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Il Divo - Der Göttliche

In Paolo Sorrentinos groteskem und stilwütigem Andreotti-Porträt "Il Divo - Der Göttliche" ist der Protagonist selbst eine Art Schwarzes Loch, in dem Anstand und Demokratie fast geräuschlos verschwinden.

 

Eine der verblüffendsten und zugleich bezeichnendsten Einstellungen findet Paolo Sorrentino in seinem an mangelndem Gestaltungswillen gewiss nicht leidenden Film gleich zu Beginn, wenn der auf höchste politische Ämter dutzendfach abonnierte Guilio Andreotti sich zur Einnahme einer aufgelösten Aspirintablette - er leidet dauerhaft an Migräne - vom Küchentisch erhebt und sein Kopf hinter einer blendend weißen, tiefhängenden Lampe verschwindet. Andreotti stand stets im Verdacht, seine politische Laufbahn der Mafia und deren wenig subtiler Vorgehensweisen zu verdanken. Erst nach dutzenden Immunitätsverfahren kam er vor Gericht und wurde gleich mehrfach freigesprochen.

 

Sorrentino findet für die Ungreifbarkeit seines Protagonisten dieses Bild: Andreotti als buchstäblich ausgestanzte Leerstelle, ein Nichts, aus dem nichts dringt, an dem zugleich alles, und noch jede Projektion, abprallt. "Wenn Andreotti eines Tages sterben sollte", feixt ein Komiker resignierend an einer Stelle, "dann wird man aus ihm die Black Box herausschneiden, dann wissen wir endlich die Wahrheit!" Toni Servillo spielt diesen stoisch eingepanzerten Mann mit einer Konsequenz, die einen das Fürchten lehrt.

 

Andreotti ist ein Rätsel. Ein Rätsel, das Sorrentino zwar mit Metaphern und Symbolen traktiert - ein Bild von Andreotti mit Akupunkturnadeln im Kopf erinnert an den ikonischen Dämon Pinhead, dann wieder läuft er wie Nosferatu durchs Bild -, die an der Figur aber geradezu abperlen. Sorrentino weiß darum und erhebt erst gar nicht den Anspruch, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit im Stil einer Oliver-Stone-Reportage zu deklarieren. Im Gegenteil, sein Andreotti bildet das windstille Auge eines Hurrikans regster Betriebsamkeit, einen ruhenden Schwerpunkt in einem sich darum rankenden, kaum durchschaubaren Dickicht aus Namen, Posten, Mauscheleien und Intrigen.

 

Woher der Mann kommt, wie er an die magnetische Aura der Macht gelangt ist, die ihn umgibt, was sich hinter seiner eisern verschlossenen Miene abspielt und welche Mittel er wenigstens lanciert, dazu gibt "Il Divo - Der Göttliche" - trotz aller Andeutungen und Suggestionen - keine Auskunft. Statt dessen formuliert Sorrentino im steten Wechsel der Zeitebenen, vermittels eines nicht enden wollenden Informationsstakkatos und mit unbändig viel Stilbewusstsein das Rätsel rein des Rätsels wegen: Entropie statt Aufklärung, Stillstand statt Erkenntnisgewinn. Und gut anzuschauen ist das bei einem virtuosen Stilisten wie Sorrentino allemal.

 

So ist Andreotti denn auch eine absurd in sich absorbierte Figur, die aus Macht und Intrigen keinerlei persönlichen Gewinn schlägt. Kein Machiavelli steckt hinter diesem trüben Blick, hinter der geduckt beengten Haltung des Spieß- und Kleinbürgers; eher ein Meursault aus Camus' "Der Fremde", der sich inmitten des Betriebs ringsum als Beobachter in sich zurückzieht. Oder vielleicht noch am ehesten ein Adolf Eichmann, der mit aller Gelassenheit einfach das schrecklichste tut, indem er es einfach tut. An den Zufall glaube er nicht, beteuert Andreotti stets, nur an den sich fügenden Willen Gottes. Es muss ein Gott mit einem ganz besonders seltsamen Humor sein, der sich eine solche Farce gefallen lässt.

 

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 15.4.2009 in: www.perlentaucher.de

 

Il Divo - Der Göttliche

Italien / Frankreich 2008 - Originaltitel: Il Divo - Regie: Paolo Sorrentino - Darsteller: Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Flavio Bucci, Carlo Buccirosso, Giorgio Colangeli, Piera Degli Esposti, Ennio Fantastichini, Paolo Graziosi, Fanny Ardant

Start: 16.4.2009

 

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