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I, Frankenstein

Kein neuer Adam

Die rationalen Tugenden eines gut gemachten B-Movies sucht man vergebens in Stuart Beatties chaotischem Fantasyfilm "I, Frankenstein".

Adam nennt sich das Monster, das einst vom Wissenschaftler Victor Frankenstein erschaffen wurde, und das, wie wir jetzt lernen, seinen Jägern entkommen konnte, das jahrhundertelang im Exil, weitab aller Zivilisation, vor sich hin grübelte, und das jetzt, in unserer Gegenwart, wieder auftaucht. Mit dem Namen Adam entscheidet sich der Film "I, Frankenstein", entscheidet sich das Monster selbst für die christliche Variante der Frankenstein-Ausleger. Marry Shellys Roman "Frankenstein; or, The Modern Prometheus" war noch beides auf einmal: ein religiöses cautionary tale, eine weitere Verdammung eines weiteren goldenen Kalbs; und blueprint einer neuen literarischen Gattung, der Science Fiction, die ihre Erfindungen bald gar nicht mehr an göttlichem Maßstab messen musste.

Interessant ist die sonst eher krude Geschichte, die Regisseur Stuart Beattie nach einer Grafic-Novel-Vorlage von Kevin Grevioux (Autor unter anderem der zumindest in ihren Texturen durchaus verwandten "Underworld"-Filme) entwirft, weil sie sich nicht einfach nur für eine religiös verbrämte, Science-Fiction-ferne Frankenstein-Relektüre entscheidet, sondern, zumindest, wenn man das alles ein klein wenig beim Wort nimmt, sogar hinter das monotheistische Christentum zurück will: Frankensteins Monster wird in den Kampf zwischen einem teuflisch inspirierten Dämonenklan und den im himmlischen Auftrag handelnden Gargoyle involviert. Diese Gargoyle heißen deutsch übersetzt eigentlich Wasserspeier und gehören zu den sonderbareren Fantasiegeschöpfen, die in letzter Zeit im Kino zu bewundern waren: Ihr Ursprung ist nicht mythologisch, sondern architektonisch, es handelte sich zunächst lediglich um Auswülstungen am Rand von Hausdächern, die nichts weiter waren als Regenabflüsse, die im Lauf der Zeit immer ornamentaler ausgestaltet wurden und sich schließlich in die Popkultur hinein verselbstständigten.

Eigentlich ist das alles angemessen durchgeknallt, mit Aaron Eckhart ist außerdem ein angemessen harteckiges Bewegungskino-Talent für die Hauptrolle aquiriert worden: die Frankensteinschen Operationsnarben wirken in seinem ohnehin eher roh zusammengehauen wirkenden Gesicht überhaupt nicht fehl am Platz; ökonomisch durch einen chaotischen Plot navigieren kann er sich sowieso (nebenbei: Eckhart hätte einen perfekten Jack Reacher abgegeben...). Ein talentierter Pulp-Regisseur wie Paul W.S. Anderson hätte aus all dem einen schönen, kleinen Actionfilm basteln können, der den christologischen Unfug mitsamt wasserspeiendem Überhang dank der rationalen Tugenden eines gut gemachten B-Movie in seine Schranken verwiesen hätte.

Dem Film, der "I, Frankenstein" statt dessen geworden ist, fehlt es leider an allen Ecken und Enden an handwerklicher Sorgfalt, an wenigstens vorsichtigen Differenzierungen. Die Welt, in der der Film spielt, besteht hauptsächlich aus einer düster illuminierten Megastadt, deren einziges herausragendes Merkmal die Hauptquartiere der beiden Gegenspieler sind, die ihrerseits jeweils ähnlich sakral und ähnlich überdimensioniert in der ansonsten detaillos öden Gegend herum stehen. Die animierten Regenrinnen hausen in und auf einer Art Über-Kirche, können aber auch menschliche Gestalt annehmen, genauso wie die generischer gestalteten Dämone, in deren finsterem Plan Adam Frankenstein, beziehungsweise dessen Bauplan eine zentrale Rolle spielt.

Das ist ein ständiges, vermutlich fast komplett am Computer entworfenes Hin und Her, ohne strukturierende Pausen, meist in Massenszenen, hundert good guys gegen hundert bad guys, alle beständig dabei, sich in irgendetwas anderes zu verwandeln, sich gegenseitig den Garaus zu machen (wobei die Sterbeszenen stets gleich aussehen, wie in alten Computerspielen, die für so etwas nur eine Grafik zur Verfügung hatten), irgendwelchen Mac Guffins hinterher jagen. Eckhart wird zwischendurch eine willige Blondine auf den Leib geschrieben, die aus ganz besonders kryptischen Gründen den Namen Terra trägt. Dass sich, wie schon der Titel andeutet, ausgerechnet aus diesem Müllhaufen aus Digitalschrott, mythologischem Wurstsalat und verkorkster Pulp-Dramaturgie am Ende ein neues, mit göttlichem Segen ausgezeichnetes und also nicht mehr bloß elektrotechnisch beseeltes Frankenstein-Subjekt, ein neuer Adam gar, erheben soll, daran glaubt der Film doch selbst nicht.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

I, Frankenstein
USA, Australien 2014 - 93 Minuten - Kinostart: 23.01.2014 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Stuart Beattie - Drehbuch: Kevin Grevioux, Stuart Beattie, Mary Shelley - Produktion: Kevin Grevioux, David Kern, Gary Lucchesi, Troy Lum, Andrew Mason, James McQuaide, Eric Reid, Tom Rosenberg, Richard S. Wright - Kamera: Ross Emery - Schnitt: Marcus D'Arcy - Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek - Darsteller: Yvonne Strahovski, Caitlin Stasey, Bill Nighy, Aaron Eckhart, Jai Courtney, Miranda Otto, Kevin Grevioux, Aden Young, Virginie Le Brun, Deniz Akdeniz, Chris Pang, Socratis Otto, Samantha Reed, Angela Kennedy, Goran D. Kleut - Verleih: Splendid Film

 

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