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Im Sommer wohnt er unten

 

Sommerhaus, später

Moment mal? Schon wieder eine Familienaufstellung? Schon wieder eine etwas forcierte Behauptung einer Konstellation, die binnen kurzem alles durcheinander wirbelt und lauter Lebenslügen schmerzhaft ans Tageslicht zaubert. Der Schauspieler Tom Sommerlatte, Jahrgang 1985, hat sich für sein Spielfilmdebüt auf ein vertrautes, im Film und auf dem Theater viel bespieltes Terrain begeben, vielleicht, denkt man zu Beginn noch, um dann mit subtilen Nuancierungen zu punkten.

Das Ganze geht so: Ferienhaus in Frankreich, das die Familie so lange besitzt, dass beide erwachsenen Söhne Jugenderinnerungen teilen. Meistens wechseln die Aufenthalte einander routiniert ab, doch diesmal kommen Banker David und seine Frau Lena eine Woche früher als geplant, um ein Kind zu zeugen. Deshalb treffen sie noch den schlaffen Kiffer Matthias, der mit seiner französischen Freundin Camille und deren Sohn Etienne eine gute Zeit hat, vom Erbe lebt und als eine Art Hausmeister das Anwesen betreut.

David gibt das Alphatier und stellt als routiniertes Arschloch die Hierarchien klar. Matthias setzt, vielleicht aus alter Gewohnheit, auf kontrollierte Defensive und die Politik der kleinen Nadelstiche. Zunächst einmal (Filmtitel!) wird die Zimmerfrage geklärt, dann muss das lärmende Kind weg. Damit ist die Versuchsanordnung klar und das Spiel kann beginnen!

Sommerlatte setzt auf Reduktion: der Film spielt im Ferienhaus mit dem Pool als zweitem zentralen Spielfeld der Handlung. Camille fühlt sich durch Davids Macho-Gehabe herausgefordert und ärgert sich über die windelweiche Nachgiebigkeit von Matthias. David ist Kritik nicht gewohnt und giftet zurück. Bahnt sich da etwa eine Liebesgeschichte an? Schließlich neigt auch Camille dazu, Matthias beizeiten zur Ordnung zu rufen. Matthias ist das alles erst mal nur zu stressig. Und Lena fängt sich bei der erstbesten Gelegenheit eine Sehnenzerrung zu und humpelt von nun an durch den Film. So richtig toll findet sie das Gehabe von Matthias auch nicht mehr.

Der Film plätschert entspannt gespannt dahin. Entscheidend scheint nicht, was passiert, sondern wann passiert, was passieren muss. Wann werden die Brüder im alten Baumhaus ein ernstes Gespräch führen? Wann wird der Rasen gemäht? Und von wem? Wann darf das Kind wieder zurückkommen? Anderseits: Warum provozieren Camille und Matthias David mit lauten Sexspielen, die aus einem ganz anderen Film zu stammen scheinen, der vielleicht "Das lange Elend" heißt.

Es soll hier nicht allzu viel verraten werden, zumal sich alles im Vorstellbaren bewegt. Während Davids Fassade systematisch von allen Seiten in Angriff genommen wird, bis sein ganzes Elend ausgebreitet daliegt, er sich einen freudschen Versprecher nach dem anderen leistet, bis er seinem Bruder erschöpft den Identitätstausch vorschlägt, bleibt Verschiedenes im Ungefähren.

Jetzt wüsste man doch gerne mal etwas mehr von Lena, die plötzlich die Qualität von Küssen schätzen lernt und überlegt, ob sie David verlassen soll, weil er ja keine Kohle mehr habe. Oder welche Rolle die Eltern in dieser Brüder-Konstellation spielen? Oder, ob Großmutters Erbe wirklich noch auf der Bank liegt? Oder ob Camilles Junge den toughen Onkel, der ihm das Schwert geschnitzt hat, nicht vielleicht doch interessanter findet als den schlaffen Matthias? Und ob Camille da nicht ähnlich denkt? Und warum Matthias kurz vor Schluss Camille und ihr Kind als "Parasiten" bezeichnet? Weil David ihm das nahegelegt hat?

Vergessen wir die erotischen Spielchen am Pool nicht, die erstaunlich folgenlos bleiben. Weil hier eigentlich alles folgenlos oder im Ungefähren verbleibt. Nur, dass Lena, die im BMW anreiste, mit dem Taxi abreist. So fesselt "Im Sommer wohnt er unten" hauptsächlich dadurch, dass er bestimmte Erwartungen nicht einlöst und bestimmte Fragen schlicht »überhört«. Was nicht weiter stört, weil man endlich einmal ein paar neue Gesichter auf der Leinwand sieht und dazu recht originell ausgesuchte Musik zu hören bekommt. So geht alles seinen Gang. Kein großes Ding.

Benotung des Films: (5/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

 

 
Im Sommer wohnt er unten
Deutschland, Frankreich 2015 - 100 min. - Regie: Tom Sommerlatte - Drehbuch: Tom Sommerlatte - Produktion: Iris Sommerlatte - Kamera: Willi Böhm - Schnitt: Anna Kappelmann - Verleih: Kinostar - Besetzung: Karin Hanczewski, Godehard Giese, Alice Pehlivanyan, Sebastian Fräsdorf, William Peiro - Kinostart (D): 29.10.2015

 

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