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In guten Händen

 

Historia und Hysteria

Die Filmproduzentenlandschaft ist ja leider geprägt von dem Missverständnis, dass eine richtig schmissige Prämisse völlig ausreichend wäre für ein gutes Drehbuch und damit auch für einen guten Film. Deswegen werden die armen Drehbuchautoren immer häufiger gedrängt, ihre mühsam austarierten Dialoge gefälligst in der Schublade zu lassen und statt dessen in zehnminütigen Pitch-Sessions die Prämisse zu erzählen. Und da die Produzenten immer weniger Geld haben und weil Geld Zeit ist, wurden aus den zehn Minuten erst fünf, dann zwei, und inzwischen schwärmt man vom sogenannten »Fahrstuhl-Pitch« (vier Stockwerke müssen genügen für die Grundzüge der Geschichte) und dem »Putzfrauen-Pitch« (Produzenten erforschen das Zielgruppenpotential, indem sie einen Zweizeiler ihrer vom Leben frustrierten Putzfrau vorlesen). Fatalisten erwarten bereits den »Urinal-Pitch« (die Schlusspointe sollte beim Abschütteln erfolgen) und den »Ampel-Pitch« (das Zurufen von zwei bis drei Worten im Vorübergehen).

Jetzt wird sich niemand wundern, dass dabei griffige, aber haarsträubend dumme Konzepte herauskommen wie Ritter Jamal Martin Lawrence als Ghetto-Typ im Mittelalter , Knightblade ein Ritter auf Rollschuhen oder andere vollkommen ritterunabhängige Unsinnigkeiten. Aber es gibt eben auch Ausnahmen wenn auch nur unter sehr speziellen Bedingungen. Die paneuropäische Koproduktion In guten Händen zeigt, wie eine gute Prämisse ach was: eine legendäre Prämisse! in den guten Händen von soliden Handwerkern durchaus zu einem feinen Film reicht. In diesem Fall nehme man ein präfreudianisches London, zeige einen fortschrittlichen Nervenarzt, dessen hauptsächliche Beschäftigung darin besteht, einer endlosen Reihe unbefriedigter Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs durch »manuelle Therapie« Erleichterung zu verschaffen, und lasse ihn in einer Mischung aus Inspiration, Überarbeitung und Handmuskelkater kurzerhand den Vibrator erfinden. Zack, fertig ist der Film.

Alle weiteren klugen Ideen des Films der sarkastische Blick auf die Medizin der damaligen Zeit; die hysterische männliche Ignoranz gegenüber der weiblichen Sexualität; die Liebesgeschichte mit einer vormodernen Frau, die nicht nur für soziale Gerechtigkeit und Frauenwahlrecht kämpft, sondern hochmodern sogar eine Kita leitet; die frivole Tonalitätsmischung aus Stiff Upper Lip und Sex and the City; sogar die unzähligen Dialogperlen (»Sie basteln ein explosives, elektrisch geladenes Gerät und drücken es gegen die intimsten Zonen eines weiblichen Körpers?!«) alles resultiert aus diesem einen Gedankenblitz. Wie kleine Goldnuggets purzeln die originellen Einfälle aus der Grundprämisse, eine noch heute halbtabuisierte Gerätschaft mitten im viktorianischen England von der Leine zu lassen und zu sehen, was passiert. Es ist eine von diesen wahren Geschichten, die man sich nicht hätte ausdenken können, sondern die man nur zu Ende denken kann und das haben die drei Drehbuchautoren durchaus klug verstanden.

Die Gleichung geht übrigens auch andersherum und ex negativo auf: Nichts an diesem Film, außer eben seiner Prämisse, kann wirklich überraschen: Die Kostüme sind authentisch; die Musik klimpert beschwingt vor sich hin; der Held, solide gespielt von Hugh Dancy, ist erst zögerlich und dann entschlossen; er verliebt sich in ein braves Mädchen (brav: Felicity Jones), bevor er sich natürlich auf deren lebenslustige Schwester besinnt (lebenslustig: Maggie Gyllenhaal); sein bester Freund ist ein durchgeknallter Spinner und Technikfreak und wird, auch nicht überraschend, von Rupert Everett gespielt, der dem Affen wie üblich ordentlich Zucker gibt. Nichts davon ist wirklich neu und überraschend, aber es ist eben auch nichts daran irgendwie verkehrt.

Was soll man nun also von diesem Film halten, der nur diesen einen, zutiefst originellen Gedanken bis zum letzten Ende ausspinnt? Vorhersehbar? Sicher. Konventionell? Klar. Trotzdem unterhaltsam? Und ob! Denn es wird auch jedes Klischee umschifft, jede drohende Länge von einer kleinen Idee unterbrochen und jeder Ansatz von Langeweile im Keim erstickt. Das ist kein meisterliches Filmemachen, aber Film muss ja auch nicht jeden Tag das Rad neu erfinden, sondern darf auch mal Unterhaltung sein. Und In guten Händen ist großartige Unterhaltung lustig, dramatisch und mit dem Herz am rechten Fleck. Und dafür reichen eine gute Prämisse und solides Handwerk von allen Beteiligten eben manchmal vollkommen aus.

Daniel Bickermann

Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt

 

In guten Händen
Hysteria. GB 2011. R: Tanya Wexler. B: Jonah Lisa Dyer, Stephen Dyer, Howard Gensler. K: Sean Bobbitt. S: Billy A. Campbell, Jon Gregory. M: Christian Henson. P: Informant Media, Beachfront Films, Forthcoming Productions.- D: Maggie Gyllenhaal, Hugh Dancy, Jonathan Pryce, Rupert Everett, Ashley Jensen, Sheridan Smith, Felicity Jones, Kate Linder u.a.
100 Min. Senator ab 22.12.11
 

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