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Im Namen des ...

 


Einsam am Arsch der Welt

Hot Fun in the Summertime. Eine Gruppe Kinder und Jugendlicher vergnügt sich mit einem halbnackten Erwachsenen bei dümmlichen Macho-Imponier-Spielchen. Ein junger Mann, offenbar mit Behinderung, steht gutmütig lächelnd daneben. Plötzlich werden die Kinder ihm gegenüber erst ausfällig, dann schnell körperlich aggressiv. Er kann sich nicht wehren. Kurz darauf: halbnackte junge Männer beim Fußballspiel. Auch hier ist körperliche Gewalt im Spiel. Es wird geflucht, gepöbelt und geboxt. Männlichkeitsrituale, Hackordnungen. Eine unangenehme Atmosphäre: zum allgegenwärtigen Alkohol gesellt sich später auch noch ein nicht nur unterschwelliger Antisemitismus. Hier, wo der Film spielt, scheint Polen noch ein gutes Stück von der Moderne entfernt. Polen?

Einerseits ja, andererseits verweisen die Aufdrucke einiger Kleidungsstücke der Jugendlichen ("Bulls") und auch die prominent eingesetzte Musik der US-Indie-Rock-Band Band of Horses darauf, dass die Geschichte sehr wohl mit allgemein gültigem Anspruch auftritt. Der Priester Adam (schlicht großartig: Andrzej Chyra) und der Sozialarbeiter Michal leiten hier ein Camp für delinquente Jugendliche. Mit harter Hand und freundlich-ruhigem Verständnis. Good Cop und Bad Cop. Michal diszipliniert die Jungen mit harter Hand und Gebrüll, während Adam eher zurückhaltend am Rande steht und das Gespräch sucht. Er ist ein Beobachter, freundlich, aber immer etwas auf Distanz bedacht. Wenn gefeiert wird, bleibt Adam lieber nüchtern. Wer ihn aber beim Joggen beobachtet, könnte schon auf die Idee kommen, dass der Mann vor etwas davon läuft. Doch dagegen spricht vorerst seine gütige, freundliche Ausstrahlung, die ihn bei den Jugendlichen beliebt macht. Später im Film wird höheren Orts von den außerordentlichen pädagogischen Erfolgen Adams noch geschwärmt werden. Völlig uneitel sei er zudem.

Im Rahmen einer Predigt erzählt Adam, wie er einst zur Kirche fand. Es ist nicht die übliche Biografie des Ministranten, der anschließend Theologie studiert und in kirchlichen Kreisen verkehrt. Adam erzählt, dass er eines Tages, als er allein war, die Präsenz seines kurz zuvor verstorbenen Vaters derart substantiell erfuhr, dass er fortan bewusst in die Kirche ging. Er sei damals 21 Jahre alt gewesen und habe plötzlich gewusst, dass er sein Leben ändern müsse, um seine Seele zu retten. Ihm sei klar geworden, dass seine Selbstsucht ein Gefängnis gewesen sei und er sich daraus befreien müsse. So gäbe es in jedem Menschen einen Punkt, der unschuldig und frei von Sünde sei. Während dieser nachdenklichen, fast schon philosophischen Predigt scheint Adam in sich hinein zu horchen, um die richtigen Worte zu finden.

Die Kamera mustert derweil den Kirchenraum und registriert die Wirkung seiner Worte in den Gesichtern der Gläubigen. Ewa blickt versonnen, Michal dagegen scheint geradezu empört. Und dann ist da noch der junge Lukasz (Mateusz Kosciukiewicz), der mit seiner Familie in der Nähe wohnt, als Brandstifter auffällig geworden ist und deshalb als Heimschläfer zum Camp gehört. Er, selbst ein Außenseiter, begegnet Adams Worten mit unverhohlener Zärtlichkeit, ahnt eine Seelenverwandtschaft. Vielleicht ist ihm auch nur aufgefallen, dass Adam sagte: "Als ich allein war."

Als die polnische Filmemacherin Malgorzata Szumowska ("33 Szenen aus dem Leben", "Das bessere Leben") ihren Film im Wettbewerb der "Berlinale" 2013 vorstellte, sagte sie in einem Interview: "Ich kann mir keinen einsameren Menschen vorstellen als einen Priester!" Bevor der Priester und der Außenseiter sich füreinander öffnen, muss Adam sich noch der Avancen der Dorfschönheit Ewa (Maja Ostaszewska) erwehren, die nicht anders kann als die Versetzung Adams an den Arsch der Welt für eine Strafe zu halten. Doch wofür nur? Als sie ihn verführen will, konstatiert Adam matt: "Ich bin bereits vergeben." Überhaupt scheint die Sexualität eines Priesters ein Reizthema, Gegenstand schlüpfriger Imagination.

Kurz nach der Begegnung mit Ewa diskutieren ein paar Jungs über Adams Sexualität. Vielleicht denke der ja gar nicht ans Ficken, habe ganz andere Hobbies. Schließlich habe er ja sein Herz der Kirche gegeben. Okay, aber was ist mit dem Körper? Vielleicht ficke er ja die Hirsche, wenn er durch den Wald jogge. Gleich darauf nimmt Adam einem seiner Jugendlichen die Beichte ab. Grovy hat im Verlauf einer Party einen Fremden betrunken oral befriedigt und fürchtet nichts mehr als dass dies herauskommt. Adam weist ihn auf das Beichtgeheimnis hin und fordert ihn auf, jeden Tag eine Stunde zu joggen. Das sei wie ein Gebet.

