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Im Bazar der Geschlechter

 

 

Enkel von heute

Der Spielfilm widmet sich einem fiktiven, politisch unbedarften jungen Staatsanwalt, der in den sechziger Jahren von einem engagierten Journalisten der Frankfurter Rundschau bewogen wird, die Massenmörder von Auschwitz zu verfolgen und schließlich anzuklagen. Das gelingt dem Noch-Verkehrsdezernenten nur mit Hilfe seines Mentors, Generalstaatsanwalt Bauer. Gegen die öffentliche Meinung, die sich lieber dem Wirtschaftswunder widmet und das Vergangene ruhen lassen will.

Hintergrund ist der legendäre Auschwitzprozess, initiiert und durchgeboxt vom realen Fritz Bauer. Im Spielfilmdebut von Giulio Ricciarelli spielt Bauer eine Nebenrolle. Denn es geht darum, wie es dem Staatsanwaltdebütanten geht, der eine schier übermächtige Aufgabe bewältigen will. Das gibt Emotionen ohne Ende, persönliche Krisen der Reihe nach. Wir sollen mitleiden und hoffen - und lernen, denn das Labyrinth soll - im Hintergrund, bittschön - auch ein pädagogisches Ziel haben. Für Enkel von heute.

Um die Enkel von heute zu erreichen, versteht sich das Labyrinth als Unterhaltungsfilm. Also gibt es reichlich Zeitkolorit. Immer wieder Vespas, Mofas, VW und Opel. Viele Gänge von hier nach dort, Schritte gern in Großaufnahme. Achja, die Adenauerzeit. Und die erste große Liebe! Auf einer FR-Party findet unser Held die Frau seines Lebens. Aber ach, Ziel seines Lebens ist der Auschwitzprozess. Problem! Lösung: Alkohol. Betrunken macht der Staatsanwalt Passanten an: "Du bist auch n Nazi!" usw.

Wir sollen bei diesem pädagogischen Unternehmen auf der Emotionsschiene fahren und Empathie entwickeln. Alle Achtung, ein tollkühnes Unternehmen. Aber leider funktioniert es nicht. Die klumpigen Einfälle des Drehbuchs stehen entgegen. Man glaubt den Helden nicht. In der Sitzung beantragt der Verkehrsdezernent eine Buße und gibt der zickigen Angeklagten 20 Mark, damit sie die bezahlen kann? Die FR wird auf der Straße von Kindern im Grundschulalter verkauft? Wenn der VW in der Pampa kaputt geht, rennt der Held ins Nirgendwo? Wenn er Ärger mit den Vorgesetzten hat, lässt er das Auschwitz-Ziel sausen, kündigt und nimmt einen lukrativen Job an - Service für Wirtschaftswunderunternehmen?
Und ich soll mitbibbern und mir die Nägel abkauen??

Also Leute, die Drehbucheinfälle führen in die Irre. Ins Nirgendwo. Und dann wird's schlussendlich selbst mit dem Fazit des Generalstaatsanwalts schwierig: "Heute wird Geschichte geschrieben!" Mag ja so sein, allein mir fehlt der Glaube. Die Türen zum Gerichtssaal schließen sich, der  Prozess beginnt, und rieselt mir was den Rücken runter? - Nö.

Dietrich Kuhlbrodt

Dieser Text ist zuerst erschienen in: konkret 11/14 und in der www.filmgazette.de

Im Labyrinth des Schweigens
Deutschland 2014 - 123 min.
Regie: Giulio Ricciarelli - Drehbuch: Elisabeth Bartel, Giulio Ricciarelli - Produktion: Jakob Claussen, Thomas Wöbke, Uli Putz, Sabine Lamby - Kamera: Roman Osin, Martin Langer - Schnitt: Andrea Mertens - Musik: Sebastian Pille, Niki Reiser - Verleih: Universal Pictures - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Becht, Gert Voss, Robert Hunger-Bühler, Johann von Bülow, Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Peter Cieslinski, Elinor Eidt, Lukas Miko, Lisa Martinek, Robert Mika, Tim Williams, Thomas Hessdörfer, Hartmut Volle, Mathis Reinhardt - Kinostart (D): 06.11.2014

 

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