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Iklimler – Jahreszeiten

Keine großen Themen, nur die Szenen einer Ehe in Nuri Bilge Ceylans meisterhaftem neuem Film "Iklimler - Jahreszeiten". Welche Freiheit darin liegen kann, sich Zeit zu nehmen und den Bildern, den Darstellern Zeit zu lassen, demonstriert schon der Beginn. Ein Ehepaar - Isa, gespielt von Regisseur Ceylan selbst und Bahar, gespielt von seiner Ehefrau Ebru - im Urlaub zwischen antiken Ruinen am Schwarzen Meer. Die Einstellungen wechseln zwischen Großaufnahmen und Totalen, zwischen ihrer Perspektive und seiner.

 

Der Ort aber ist nicht Kulisse und die Darsteller spielen nicht die Gefühle nach, die ein Drehbuch ihnen vorschriebe. Es geht hier tatsächlich um das Verhältnis von Figur und Raum, darum zu sehen, wie der Mann einmal stolpert und wie Bahar sich etwas abseits niederlässt und beim Blick auf den Mann zu weinen beginnt. Es ist das Gesicht in Großaufnahme dabei aber nicht Vehikel für Auszudrückendes, sondern nicht weniger Schauplatz als die in Totalen gezeigte antike Stätte, zwischen deren Säulen der Isa sich stolpernd fast verliert. Die Kamera bezeugt und dokumentiert, was sich abspielt, in Räumen, auf Gesichtern, zwischen Menschen; es ist eine Neugier und Offenheit in diesem Blick, eine Intimität, die sich in der distanzierten Nüchternheit, die gewahrt bleibt, erst einstellt.

 

Beklemmend die Szene später, das Paar am Strand, ein Alptraum, der "Iklimler" für einen Moment fast zum Horrorfilm macht. Isa bekennt seine Liebe, Ceylan rückt die Gesichter, einander sich nähernd, in den Vordergrund. Ein Kuss, Isa beginnt spielerisch, den Körper seiner Frau mit Sand zu bedecken. Dann aber schüttet er ihr den Sand auch übers Gesicht. Bahar erwacht und es ist so klar, wie es nur sein kann, und ohne Worte fast, dass das Verhältnis der beiden nicht mehr zu retten ist. Es werden im weiteren noch Worte fallen, aber die beiden verwenden sie entweder als Waffen. Oder sie sind stumpf und kraftlos, sie trennen, im Versuch zu verbinden, es lässt sich mit ihnen nicht mehr sagen, was man meint.

 

Die Wut, die in Isa ist, findet Ausdruck in einer so rabiaten wie verzweifelten Sexszene mit einer anderen Frau. Ceylan filmt das nüchtern, vom Beginn dieser Annäherung an, die zum Kampf wird, der auf das, was folgt, noch gar nicht zu zielen scheint. Ceylan lässt sehr viel Raum und Freiheit und Spiel für die Ambivalenz zwischen zwei einander nicht nahen, einander nicht einmal begehrenden Menschen in einem Zimmer, auf einer Couch. Er hat nicht - wie Akin [in „Auf der anderen Seite“ – die fz-Redaktion] - einen Einfall, sondern er findet für diese heiklen Momente eine Form und einen Blick auf die Figuren, die schonungslos sind und doch nicht denunziatorisch.

 

Auch "Iklimler - Jahreszeiten" bewegt sich von Istanbul ans Schwarze Meer. Der äußeren korrespondiert eine innere Bewegung, aber beides geht nie ineinander auf. Keines der Momente dieses Films ist auf ein anderes reduzierbar. Es geht nicht um symbolische Entsprechungen, nicht um das Herumschieben von Figuren in Schicksalsbilanzen. Der Reichtum von "Iklimer" ist ein Reichtum, der sich dem Aneinanderreiben von Winzigkeiten verdankt, dem Fehlgehen der Worte, den Verletzungen, die zwei sich zufügen, ohne zu wissen, ob sie das, was sie da tun, auch tun wollen. Es ist in diesem Film alles in der Schwebe, ohne die mindeste Vagheit. Hier hastet niemand von plot point zu plot point, aus Angst, etwas könnte ungezeigt, etwas könnte ungesagt bleiben. In "Iklimler" wird vielmehr das Zeigen des Ungesagten zum filmischen Ereignis.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Iklimler - Jahreszeiten

Türkei / Frankreich 2006 - Originaltitel: Iklimler - Climates - Regie: Nuri Bilge Ceylan - Darsteller: Ebru Ceylan, Nuri Bilge Ceylan, Nazan Kesal, Mehmet Eryilmaz, Arif Asçi, Can Özbatur - FSK: ab 16, nicht feiertagsfrei - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 97 min. - Start: 27.9.2007

 

 

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