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Il Futuro

 

 

 

Nach dem fürchterlichen Unfalltod ihrer Eltern auf einer Straße im Süden lebt ein junges Geschwisterpaar namens Bianca und Tòmas traumatisiert in ihrer zunehmend verdreckten Wohnung weiter vor sich hin. Die Kinder vernachlässigen die Schule und schauen lieber fern: zunächst Frühstücksfernsehen und Zeichentrickfilme, später dann Serien, Quiz- und Talkshows. Oder leihen sich Pornos in Videotheken aus, um zu lernen, wie die Liebe geht. Man stromert durch Videotheken und häuft (sinnloses) Filmwissen über B-Movie-Darsteller an, liest „Hüllen der Filme, als wenn es Bücher wären“ (Bolano). Als dem Geschwisterpaar das Geld ausgeht, suchen sie sich notgedrungen Jobs. Bianca arbeitet in einem Friseursalon, während Tómas sich als Reinigungskraft in einem Sportstudio verdingt. Von dort bringt er zwei Kumpel mit nach Hause, die auch nicht so recht was mit sich anzufangen wissen. Bianca schläft mal mit dem einen, mal mit dem anderen. Eine Katastrophe liegt in der Luft, doch Tómas leiht weiterhin Filme aus, und Bianca wäscht Haare.

In diese Trostlosigkeit der reinen Gegenwart kommt erst durch einen kriminellen Plan, den Tómas’ neue Freunde ausgeheckt haben, Bewegung. In einer Villa lebt ein alter Mann, der einst in den Sandalenfilmen ein Star gewesen ist. In seinem Haus soll sich ein Tresor mit sehr viel Geld befinden, doch der misstrauische Alte lässt niemanden in seine Nähe. Hier kommt Bianca ins Spiel. Sie soll Signor Bruno, den man früher als Maciste verehrte, sexuell zu Diensten sein und dabei nach dem Tresor Ausschau halten. Den Rest würden dann Tómas’ Freunde erledigen. Bianca lässt sich darauf ein, doch die Begegnung mit dem erblindeten Ex-Filmstar und seine Vergangenheit als mehrfacher Mister Universum eröffnet der traumatisierten jungen Frau überraschend einen Weg in die Zukunft.

„Il Futuro“, der Film der chilenischen Regisseurin Alicia Scherson ist eine erstaunlich werkgetreue, die Perspektive der Ich-Erzählung in ausführliche Off-Kommentare transformierende Verfilmung von Roberto Bolaños schmalem „Lumpenroman“ („Una Novelita Lumpen“). Ein Film, der mit dem Trivialen spielt und dem Ennui der Fernsehkultur. Die Orientierungslosigkeit der beiden traumatisierten Geschwister transformiert der Film in eine traumartige Atmosphäre, in der nie als ausgemacht gelten kann, was noch oder schon Imagination ist. Bianca findet in der Begegnung mit einer vergleichbar trivialen, aber weitaus radikaler fiktionalisierten Illusion die Kraft, den Bann der Gegenwart zu brechen. Für die Rolle des Signor Bruno, der mit Bianca ein Geheimnis teilt, ist Rutger Hauer die Idealbesetzung, denn Hauer spielt mit seinen eigenen Rollen im Rücken den durch seine Biografie zu Weisheit gelangten Muskelprotz. Am Schluss steht eine ungewisse Zukunft, die allerdings schon eine Geschichte hat, denn die berühmten ersten Sätze des Romans lauten bekanntlich: „Jetzt bin ich Mutter und auch eine verheiratete Frau, aber vor gar nicht langer Zeit war ich eine Kriminelle.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: filmdienst 19/2013



Il Futuro

(Il futuro) - Alternativer Titel: Il Futuro – Eine Lumpengeschichte in Rom - Italien, Chile, Deutschland, Spanien 2013 - 98 Minuten - Start (D):12.09.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Alicia Scherson - Drehbuch: Alicia Scherson - Produktion: Bruno Bettati, Christoph Friedel, Mario Mazzarotto, Emanuele Nespeca, Luis Angel Ramirez, Claudia Steffen - Kamera: Ricardo DeAngelis - Musik: Caroline Chaspoul, Eduardo Henríquez - Darsteller: Luigi Ciardo, Manuela Martelli, Rutger Hauer

 

 

 

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