranischem Rap unterlegten Films mausert sich selbst seine WG mit einem serbischen Kollegen zum Austragungsort politisch-gesellschaftlicher Debatten, und das, obwohl Sheppard mit dem festen Vorsatz der unpolitischen Neutralität ins Land gekommen ist. Ganz nebenbei gelangen hier beeindruckende Begegnungen, etwa mit einer erstaunlich selbstbewussten iranischen Physiotherapeutin, die Schauder eine Gruppe befreundeter Frauen vorstellte: aufgeklärt, gebildet, modern – und verbannt hinter den verhassten Schleier. Die Unzufriedenheit und Wut dieser jungen Generation gegenüber dem autokratischen Männer-Regime fing die buchstäblich direkte HDV-Camcorder-Kamera mit Gespür für feinste Gefühlsnuancen ein, Vorstufen eines im Verlauf der Drehzeit gärenden Aufruhrs, der in der „Grünen Revolution“ seinen vorläufigen Höhepunkt fand und dem Regisseur einen Kurzaufenthalt in einem provisorischen Gefängnis auf dem Teheraner Flughafen bescherte.

Alexandra Wach

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: FILM-DIENST 4/2013

 

Der Iran Job

(The Iran Job) - USA, Iran 2012 - 91 Minuten - Kinostart: 21.02.2013 - FSK-Altersfreigabe: ab 12 Jahren - Regie:Till Schauder - Produktion: Sara Nodjoumi, Till Schauder - Bildgestaltung: Till Schauder - Schnitt: David Teague - Musik: Kareem Roustom Darsteller: Kevin Sheppard - Verleih: Real Fiction
 

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