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Ich bin das Glück dieser Erde

 

 

Der Tänzer Octavio hat sich das Knie verstaucht und muss jetzt allerlei Reha-Maßnahmen geduldig über sich ergehen lassen. Pech für ihn, dass ausgerechnet jetzt der Filmemacher Emiliano in seinem Umfeld mit Dreharbeiten für seinen neuen Film beginnt. Denn Emiliano ist nicht nur für seine Begeisterung für den modernen Tanz bekannt, sondern er kann sich auch für die jungen Tänzer selbst begeistern.

Trotz seines Handicaps gelingt es Octavio, die Aufmerksamkeit Emilianos auf sich zu ziehen, und die beiden werden ein Paar. Doch Emiliano hält nichts von einer festen Partnerschaft. Einmal gibt er sogar ein TV-Interview, indem er vehement gegen die Fesseln der Partnerschaft argumentiert. Als er bemerkt, dass die Beziehung zu Octavio ernster zu werden beginnt, zieht er sich brüskierend zurück und beginnt erneut Affären und One-Night-Stands mit wechselnden Partnern.

Man kann sich beim neuen Film des vielfach ausgezeichneten Mexikaners Julian Hernandez nie ganz sicher sein, zumal er radikal auf Poesie statt auf Psychologie setzt. Auf eine Poesie sich im Raum bewegender Körper, denn der Film handelt nicht nur von der leidenschaftlichen Liebe zum Tanz, sondern die Figuren agieren vor der Kamera, als folgten sie einer Choreografie, was dem Film eine ganz eigene, sehr reizvolle Künstlichkeit verleiht. Dass man hier nicht genau wissen kann, auf welcher Erzählebene man sich befindet, zeigt sich im Mittelteil, der als Film-im-Film von einer menage-a-trois erzählt, bei der das Begehren zwischen den beiden Männern intensiver ist als das Begehren nach der Frau, die sich ihnen darbietet. Gedreht hat den Film offenbar Emiliano. Auch hier folgt die Darstellung des sexuellen Aktes durchaus züchtig einer Tanz-Choreografie. Nachdem Octavio lange aus dem Film verschwunden war, kommt es zu einer erneuten Begegnung der beiden im Anschluss an eine Theater-im-Film-Sequenz, die damit endet, dass man einander die Liebe gesteht und sich dann trennt. Oder nicht?

Wichtiger als die Geschichte ist hier ohnehin die Art und Weise, wie sie in Szene gesetzt wird. Hier sollen die Körper kommunizieren. Sie tun das innerhalb famos fotografierter Tableaus oder exquisit ausgeleuchteter Kamerabewegungen, die lauter schöne Körper in Markenklamotten und in Set Designs zeigen, in denen es vor popkulturellen Anspielungen hier ein Fassbinder-Poster an der Wand, da eine Judy Garland-Schallplatte nur so wimmelt. Da es dem Film offenbar genügt, sich an seinem exzessiven und auch undisziplinierten Kunstsinn zu berauschen, darf man sich nicht wundern, wenn die Love Story selbst den Zuschauer etwas unberührt lässt. Was ja beim modernen Tanz ebenfalls nicht selten geschieht.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 22/2014

 

 

Ich bin das Glück dieser Erde
(YO SOY LA FELICIDAD DE ESTE MUNDO) - Mexiko 2014 - Produktionsfirma: Mil Nubes-Cine - Regie: Julián Hernández - Produktion: Roberto Fiesco - Buch: Julián Hernández, Ulises Pérez - Kamera: Alejandro Cantú - Musik: Arturo Villela - Schnitt: Emiliano Arenales Osorio - Darsteller: Hugo Catalán (Emiliano Arenales Osorio), Alan Ramírez (Octavio), Andrea Portal, Gabino Rodríguez), Emilio von Sternerfels (Jazen), Iván Álvarez, Gloria Contreras, Gerardo Del Razo (Jonas), Rocío Reyes, Aladino R. Blanca, Erstaufführung: 23.10.2014 - Länge: 125 Minuten - FSK: ab 16 - Verleih: Pro-Fun

 

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