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In einem Jahr mit 13 Monden

 

 

Frankfurt am Main, Sommer 1978. Elvira Weishaupt (Volker Spengler), durch eine Geschlechtsumwandlung vor einigen Jahren zur Frau geworden, rekapituliert ihr Leben, die Kindheit des Knaben Erwin im Kloster, die Arbeit als Schlachter, die Ehe mit Irene (Elisabeth Trissenaar), der Tochter des Metzgermeisters und die Operation in Casablanca-Stationen eines Lebens auf der Suche nach Liebe. Die Gegenwart ist nicht weniger trostlos: meist begleitet von der »Roten Zora« (Ingrid Caven), einer nicht unfreundlichen Nutte, streift Elvira, von ihrem Freund Christoph Hacker (Karl Scheydt) verlassen, durch ein alptraumhaftes Frankfurt, durch Spielsalons und Hochhäuser, wird von dem Spekulanten Anton Saitz (Gottfried John), dessentwegen Elvira sich einst hatte operieren lassen, abgewiesen. Als auch andere Menschen der näheren Umgebung, die Ehefrau, die Tochter (Eva Mattes), ein Journalist (Gerhard Zwerenz), Elviras Verzweiflung nicht erkennen, stirbt Etvira »an gebrochenem Herzen« (Fassbinder).

Unter den persönlichen Filmen Fassbinders (wie FAUSTRECHT DER FREIHEIT oder SATANSBRATEN) ist dieser wohl der radikalste. Er macht betroffen gerade durch die Konzentration seiner Mittel. Jedes Selbstmitleid liegt ihm fern: die mögliche Larmoyanz ist aufgehoben durch eine im deutschen Film vielleicht noch nie so erlebte Härte der Verzweiflung. Volker Spengler als Elvira gibt sich in einer Weise preis, wie es nur durch völlige Identifikation möglich ist; er treibt die Figur dadurch so sehr ins Extrem, daß sie schon wieder künstlich wird, den scheinbaren Naturalismus der Darstellung transzendiert.

Fassbinder drehte vom 24. Juli bis 28. August 1978, wenige Monate nach dem Selbstmord seines Freundes Armin Meier, der in Deutschland im Herbst noch mitgespielt hatte. Fassbinder schrieb nicht nur das Drehbuch und führte Regie, war für Ausstattung und den Schnitt verantwortlich, sondern führte zum ersten Mal auch die Kamera. Keinen anderen Film zuvor hatte er so sehr in der Hand, kaum ein anderer ist so sehr in sein Leben eingebunden. Die letzten fünf Tage der Elvira Weishaupt werden zu einem Klagegesang, musikalisch getragen von Mahler (in der ersten Sequenz - Schwulenstrich von Frankfurt), Orgelmusik, Weihnachtsliedern. Rockmusik (von der Gruppe »Suicide«), zusammengehalten aber vor allem durch eine für Fassbinder neue, kühne, Assoziationen freisetzende Bild-Ton-Montage, kulminierend in der Schlachthof-Sequenz: Elvira, der »Roten Zora« seinen früheren Arbeitsplatz zeigend, zitiert seinen Freund Christoph Hacker, der ehemals Schauspieler war, mit dem verzweifelten, selbstquälerischen Schlußmonolog des Tasso.

In einem Jahr mit 13 Neumonden sind gefühlsbetonte Menschen, so Fassbinder, besonders gefährdet. »Es kommt oft zu persönlichen Katastrophen«. 1978 war so ein Jahr. Das Schicksal der Elvira wird also nicht rational analysiert oder gar in soziologischen Kategorien diskutiert, es werden auch keine »Schuldigen« im üblichen Sinne gesucht. Trotzdem wird unsere Gesellschaft von Fassbinder nicht aus ihrer Verantwortung für den einzelnen entlassen. Daß die Welt - als ihr Sinnbild steht hier Frankfurt - zum Alptraum, zur Hölle geworden ist, zeigt Fassbinder in fast apokalyptischen Bildern. Der Uniformität heutiger Architektur entspricht die Anonymität einer Glückssuche, die nur noch auf Surrogate stöße, in Spielsalons und Kneipen. Persönliche Beziehungen sind zum Geschäft geworden oder ganz ausgetrocknet. Die Geschichte der Elvira, so spektakulär und monströs sie erscheint, ist in ihrem Kern also durchaus alltäglich, sie ist übertragbar auch auf »normalere« Lebensläufe. Liebesbeziehungen werden in unserer Gesellschaft abgetötet, manche Menschen merken es nur nicht und leben weiter.

