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Im Alter von Ellen

 

 

Pia Marais präsentiert in ihrem Zweitling "Im Alter von Ellen" eine von Jeanne Balibar gespielte Figur, die mit sich und der Welt auf verstörende Weise nicht im Reinen ist.

Ellen steigt aus. Sie ist eine Frau um die Vierzig, Stewardess, gerade hat sie noch die Arme geschwenkt, Notausgang, Bodenbeleuchtung, Sauerstoffmaske, die Kamera beobachtet sie dabei aus der Nähe. Dann sagt sie nichts, hat aber genug, macht die Tür auf, geht mit dem Rollkoffer die Gangway runter, eilt, die Kamera im Genick, übers Flugfeld, ganz eng ist der Blick, man hört Hupen, man sieht oder ahnt den Verkehr der Busse und Transportwagen darum herum. In der nächsten Totalen ist Ellen am Rand des Feldes, allein im struppigen Gelände. Sie ist davon. Im Gespräch, das dann folgt, muss sie erfahren, dass ihr Verhalten unentschuldbar ist. Was sie getrieben hat, weiß man nicht. Zurück ins Leben mit dem Mann, der sie betrügt, zieht es sie nicht. Wohin sie will, ist sehr unklar, auch ihr selbst, muss einem scheinen. Sie lässt sich treiben.

Ellen ist Jeanne Balibar, die in Rivettes "Herzogin von Langeais" die Balzac-Figur so bewunderungswürdig nuanciert zu spielen verstand. Von Pia Marais, der aus Südafrika stammenden Regisseurin, die an der Berliner dffb studiert hat, wird sie in diesem Film an einen fremden Ort und in eine fremde Sprache versetzt: Sie spricht Deutsch mit Akzent, was an keiner Stelle erklärt wird. Sie ringt aber nicht mit der Sprache, es wäre zugleich auch nicht richtig zu sagen, sie eigne sie sich umstandslos an. Es ist eine Durchdringung von Vertrautem und Fremdem, der Effekt eine Künstlichkeit eher als der Charme, den die französische Intonation sonst im Deutschen gern hat. Das Deutsch Jeanne Balibars ist nur eine Fremdheit, die zum sich weitenden Riss passt, der durch die Identität Ellens geht.

Jeannne Balibar spielt Ellen als Frau, die streng ist. Neben und mit ihr wird einem nicht unbedingt warm. Das sieht man den Menschen, die mit ihr zu tun haben, an. Die Kamera ist so oft bei ihr und doch bleibt diese Distanz. Es gelingt Ellen, sich umarmen zu lassen, ohne dass dabei Nähe entsteht. Sie weicht im Herannahen zurück. Pia Marais hat sich fest vorgenommen, diese Frau nicht zu erklären. Sie folgt ihr, die sich treiben lässt. Dass es eine Entschlossenheit geben kann in der Haltlosigkeit, das führt Jeanne Balibar eindrucksvoll vor. Sie lässt geschehen, was geschieht, und wirkt dabei doch nicht verloren. Eine souverän verlorene Beobachterin ihrer selbst und ihres eigenen Schicksals. Eine Figur, immer kurz davor, ein Affront zu sein für die Mitwelt. Im Taxi raucht sie und macht die Zigarette auf die Aufforderung des Fahrers hin auch nicht aus. Er schmeißt sie raus. Sie überlässt sich dem Zufall.

Ein Kleinlaster kommt vorbei. Sie steigt ein, die Verfolgung des Taxis, in dem Ellen ihren Rollkoffer vergessen hat, beginnt. Im Auto eine Gruppe von Tierrechtsaktivisten. Sie haben einen Affen befreit, den bringt Ellen an einen sicheren Ort. Ellen wird und wird nicht Mitglied der Gruppe. Sie verteilt in Stewardessenuniform und mit Tiermaske Handzettel vor dem Fleischkongress, während die anderen nackt protestieren. Die Uniform, die sie lange noch weiter trägt, ist einerseits Festhalten an einer aufgegebenen Identität, also Verweigerung der Realität, andererseits ist sie auch eine Maske: Ellen legt sich, indem sie provisorisch die bleibt, die sie war, nicht auf ihr zukünftiges Ich fest. Das orange-gelbe Tuch um den Hals und der Knoten darin halten die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft von Ellen - je länger, desto mehr mit Gewalt - noch zusammen.

Es gelingt dem Film, einen Blick auf die von Rebecca (Julia Hummer) angeführte Tierrechtstruppe zu werfen, der haargenau der von Ellen sein könnte: Sie macht, Distanz haltend, mit. Sie schlägt sich nicht auf die Seite der Aktivisten. Ihre Haltung ist neutral, aber nicht unklar. Sie ist die passivste Aktivistin der Welt. Sie ist eine Persönlichkeit im Übergang. Ein anderes Tier hat damit zu tun, als Anlass, nicht als Metapher. (Um Metaphern geht es hier nicht). Fast wäre es möglich zu sagen: Ellen hat sich beim unerwarteten Auftauchen dieses Tiers existenzphilosophisch infiziert. Auf einem kleinen Flughafen in Afrika ist ein Gepard auf dem Flugfeld und verhindert den Start. Hier schon hat Ellen kurz mit Tieraktivisten Kontakt. An diesen Ort, zum Geparden, zieht es sie am Ende zurück.

"Im Alter von Ellen" ist ein verstörender, gelegentlich enervierender Film zur großen Frage, wofür man lebt. Die Antwort, eindeutiger formuliert, als der Film sie wahrscheinlich gibt: Indem man sich einsetzt für eine Sache, an die man glaubt, auch im Angesicht ihrer Vergeblichkeit. Am Tisch, im Bildvordergrund sitzt am Rand der Gemeinschaft, deren Teil Ellen nun sein will, ein großer Geier. Er trägt im Film den Namen "Commander", im wirklichen Leben, sagt der Abspann, heißt er Voltaire. "Wir müssen unseren Garten pflegen", heißt es am Schluss von dessen "Candide". Darin liegt eine Ambivalenz, die auch "Im Alter von Ellen" nicht fremd ist.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte


Im Alter von Ellen
OT: Im Alter von Ellen
Deutschland 2010 - 95 min.
Regie: Pia Marais - Drehbuch: Pia Marais, Horst Markgraf - Produktion: Christoph Friedel, Claudia Steffen - Kamera: Hélène Louvart - Schnitt: Mona Bräuer - Musik: Horst Markgraf, Yoyo Röhm - Verleih: Real Fiction - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Jeanne Balibar, Julia Hummer, Georg Friedrich, Jasna Fritzi Bauer, Markus Klauk, Guido Renner, Stefan Stern, Louis Lüps, Julia Prock, Benno Lehmann
Kinostart (D): 20.01.2011

 

DVD-Start (D): 21.09.2012
Details zur DVD:
Sprache: Deutsch (teilweise mit deutschem Untertitel) - Untertitel: Englisch, Französisch - Extras: Booklet, Fotogalerie, REAL FICTION Trailershow


  

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