Allmählich verliert Adam die Fassung, fällt aus seiner Rolle: "Glaubt ihr, Christus war an irgendetwas anderem interessiert, als an sich selbst?", fragt er eine Gruppe von Jugendlichen, die ihn fassungslos und verunsichert anstarren. Mühsam nur macht er daraus dann noch einen Witz für Dummköpfe. Das "Outing" steht dann als Menetekel an der Wand, rot hingesprayt. Es ist dann Michal, der einst das Priesterseminar verließ, weil er sich in Ewa verliebt hatte, der Adam beim Bischof denunziert.

Wer von der atmosphärischen Grundierung des Films ausgehend jetzt mit einer Wiedervorlage der "Jagdszenen in Niederbayern" rechnet, wird allerdings gleich mehrfach überrascht werden. Als Adam und Lukasz einmal gemeinsam einen Markt besuchen, werden sie zwar durch kollektive Blicke stigmatisiert, aber gerade diese Blicke befreien Adam aus dem Gefängnis der steten Selbstverleugnung. Auf der Rückfahrt kann er sich Lukasz endlich öffnen und hingeben. Höchst atmosphärisch fügt Szumowska die einzelnen Puzzleteilchen aneinander, bis sich beinahe ein stimmiges Bild ergibt.

Filmischer Höhepunkt ist eine halluzinatorische Begegnung von Adam und Lukasz in einem sommerlichen Maisfeld, als es ihnen für Momente gelingt, die Gesellschaft um sich herum für kurze Zeit komplett auszublenden. Doch braucht es immer noch eine Figur, die die immanenten Widersprüche der Figuren zuspitzt und dynamisiert. Der geheimnisvolle Adrian (Tomasz Schuchardt), kräftig, mit blondierten Haaren, cool bis hin zur Arroganz, ist eine regelrechte Pasolini-Figur, ein dramaturgisches Scharnier, ein Schmiermittel. Adrian verfügt über ein Wissen, das ihn instinktiv Dinge durchschauen lässt. Und er offenbart dieses Wissen, indem er provozierende Blicke aussendet oder auf Blicke provozierend reagiert. Szumowska inszeniert den Kampf um den Blick als regelrechte Choreografie einer ménage à trois, wenn Adam aus dem Fenster dabei zuschaut, wie Adrian seinen Platz in der Rangordnung der Jugendgruppe durch Armdrücken bestimmt. Adrian blickt ihn dabei provozierend an, während Adam leicht amüsiert schein

t. Es ist Lukasz, der in dieser Szene als Fensterputzer agiert, der Adam zunächst die Sicht nimmt, bevor er im Wortsinne für Durchblick sorgt. Die wortlose Rivalität zwischen Lukasz und Adrian kulminiert in einer handgreiflichen Auseinandersetzung, als Adrian öffentlich macht, dass Adam eine "alte Schwuchtel" ist. Als er Hilfe sucht, findet er kein Gehör. Seiner Schwester, die im Ausland lebt, ist er zu betrunken - und ein Priester ist nicht zu sprechen, weil die Kirche gerade gereinigt wird. Wäre es nicht so furchtbar, man müsste lachen.

"Im Namen des ...", auf der Berlinale 2013 mit dem "Teddy-Award" ausgezeichnet, hat in konservativen Kirchenkreisen Polens schon für Proteststürme gesorgt, dabei ist der Film als Kritik an der Kirche keinesfalls polemisch, sondern politisch eher zurückhaltend. Szumowska erzählt zunächst einmal ganz allgemein von der Sehnsucht des Menschen nach Zuwendung und erst in zweiter Linie am Beispiel der Einsamkeit im Zölibat. Der Film ist kein Pamphlet und auch kein Plädoyer, sondern eher eine Fallstudie über Gewaltstrukturen mit Anspruch auf Verallgemeinerung. Immer wieder findet der Film prägnante Bilder (Kamera: Michal Englert, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat) für Adams Einsamkeit, wenn sich die Kamera nach oben schraubt und ihn in der Natur isoliert zeigt.

Doch gerade seine Verzweiflung, sein Hadern, sein mühsames Ringen um die Selbstverleugnung verleiht ihm eine Verletzlichkeit, die sein Charisma als Priester ausmacht. Am Ende wird der Fall "Adam" durchaus routiniert abgewickelt werden: der Priester wird ein weiteres Mal versetzt und bleibt als böses Gerücht seiner Gemeinde in Erinnerung. Doch Polen ist nicht allzu groß - und diesmal hat es nur noch zu 60 Kilometern gelangt. Eine Entfernung, die für Lukasz kein Problem darstellt. Doch der Film ist längst viel zu komplex in der ästhetischen Durchdringung seiner Problematik, um auf ein Happyend der Zweisamkeit hinauszulaufen. Vielmehr mündet er in einer Pointe, die aus dem Bildinventar des Horror-Genres stammt. Man könnte sagen, hier hat sich jemand ein Beispiel genommen. Aber man könnte auch sagen, hier wird ein Problem wider besseres Wissen auf Dauer gestellt.

Benotung des Films: (8/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 


Im Namen des ...
OT: W imie... Polen 2013 - 96 min. Regie: Malgoska Szumowska - Drehbuch: Michal Englert, Malgorzata Szumowska - Produktion: Agnieszka Kurzydlo - Kamera: Michal Englert - Schnitt: Jacek Drosio - Musik: Pawel Mykietyn, Adam Walicki - Verleih: Salzgeber - Besetzung: Andrzej Chyra, Mateusz Kosciukiewicz, Lukas Zsimlat, Maja Ostaszewska, Maria Maj, Tomasz Schuchardt, Kamil Adamowicz, Mateusz Gajko, Jakub Gentek, Daniel Swiderski, Mateusz Malczewski, Krystian Poniatowski, Kacper Sztachanski, Kamil Konopko - Kinostart (D): 15.05.2014
 

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