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In Sarmatien

 

 

Was zu hoffen bleibt

Es ist natürlich ein Zufall und auch nur sehr bedingt ein schöner, aber "In Sarmatien", der neue Film von Volker Koepp, sollte in der kommenden Woche, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, an der Spitze der europäischen Kino-Charts stehen. Volker Koepp selbst wird das nicht freuen, denn eigentlich sendet er ja seit Jahrzehnten "Grüße aus Sarmatien". Seit er 1963 Johannes Bobrowskis schmalen Lyrikband "Sarmatische Zeit" für sich entdeckte. "Sarmatien" - so nannten die Griechen einst ihr Ende der Welt: die Gegend östlich der Weichsel und westlich der Wolga, sich erstreckend von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Heute sagt man dazu Litauen, Ukraine, Weißrussland, Moldawien - und geografisch könnte man von der Mitte Europas sprechen.

Koepp hat in diesem geografischen Raum schon einige Filme wie "Kalte Heimat" (1995), "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" (1998), "Kurische Nehrung" (2001) oder "Dieses Jahr in Czernowitz" (2003) gedreht und so kann er alte Fäden aufnehmen und sie weiterspinnend ergänzen, zeigend, wie die alte Zeit in die neue wirkt. Für Johannes Bobrowski, der Koepp gewissermaßen vorausgereist ist, war Sarmatien ein Traumland, "wo alle Völker und Religionen der Welt ihren Platz fänden, hätte nicht die Geschichte alles eins ums andere Mal umgepflügt." Was sich ja aktuell wieder einmal zu bestätigen scheint.

Koepps Film führt von Nord nach Süd, beginnt an der Ostsee, führt ins einst multikulturelle Czernowitz, nach Moldawien, nach Galizien, nach Uman, nach Weißrussland und wieder zurück in den Norden, zur Kurischen Nehrung und nach Kaliningrad. Koepp trifft auf alte Bekannte, mit denen er bereits einmal auf die eine oder andere Weise gearbeitet oder gesprochen hat und lässt flüchtige Begegnungen zu. Menschen erzählen: von ihrem Alltag, davon, was seit dem Untergang der Sowjetunion in der Region geschehen ist, von Hoffnungen auf Veränderungen, die sich nicht erfüllt haben, von der Suche nach einer Identität, die der geografischen Tatsache, das hier die Mitte Europas zu suchen sei, Rechnung trage.

Koepps Film handelt jedoch nicht vom möglichen Aufbruch nach Europa, sondern eher von Erschöpfung auch jener, deren Stärke seinen Film von innen leuchten lässt. So liegt über allem ein Schatten von tiefer Melancholie: nach Holocaust und Sowjetherrschaft sorgt jetzt die Armut für eine Zerstörung verlässlicher Strukturen. Die Kinder werden von Großeltern erzogen, weil die jungen Leute zum Arbeiten ins Ausland zu gehen gezwungen sind. Die daraus erwachsenen Dynamiken sind noch nicht abzusehen. Viele der Befragten strahlen, wenn sie sich ihre trostlose Zukunft ausmalen. In Czernowitz sagt einmal der Vater zu seiner Tochter, die zum Studieren nach Jena gegangen ist, sie sähe die Ukraine jetzt mit den Augen einer Europäerin. Er aber sei noch als Sowjetmensch erzogen worden. In Moldawien erzählt Dragos, dessen ältere Schwester Ana schon mit Koepp gearbeitet hat und die mittlerweile selbst Filme dreht, dass man sich hier erst einmal auf Russisch unterhält, bis die Sprechenden bemerken, dass man Rumänisch sprechen könne. Dann werde Rumänisch gesprochen. In dieser Gegend Sarmatiens habe jede Volksgruppe ihr eigenes Geschichtsbuch.

In Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, lebt man sogar zwischen zwei EU-Staaten, doch auch Elena spricht davon, das Land zu verlassen, wenn es sich nicht zum Besseren wende. Doch Dragos hatte bereits zuvor gesagt, dass er keine Hoffnung habe, dass sich in den kommenden 35 Jahren irgendetwas entwickle. Kaum anders die Situation in Weißrussland, wo Zhenja Holzhäuser baut und exportiert. Er sorgt sich um die politische Stabilität in seinem Land, wo seit 1994 Präsident Likaschenko quasi diktatorisch regiert. Man bekommt den Eindruck, dass sich der Blick der EU auf diese Region nicht wesentlich von demjenigen der alten Griechen unterscheidet.

Wie gesagt: ein Dokumentarfilm auf der Höhe des Tagesgeschehens. Wer sich nicht so sehr für militärisches Säbelrasseln und diplomatische Etikette interessiert, sondern mehr für die Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen von Menschen, sollte die Chance "In Sarmatien" nicht ungenutzt lassen. Nebenher: es wird auch viel gelacht in diesem Film.

Benotung des Films: (7/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 
In Sarmatien
Deutschland 2013 - 122 min. - Regie: Volker Koepp - Drehbuch: Volker Koepp - Produktion: Fritz Hartthaler, Rainer Baumert - Kamera: Thomas Plenert - Schnitt: Beatrice Babin - Musik: Rainer Böhm - Verleih: Salzgeber - FSK: ohne Altersbeschränkung -
Kinostart (D): 20.03.2014

 

 

 

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