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I Killed My Mother

 

 

Zum Abschied wirft Hubert seiner Mutter mancherlei an den Kopf: Sie benehme sich wie eine Alzheimerkranke, ihre Kleidung sei scheußlich, schlimmer noch die Tiermustertapeten an den Wänden des Hauses, in dem sie bis dahin gemeinsam lebten. Nun aber schickt seine Mutter den siebzehnjährigen Hubert ins Internat, irgendwo auf dem Land, abseits von Montreal, der Stadt, in der der Sohn sich, außerhalb der eigenen vier Wände zumindest, zuhause fühlt. Ständige Streitereien, deutlich und heftig, Huberts Flucht eines Nachts führen dazu, dass die Mutter sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als ihn von sich zu stoßen.

Hubert hasst seine Mutter, oft genug sagt er ihr das direkt ins Gesicht: "Ich hasse dich". Im Unterricht schwindelt er der Lehrerin vor, dass er seinen Vater seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, dass seine Mutter nicht mehr lebt. (Der Titel des Films benennt also keine Realität, nur einen Hasswunschtraum.) Die nimmt das, als sie davon hört, nicht gut auf. Die Lehrerin allerdings wird zur Vertrauten Huberts, der schöne Gedichte schreibt und sich auch als Maler versucht, ein Jackson Pollock der Zimmerwand. Seit zwei Monaten lebt er vor der Abreise ins Internat in einer Beziehung mit Antonin, seine Mutter weiß lang nichts davon, erfährt es im Solarium durch Zufall - er hat ihr ja nicht mal erzählt, dass er schwul ist.

Hubert liebt seine Mutter, aber nicht, wie man seine Mutter eigentlich lieben sollte. Er würde jeden töten, der ihr etwas antut, aber es gibt hundert andere Menschen, die ihm wichtiger sind. Das sagt er in seine Videokamera, die Bilder sieht man zwischen den anderen Bildern von Zeit zu Zeit in Schwarz-Weiß. Überhaupt ist "I Killed My Mother" ein ziemlicher Bildersalat, der beweist, dass Regisseur Xavier Dolan einschlägige Vorbilder (Godard, Wong Kar-Wei) und viele Einfälle hat. Einmal setzt er Hubert und die Lehrerin auf eine Bank vor modern geschwungenem buntem Hintergrund ins Cafe und es sieht sehr nach einer Fingerübung im Imitat des frühen Godard aus.

Extravagant ist auch eine Dialog-Szenenauflösung, die in dieser Einstellung sinnlos wiederholt, was in einer Streitsituation mit der Mutter zuvor durchaus interessant war. Auf gewöhnliche Schuss/Gegenschuss-Aufnahmen verzichtet Dolan in der Regel. Im Raum und im Schnitt platziert er seine Figuren gerne nebeneinander. Am Tisch mit der Mutter, im Cafe mit der Lehrerin separiert er Bild für Bild Hubert und seine Gesprächspartnerin. Im Dialogwechsel steckt er sie abwechselnd in den Einzelknast eines Bildkaders, in dem der/die direkt daneben sitzende andere nicht zu sehen ist. Wie so manches, was mehr aus der Luft gegriffener Einfall als gefundene Form ist in diesem Film, wird das zur Manier.

Auf der anderen Seite: "I Killed My Mother" hat Energie, Wucht, Tempo, überzeugend schmerzhafte Dialoge. Dolan, der Erfahrung als Schauspieler hat, dosiert seine Verzweiflungen, seine Selbstmitleid- und seine Hassanfälle gekonnt. So tanzen der narzisstische Sohn und seine verständnislose Mutter - die später am Telefon auch einen hinreißenden Wutanfall hat - ihren Pas de Deux der Entfremdung mit Bravour.

Und ein Faktum gibt es, das immer etwas zu sehr auf die Tube drückende Bilddurcheinander, das die allzu vielen Einfälle, die von der Geschichte ablenken, statt sie zu zentrieren, doch mehr als entschuldigt: Xavier Dolan war siebzehn, als er seine mutmaßlich stark aus dem eigenen Leben gegriffene Geschichte als Drehbuch aufschrieb. Er war zwanzig, als der Film in die Kinos kam. Auf den Festivals wurde er gefeiert, auch der Nachfolger "Les amours imaginaires" war im letzten Jahr in Cannes ein Erfolg. Hierzulande dauert es ja gern etwas länger, bis man interessante Werke noch nicht so bekannter Filmemacher zu sehen bekommt. Man darf also schon froh sein, dass sich Xavier Dolan, von dem sich viele noch Großes erhoffen, dem deutschen Kinozuschauer überhaupt vorstellen darf.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

I Killed My Mother

Kanada 2009 - Originaltitel: J'ai tué ma mère - Regie: Xavier Dolan - Darsteller: Anne Dorval, Xavier Dolan, Suzanne Clement, François Arnaud, Patricia Tulasne, Niels Schneider, Monique Spaziani, Pierre Chagnon - FSK: ab 16 - Länge: 100 min. - Start: 3.2.2011

 

 

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