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I'm not a f**king Princess

 

Das ist einer von den Filmen, vor denen man ein bisschen Angst hat: Das könnte peinlich werden. Oder auch peinigend. Aber Eva Ionesco hat über ihre eigene Kindheit als von der Mutter erschaffenes und missbrauchtes erotisches Traumbild einen überraschend luziden und dezenten Film gemacht. »My Little Princess«, wie »Iím Not a F**king Princess« im Original ebenfalls ein wenig dezenter heißt, nähert sich dem Trauma behutsam und doch mit unmissverständlicher Perspektive. Der des Opfers.

Einerseits ist das ein hochdramatischer, autobiographischer Abrechnungsfilm. Als kleines Kind wurde die Regisseurin Eva Ionesco von ihrer Mutter, der Fotografin Irina Ionesco, als Modell zum Mittelpunkt einer kindlich-erotischen Bildwelt gemacht. In einer Mischung aus Zwang und Verführung, Liebe und Hass, Abhängigkeit und Neugier ließ sie es sich noch dort gefallen, wo sie den Übergriff zu spüren begann. Der hippen Kultur der siebziger Jahre gefiel so etwas, auch wenn es schon Stimmen genug gab, die Irina Ionescos Bilder ihrer Tochter in den Flitterkleidern und Verführungsposen zumindest als degoutant verwarfen.

Der Film, den Eva Ionesco über diese Geschichte gedreht hat, ist zurückhaltend und beinahe gnädig, doch oft genug hat man gleichsam zwischen den Bildern den Eindruck, dass die Autorin nicht verschweigen wollte: Es war in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer. Aber genau darin liegt das Bedeutende dieses Films, daß Eva Ionesco den »Fehler« ihrer Mutter weder wiederholt noch ihn einfach in eine Anklage umkehrt. Hannah heißt hier die manisch fotografierende Mutter, Immigrantin im Paris der siebziger Jahre, die sich aus ihrer angespannten finanziellen und sozialen Lage befreit, indem sie ihre Tochter, Violetta, als verführerisches Objekt von Inszenierung und Begehren fotografiert. Der Erfolg, den sie mit diesen Fotos in der Kunst- und Popszene erzielt, macht Hannah blind gegenüber dem, was sie der Tochter antut, aber vielleicht geht diese Blindheit auch tiefer: Die Mutter, die ihrer Tochter mit der Kamera sogar bis in die Toilette folgt, sieht in ihr immer auch sich selbst.

Auf der zweiten Ebene ist »Iím Not a F**king Princess« auch ein düsteres Märchen; da gibt es die Hexen-Mutter, die die Spiegel-Frage nach der Schönsten im Land auf besonders tückische Weise umgehen/beantworten will, keinen Vater, nur Wölfe, und es gibt die beschützende Großmutter, einzige Verbündete vielleicht im Kampf um das Leben. Deren Tod leitet das letzte Kapitel der Katastrophe ein. Zwischen Eifersucht und Identität weiß Hannah bald nicht mehr, wer sie ist und verwandelt sich selber immer wieder in das Traumkind in einem Meer von Puppen. Auf der anderen Seite ist Violettas Sehnsucht, ein Kind wie alle anderen zu sein, längst unerfüllbar geworden. Nicht nur weil diese Mutter sie gar nicht loslassen kann, wenn sie nicht selber sterben will, sondern auch weil Violetta gar nicht mehr wissen kann, was das ist: normal sein.

Natürlich kann die Gratwanderung eines solchen Filmes nur gelingen, wenn man die richtigen Schauspieler dazu hat. Isabelle Huppert ist gewiss vertraut mit solchen Borderline-Charakteren im allgemeinen, mit der Mutter in Hassliebe-Beziehung zum Kind im Besonderen. Trotzdem gibt sie auch dieser Figur eine Unverwechselbarkeit, macht ihren eigenen Kampf um Anerkennung in der Fremde, ihre Verlorenheit, ihren Starrsinn, ihre Blindheit deutlich. Diese Frau hat sich auf einen Weg begeben, »jemand zu werden«, in einer Kulturszene, die der Film nicht ohne Abscheu beschreibt, voller sensationshungriger Journalisten und egomaner Künstler, der für sie selbst so destruktiv ist wie für das Kind. Anamaria Vartolomei, natürlich wesentlich älter als die echte Eva Ionesco in vielen der geschilderten Situationen, versteht es, die Anstrengungen und Widersprüche einer überlebensnotwendigen Revolte gegen den Menschen zu zeigen, den man zur gleichen Zeit wie keinen anderen lieben muss. Es ist, wenn man so will, eine amour fou zwischen Mutter und Tochter. Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die gerade dabei war, den moralischen Verstand zu verlieren.

Note 2

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.strandgut.de

I'm not a f**king Princess
Frankreich 2010 - Originaltitel: My Little Princess - Regie: Eva Ionesco - Darsteller: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Georgetta Leahu, Denis Lavant, Pascal Bongard, Jethro Cave, Louis-Do de Lencquesaing - FSK: ab 12 - Länge: 104 min. - Start: 27.10.2011

 

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