Wenn alle Menschen, denen Elvira in den letzten fünf Tagen ihres Lebens begegnet, ihr nicht helfen können, dann nicht aus persönlicher Bosheit, sondern weil sie mit sich selbst zu sehr beschäftigt, auf je eigene Weise selbst kaputt sind. Wie in einem Stationendrama ziehen sie an Elvira vorbei, erzählen oder hören zu, verweigern sich aber im entscheidenden Moment. Erst als es schon zu spät ist, treffen, wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen, alle am Totenbett Elviras ein, während noch immer das Interview, das sie dem Journalisten gegeben hat, auf dem Tonbandgerät lauft. Eigentlicher Gegenspieler von Elvira ist Anton Saitz, extremes Beispiel für einen Menschen, der kaputt gemacht wurde (in einem »Konzentrationslager«), und der nun selbst andere kaputt macht, mit Grundstücksspekulationen, mit einem Bordell, das als KZ eingerichtet ist. Infantil geworden, spielt er mit seinen Leibwächtern Szenen aus Jerry-Lewis-Filmen nach. Als Erwin seinetwegen sich in Elvira hatte verwandeln lassen, hatte Anton Saitz ihn ausgelacht; als sie ihn jetzt wiedertrifft,
darf sie nur Kaffee für ihn kochen. Anton Saitz scheint unmittelbar aus Fassbinders Theaterstück
Der Müll, die Stadt und der Tod zu stammen. Auch dort hatte sich ein Jude als besonders blutsaugerischer Unternehmer erwiesen, was Fassbinder den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht hatte. Der Vorwurf, scheint mir, greift zu kurz: Die Zerstörung eines Menschen, das ist Fassbinders Thema, kann so weit gehen, daß er vom Opfer zum Täter wird. Er braucht dafür allerdings die >adäquate< Umgebung: Frankfurt - im umfassenderen Sinne: unsere Wirtschaftsordnung, die jeder Form von Spekulation und Ausbeutung entgegenkommt. Von seinem Inhalt her ist IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN eine Bilanz, ein Abschluß, der Versuch, mit Problemen des eigenen Lebens fertig zu werden, und die (endgültige?) Absage an Frankfurt (Fassbinder zog im Winter 78/79 nach Berlin). Mit seinen ästhetischen Innovationen erarbeitet sich der Autor dagegen neue Möglichkeiten des freieren Umgangs mit Bild- und Tonmaterial, des polyphonen Sehens und Erzählens. Eine Sequenz, die an die Methode von Godard in Numero deux erinnert, kombiniert Aufnahmen von Pinochet, aus einem französischen Spielfilm, einem Pornofilm und aus einem Fassbinder-Fernsehinterview. Verschiedene optische und akustische Zeichen miteinander verbindend - nicht immer so überdeutlich wie in dieser Sequenz -, öffnet Fassbinder in diesem Film in vielen Szenen für den Zuschauer einen Kosmos, den dieser sich selbst erobern muß.

Wilhelm Roth

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rainer Werner Fassbinder; Band 2 (5. Auflage) der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1985, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags und des Autors Wilhelm Roth.

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN, BRD 1978 - Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Ausstattung: Rainer Werner Fassbinder - Kamera-Assistent: Werner Lüring - Ton und Licht: Karl Scheydt, Wolfgang Mund - Musik: Peer Raben, Songs: "Frankie Teardrop" von Suicide; "A Song for Europe" von Roxy Music - Bühne: Frank Vacek - Weitere Mitarbeiter: Milan Bor, Walter Bockmayer, Jo Braun, Juliane Lorenz, Volker Spengler, Alexander Witt - Darsteller: Volker Spengler (Elvira Weishaupt), Ingrid Caven (die Rote Zora), Gottfried John (Anton Seitz), Elisabeth Trissenaar (Irene), Eva Mattes (Marie-Ann), Günther Kaufmann (Chauffeur), Lieselotte Pempeit (Schwester Gudrun), Isolde Barth (Sybille), Karl Scheydt (Hacker), Walter Bockmayer (Seelenfrieda), Peter Kollekl (Säufer), Bob Dorsay (Stadtstreicher), Günther Holzapfelr (Angestellter), Ursula Lilligi (Putzfrau), sowie Gerhard Zwerenz (Burghard Hauser, Scvhriftsteller) - Produktionsfirma: Tango-Film, München / Pro-ject Filmproduktion im Filmverlag der Autoren Produktionsleitung: Isolde Barth - Kosten: 700.000 DM - Drehzeit: 25 Tage / Juli-August 1978 - Drehort: Frankfurt am Main - Uraufführung: 17.11.1978, Frankfurt - TV-Erstausstrahlung: 21.1.1985 (ARD) - Format: 35 mm, Farbe - Länge: 3.398 m = 124 min. - Verleih: Filmverlag der Autoren (35 mm)

 

 

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