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Insidious 

 

 

Ganz schlauen Horror, der auf subtile Mittel des Schreckens souverän verzichtet, bringt James Wans Geisterbahn des Verdrängten mit dem Titel "Insidious" auf den Tisch.

Den unwillkürlichen Schrecken mit Mitteln des Handwerks willkürlich herbeiführen: darum geht es im Horrorfilm. In einer Hinsicht sind dem Kritiker da auf der einen Seite in der Beurteilung alle Argumente schnell aus den Händen geschlagen: Diese Herbeiführung gelingt im je einzelnen Zuschauerfall oder sie gelingt nicht. Man kann das Handwerk beurteilen, kann im Zweifelsfall aufgrund der unwillkürlichen Reaktionen eines Publikums manchmal nur staunen: In Oren Pelis "Paranormal Activity" etwa, einer mockumentarischen Version nächtlichen Haus-Horrors, haben sich Millionen Menschen furchtbar gegruselt, ich dagegen habe mich schrecklich gelangweilt. Peli hat nun auch James "Saw" Wans unendlich brachialeren - dabei jugendfreien - Schocker "Insidious" koproduziert. Der schrappte, kann ich zum Register unwillkürlicher Schrecken nur sagen, bei mir mit Holter und Polter sehr am Nervenkostüm.

Subtil ist "Insidious" auf einer ersten Ebene nicht. Originell sind die Mittel, mit denen er den Zuschauer, jedenfalls mich, in Angst und Schrecken versetzt, ebenso wenig. Anders gesagt: Man sieht und hört diese Mittel. Sie verstecken sich nicht, ganz im Gegenteil, James Wan stellt sie von Anfang an aus. Wenn etwa im Vorspann schon die Kamera durchs Innere eines Hauses schwebt, ist das ein uralter Trick. Die Grammatik des Kinos sieht als normalen Fall vor, dass die Bewegung der Kamera durch etwas anderes als sich selbst motiviert ist. Etwas bewegt sich im Blickfeld und sie bewegt sich "objektiv" mit. Mit Blendenbewegungen wie "Zooms" (leider etwas aus der Mode gekommen) werden einzelne Dinge unterstrichen und betont. Wenn aber die Kamera sich ohne äußeren Anlass in Bewegung setzt, dann hat das - im Rahmen des Standard-Erzählfilms - stets etwas Unheimliches. Sie scheint so etwas zu sagen und spüren zu machen wie: da ist ein Anlass, nur kennnst Du ihn nicht. Also sieht man Geister.

Sehr oft bewegt sich die Kamera in "Insidious" unmotiviert. Rasche Zufahrten, Schweben und Gleiten, rasant pointierende Bewegungen: auf nichts davon verzichtet James Wan. Dramaturgisch geschickt, aber wiederum alles andere als originell, ist der Film darin, eher ruhig anzufangen. Etabliert wird Kleinfamilienglück im neu bezogenen Haus. Mutter und Kind tragen Schlafanzüge mit identischem Muster, so wird auf etwas übertrieben deutliche (auch: nicht ganz unkomische) Weise schon Nähe und Identifikation hergestellt - und zwischen Mutter-Sohn-Dyade und Vater-Figur bereits eine erste Distanz dargestellt.

Man ahnt auch sogleich: umso heftiger wird der Riss sein, der da entsteht, wo diese Symbiose zerstört wird. Alsbald folgt diese Zerstörung. Sehr genau und bewusst legt der Film dabei Spuren in die Vergangenheit eben des Vaters. Was hier hervortritt, sind Geschehnisse seiner Kindheit, die er verdrängt hat. Die werden nun Horrorgestalt und die doppelte Lesbarkeit von Familie/Haus/Vergangenheit/Horror macht die Schlauheit des Drehbuchs aus. Mit Ruhe in Kleinfamilie und Haus ist dann in der Tat Sense. Durch den Riss dringt eine perhorreszierte Außenwelt ein. Der Film erzählt, wie viele andere auch, die Geschichte von der Störung und (nicht notwendig gelingenden) Wiederherstellung der kleinfamilialen Ordnung und Ruhe. Der Vater muss den Sohn von einem "Irgendwo Anders", das hier als "Further" zum Jenseits diesseitig liegt, holen. So wäre der Frieden wiederhergestellt, das Eindringen der Astralleibverwandtschaft verhindert.

Astralleibverwandtschaft, well, well. Der Hokuspokus feiert ganz schön fröhlichen Urstand. Das Erfreuliche daran ist: Regisseur James Wan weiß das und tut gar nicht erst ernst. Mitten im Film kommt der bis dahin durch vielerlei musikalisch mit Wumms und fanatischem Streichereinsatz ans Ende ihrer nervlichen Belastbarkeit getriebenen Familie ein gar merkwürdiges Team ins Haus. Eine ältere Dame mit Namen Elise sowie ihre zwei bizarr ausgestatteten Ghostbuster-Nerd-Assistenten. Von diesem Auftreten an treibt es "Insidious" toll. Der Film wird zur Geisterbahn und ist auch noch stolz drauf. Aus Türen und Schränken treten aufgedonnerte Leichen und des Vaters Reise durchs Further ist aufs allerdings Schönste von keinem Geringeren als David Lynch (plus kurz und wild mal von der Svankmajer/Quay-Tradition) inspiriert, was dazu führt, dass er den Familienhorror in einer herrlichen Mordinstallation gleich noch einmal redupliziert. Mit seinem Laternchen schleicht der Vater zur Rettung des Sohns durchs Dunkel einer anderen Welt, während das eigene Zuhause längst selbst zum Freak-Kabinett geworfen ist. Man darf das Ende nicht verraten, jedoch sei so viel gesagt: Es ist mehr als ein beliebiger Twist. Die Botschaft des Films nämlich ist, Astralleiber hin, Horrorschrecknisse vertrauter Machart her, eine verdammt schlaue Geisterbahn mit ganz klarer Botschaft: Ist die Haus-Ordnung erst einmal ruiniert, dann kehrt so schnell kein Frieden mehr ein.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Insidious
USA 2010 - Regie: James Wan - Darsteller: Patrick Wilson, Rose Byrne, Barbara Hershey, Lin Shaye, Ty Simpkins, Andrew Astor, Angus Sampson, Leigh Whannell, Corbett Tuck, Heather Tocquigny, Ruben Pla - FSK: ab 16 - Länge: 102 min. - Start: 21.7.2011

 

 

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