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Ip Man 3


 

 

 

Die Ehre der ausländischen Teufel

Ein mönchischer Kampfsportheld nimmt in Wilson Yips "Ip Man 3" zum wiederholten Mal den Kampf gegen diverse harte Jungs auf.

Mu ren zhuang heißt das Trainingsgerät, mit dem sich Ip Man (Donnie Yen) gleich in der ersten Szene des Films beschäftigt: Ein ungefähr mannshoher, runder Pfahl, aus dem auf unterschiedlichen Höhen mehrere dünnere, waagrechte Pfähle ragen. Deutlich erkennbar ist das die Abstraktion eines lebendigen Menschen mitsamt Gliedmaßen. Abstrahiert wird von allem, was für das Einüben der Kampfkunst Wing Chun, deren Großmeister der historisch verbürgte Ip Man war, nicht benötigt wird (also vor allem vom Kopf, und damit vom Denken und Fühlen). Ganz bei sich selbst scheint Ip Man nur mit seinem Mur ren zhung zu sein, wenn er in seinem schlichten, schwarzen, hochgeschlossenen Trainingskluft vor diesem Trainingsgerät steht und konzentriert seine Schlag- und Trittkombinationen einübt: Das hat etwas Kontemplativ-Regeneratives, aber auch etwas Mönchisch-Weltabgewandtes.

In diesem Sinn steht das Mur ren zhung nicht nur für Abstraktion, sondern auch für Verdrängung. Besonders deutlich wird das in einer der schönsten Szene des Films: Im Angesicht einer privaten Krise, im hochemotionalen Ausnahmezustand, wendet Ip Man sich von seiner (ihn um einige Zentimeter Körpergröße überragenden) Frau Cheung Wing-Sing (Lynn Hung) ab und dem Holzmenschen zu. Gemeinsam mit Cheung blickt der Film auf den schon wieder selbstvergessen Trainierenden und vermisst dabei nicht nur die Distanz zwischen zwei Liebenden, sondern offenbart außerdem eine grundsätzlichere Kluft, die sich zwischen Ip Mans transzendentalem Idealismus und dem Chaos menschlicher Gefühlswelten auftut. Jedenfalls ist das Mur ren zhung ein sonderbar starrer, unkommunikativer Ruhepol im Zentrum eines von Wilson Yip souverän inszenierten Actionblockbusters, dessen hauptsächliche Attraktionen Muskeleruptionen und Bewegungskaskaden sind.

Der narrative Rahmen dieses von Yip und seinem Adjutanten, dem Altmeister Yuen Woo Ping (der wundervolle Beruf des Martial-Arts-Choreografen ist nicht das kleinste Geschenk, das das Hongkong-Kino der Welt gemacht hat) gewohnt effektiv orchestrierten Kampfkunst-Spektakels sollte zumindest dem chinesischen Publikum inzwischen geläufig sein. Tatsächlich sind in den letzten Jahren nicht nur, wie der Titel des aktuellen Beitrags nahe legt, drei, sondern ganze sechs Filme über Ip Mans Leben entstanden: Zusätzlich zur gefälligen, aber recht glatten Blockbuster-Trilogie des Teams Yen / Yip erschien noch Wong Kar Wais Arthaus-Variation "The Grandmaster", sowie zwei kleiner büdgetierte Arbeiten des unterschätzten Vielfilmers Herman Yau. Dessen "Ip Man: The Final Fight" ist der mit Abstand beste Film der Serie - auch, weil er die Genreattraktionen um ein desillusioniertes Geschichtsbild ergänzt, das allen Heroismus ins Leere laufen lässt.

"Ip Man 3" erscheint dagegen ziemlich fragwürdig, wenn man den Versuch unternimmt, ihn als historische Erzählung ernst zu nehmen. Der Kampf der Hongkonger Kampfsportler gegen die "foreign devils" wird diesmal nicht im Namen von Freiheitsrechten und Selbstbestimmung, sondern von Law and Order und konfuzianistischer Familienideologie ausgefochten. Insbesondere, wenn Ip Man mit polizeilicher Unterstützung eine Gruppe wütender Hafenarbeiter niederknüppelt, die äußerlich genauso gut Gewerkschaftler wie Gangmitglieder sein könnten, schleicht sich ein autoritärer Tonfall in den Film, der durchaus mit den Ängsten vieler Hongkonger vor gesellschaftlichen Verhärtungen im Zuge der schrittweisen Integration der einstigen britischen Kronkolonie in den chinesischen Zentralstaat zu tun haben könnte.

Glücklicherweise halten sich die historiografischen Ambitionen von Yen und Yip in engen Grenzen - jedenfalls verflüchtigt sich der erwähnte Tonfall ziemlich gründlich, sobald das Martial-Arts-Gefecht richtig Fahrt aufnimmt; erst recht, wenn Mike Tyson auf den Plan tritt, um die Ehre der ausländischen Teufel zu retten. Außerdem haben die Prügelexzesse diesmal eine sentimentale Schlagseite, die nicht neu ist in der Filmserie, die aber mehr Raum als in den Vorgängerfilmen beansprucht; und die sich bereits in der ersten Filmszene manifestiert, wenn der zarte Flügelschlag eines Schmetterlings die Trainingssession unterbricht.

Später geht es nicht nur um Ip Mans selten friedlich beilegbaren Auseinandersetzungen mit diversen harten Jungs, die im Hongkong der späten 1950er Jahre dem allseits geschätzen Kampfkunstexperten (und Lehrer Bruce Lees) aus dem einen oder anderen Grund ans Leder wollen, sondern immer auch um sein Familienleben, inbesondere um das zwar rührend zärtliche, gleichzeitig aber komplett entkörperlichte Verhältnis zu Cheung. Es gibt in dieser (freilich, der untypische Größenunterschied bricht das kein bisschen auf, klassisch patriarchalen) Beziehung schöne Blickwechsel, und einmal sieht man das Paar durch ihr in gedeckten Farben eingerichtetes Anwesen tanzen, fast schon schweben - beim Sex kann man sich die beiden, und inbesondere den nunmal lieber an Holzpfählen als an Menschen hantierenden Ip Man, allerdings beim besten Willen nicht vorstellen.

Lukas Foerster

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

  

Ip Man 3
(Yip Man 3) - Hongkong 2015 - 115 Min. - Start(D): 07.04.2016 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Wilson Yip - Drehbuch: Edmond Wong - Produktion: John Chong - Kamera: Kenny Tse - Schnitt: Ka-Fai Cheung - Musik: Kenji Kawai - Darsteller: Donnie Yen, Patrick Tam, Jin Zhang, Lynn Hung, Mike Tyson, Kent Cheng, Kang Yu, Meng Lo, Ka-Yan Leung, Karena Ng, Siu-Hung Leung, Kai-Chung Cheung, Babyjohn Choi, Sarut Khanwilai - Verleih: KSM

 

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