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I'm Still Here

 

 

 

Strategie der Maskierung

Einen Schauspieler in der Krise zeigt Casey Afflecks Doku-Hoax "I'm Still Here": Dass Joaquin Phoenix seinen Beruf an den Nagel hängt, um Rapper zu werden, haben Sie ja wohl nicht wirklich geglaubt?

Funktionieren konnte der hoax nur für nicht allzu interessierte, chronisch abgelenkte Beobachter. Wer, wie zum Beispiel ich, zwischen Herbst 2008 und Sommer 2010 nur ein-, zweimal Pressemeldungen über Joaquin Phoenix’ Ausstieg aus der Schauspielerei - direkt nach seiner vielleicht größten Rolle, in James Grays "Two Lovers" - und gleichzeitigem Einstieg ins Musikgeschäft überflogen und höchstens einmal einen dieser blamablen Auftritte des Rappers JP auf Youtube angeklickt hatte, der konnte das alles ohne Probleme für authentisch halten; es sind schließlich schon größere Künstler tiefer gefallen. Allen, die sich auch nur etwas ausführlicher mit dieser sonderbaren Wandlung beschäftigten, waren aber vermutlich spätestens nach einem etwas allzu derangierten Auftritt bei David Letterman im Januar 2009 auf der richtigen Fährte (andererseits: Roger Ebert war scheinbar selbst nach Ansicht des hier besprochenen Films noch davon überzeugt, dass Phoenix tatsächlich und dauerhaft vor die Hunde gegangen ist). Es dauerte dann noch ganze eineinhalb Jahre, bis die Maskerade auch offiziell beendet war. Im Herbst 2010 feierte "I’m Still Here" in Venedig Premiere. Regie: Casey Affleck. Hauptrolle: Joaquin Phoenix als JP.

Affleck und Phoenix legen Wert darauf, dass das, was sie da gemeinsam produziert haben, kein Dokumentarfilm über den hoax (schon gar nicht, siehe Ebert, über eine tatsächliche Sinnkrise eines Hollywoodstars) ist, sie sprechen lieber von fiktionalisierter performance art. Fast alles, was im Film gezeigt wird, ist inszeniert, der Film hat ein Drehbuch, Darsteller, Bühnenbilder und so weiter. Die Assistenten, die Phoenix terrorisiert und von denen einer irgendwann mit Körperausscheidungen zurückschlägt, waren gecastet, genau wie die Prostituierten, die Phoenix und ein gecasteter Assistent sich aufs Hotelzimmer bestellen; P. Diddy, der JPs Debütalbum produzieren sollte und mit Phoenix im Studio abhängt, war in on it, Letterman und viele andere Kulturindustriemenschen (Ben Stiller freilich ist ziemlich glaubwürdig genervt), die zwischendurch vorbei schauen, vermutlich auch. Authentisch sind in dem Film eigentlich nur die, die das Spiel durchschauen und trotzdem mitspielen: Die Besucher der desaströsen JP-Auftritte zum Beispiel, die sich falsche Bärte ankleben und das rappende Rumpelstilzchen feiern.

Eine Mockumentary also, der einzige hoax ist der Stil, die Cinema-Verité-Imitation, das vermeintliche Durchbrechen der vierten Wand, das in Wahrheit nur eine weitere Strategie der Maskierung ist. Um die Lust an der Maskierung geht es, nicht um Demaskierung. Deswegen führt es auch nicht allzu weit, "I’m Still Here" als entlarvende Satire über die amerikanische Kulturindustrie oder die Medienmaschinerie im Internetzeitalter betrachten zu wollen. Der Film bietet schlicht und einfach keine Außenperspektive an, von der das möglich wäre.

Das unterscheidet "I'm Still Here" auch zum Beispiel von Banksys auf den ersten Blick nicht unähnlichen, aber doch viel aufdringlicheren und in seiner Konstruktion auch dümmeren "Exit Through the Gift Shop". Dort synthetisierte eine didaktische Erzählerstimme das Gezeigte zur halbseidenen Kritik an den Mechanismen des Kunstmarkts und stellte dabei doch nur die Cleverness der eigenen Guerillajournalismusmethoden aus, hier haben einfach nur zwei ironiebegabte Hollywoodstars ihren Spaß. Die allseitig lauwarme Rezeption des Films spricht dafür, dass die beiden sich dabei zwischen ein paar Stühle zuviel gesetzt haben. Wenn man ihnen aber dennoch bis zum Ende folgt, wird man mit einer unerwarteten, in diesem über weite Strecken doch recht hässlichen Film außergewöhnlich schönen Schlusseinstellung belohnt. JP auf Sabbatical in einer ewigen Plansequenz im lateinamerikanischen Sumpf. Das ist so schön, dass man für einen Moment doch daran glauben möchte.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

I'm Still Here
USA 2010 - Regie: Casey Affleck - Darsteller: Joaquin Phoenix, Antony Langdon, Carey Perloff, Larry McHale, Casey Affleck, Jack Nicholson, Billy Crystal, Danny Glover, Bruce Willis - FSK: ab 16 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 107 min. - Start: 11.8.2011

 

 

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