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Inside Llewyn Davis

 

Die Coen-Brüder zeigen in ihrer pophistorisch ambitionierten Folkmusik-Saga "Inside Llewyn Davis", wie ein Musiker genau die eine entscheidende Millisekunde zu früh kommt.

Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist ein Mensch, für den es keinen Ort gibt. Wohnungslos, mit Hundeblick und allenfalls dürftigen Klamotten angesichts der Witterung im winterlichen New York des Jahres 1961 zieht der Folkmusiker tagsüber durch die Stadt und in der Nacht über die Sofas arrivierter Gönner (in deren Wohnungen er so deplatziert wie schusselig wirkt) und prekärer Musikerfreunde (die davon wenig begeistert sind). Und schlimmer noch, nicht einmal die Zeit ist auf seiner Seite: Seine Lieder, verinnerlicht im legendären Gaslight Café vorgetragen, nehmen zwar bereits die Wende innerhalb der populären Musik von zuvor industriell normierten Standards hin zu einer Ästhetik des authentischen Ausdrucks einer Künstlerpersona vorweg, doch historisch betrachtet genau jene eine entscheidende Millisekunde zu früh, um als Pionier in die Geschichte einzugehen. Schon wenig später wird diese Art der Musik, genau von dieser Spielstätte aus, auf Jahrzehnte weithin Wellen schlagen - bis hin zum heute wieder sehr optionalen Modell des Singer-Songwriters. Den zentralen Impulsgeber, Bob Dylan, sieht man ganz am Ende dieses Films auf derselben Bühne spielen wie zuvor Llewyn Davis, der in diesem Moment hinter dem Schuppen liegt wie ein geprügelter Hund in der Gosse. Schon im März 1962 kommt Dylans Debütalbum auf den Markt, Llewyn Davis ist da längst vergessen.

Wobei auch Llewyn Davis ein Debütalbum vorzuweisen hat (wie wohl jeder Musiker in diesem Milieu). In einer schrecklich-schönen Szene lernt man die Plattenfirma kennen, in der die Widrigkeiten des Lebens - typisch für die Coen-Brüder - geradezu greifbar im Raum zu stehen scheinen: In einer modrigen Zweizimmer-Hinterhof-Firma mit einem für die Bedürfnisse des Künstlers völlig unzugänglichen Geschäftsmann und einer ältlichen Sekretärin, deren Engagement an Arbeitsverweigerung grenzt, stapeln sich kistenweise unverkaufte Exemplare. Die dürftigen Tantiemen reichen nicht mal für einen Wintermantel. Der Marktwert künstlerischer Integrität lag damals offenbar noch mehr am Boden als heute. Ein kleines bisschen Geld, aber langfristig keine Tantiemen, bringen immerhin Engagements als Studiomusiker für hübsch beknackte, chartsorientierte Songs seiner Freunde, die Davis dafür aufrichtig verachtet.

Dieser prekäre, an seiner Sehnsucht nach künstlerischer Integrität schwer tragende Llewyn Davis ist, natürlich, eine Erfindung der Coen-Brüder, auch wenn Anklänge an die Biografie des Folkmusikers Dave von Ronk auszumachen sind. Gut vorstellen kann man sich aber, dass dieser Llewyn Davis heute, wo geradezu Goldgräberstimmung herrscht, was die Wiederentdeckung verschütteter, von der Geschichte übergangener Künstler betrifft, späten Ruhm erntet, mit schönen Re-Issues, kundigen Liner Notes und stylishen Doku-Porträtfilmen. Einen späten Ruhm, auf den Davis in dieser rein äußerlich anheimelnd schön anzusehenden Welt abseits geheizter Wohnungen, noch nicht einmal vertröstet wird, auch wenn er als Ahnung immerhin im Raum steht.

Gleich zwei frühere Filme der Coen-Brüder kreuzen sich hier: Den kaum auflösbaren Widerstreit zwischen Kunst und Kulturindustrie thematisierten sie bereits 1991 in "Barton Fink", in dem ein ambitionierter Theaterautor in der höllenartigen Drehbuch-Schreibfabrik des klassischen Hollywood unterzugehen droht. Den amalgamisierenden Ursprüngen der populären amerikanischen Musik forschten die Coens unterdessen in "O Brother Where Art Thou" (2000) nach, einer Adaption von Homers "Odyssee". Dass die schöne Katze, die David beim morgendlichen Verlassen einer prächtigen Gönnerwohnung aussperrt und fortan als Ausweis der eigenen Lebensuntüchtigkeit - aber auch der etwas desorientierten Empathiefähigkeit - mit sich herumträgt, dass diese Katze auf den Namen Ulysses hört, ist definitiv kein Zufall.

Der ausgestellt postmoderne Charakter beider Vorgängerfilme verflüchtigt sich in "Inside Llewyn Davis" unterdessen fast vollkommen. Ähnlich wie Barton Fink reist auch Llewyn Davis zwar in eine Art metaphorischen Höllenkreis - in Form einer schrecklichen PKW-Tournee durchs Hinterland mit einem noch schrecklicheren John Goodman, der die schrecklichste Frisur seines Lebens spazieren trägt -, doch bleibt die Welt in "Inside Llewyn Davis" erstaunlich intakt, verkommt nicht zum Witz von Dekor und Zitat. Sagte man den Coens früher gerne mangelnde Empathie gegenüber ihren Figuren nach, sind sie hier ihrem Protagonisten - der vom Barton-Fink'schen Ekel vor der Mittelmäßigkeit schon auch nicht ganz frei ist - menschlich doch erstaunlich zugewandt. Und auch wenn Llewyn Davis zu Beginn und - weil die Coens sich schon immer sehr für kreisrunde Formen interessiert haben - am Ende in der Gosse liegt, keimt in diesem oft bitter-süßen Film doch auch ein wenig Hoffnung auf. "Das ist also das Pflaster", denkt sich Harry Gelb am Ende von Jörg Fausers "Rohstoff" in einer ganz ähnlichen Situation, aber auch, im letzten Satz: "Wenn das so ist, kann ich auch aufstehen."

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Inside Llewyn Davis
USA 2013 - 104 min.
Regie: Ethan Coen, Joel Coen - Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen - Produktion: Ethan Coen, Joel Coen, Scott Rubin - Kamera: Bruno Delbonnel - Schnitt: Ethan Coen, Joel Coen - Verleih: StudioCanal - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Carey Mulligan, Adam Driver, Justin Timberlake, John Goodman, Garrett Hedlund, Oscar Isaac, Alex Karpovsky, F. Murray Abraham, Max Casella, Ricardo Cordero, Ethan Phillips, Stark Sands, Jake Ryan, Jeanine Serralles, James Colby - Kinostart (D): 05.12.2013

 

 

 

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