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I Am Love

 

Gemälde der Macht

 

Vom Eis der Tradition befreit sich im Lauf von Luca Guadagninos großer Kameraoper "I Am Love" die großartige Tilda Swinton - hier, weil ihr nichts unmöglich ist, als russlandstämmige Italienerin.

Mailand im Winter, draußen. In erstarrten, fast farblosen Einstellungen nähert der Film sich seinem zentralen Schauplatz: einer riesigen, fast schlossartigen Villa, und seinen Protagonisten: einer Industriellenfamilie, in der alles Sieg und Sitzordnung und Einhaltung strenger Regeln ist. Eine feudalistische Spätzeit, Kapital in alteuropäisch-faschistischer Traditionslinie. Ein Umbruch steht unmittelbar bevor: der Patriarch ist auf den Tod krank, über die Nachfolge gilt es zu entscheiden. Eine Szenerie ist das wie gemalt und gemacht für den Einbruch, die Einbrüche, von denen "I Am Love" dann erzählt.

Das zentrale Störmoment im Gemälde der Macht erkennt der geübte Betrachter sofort: Tilda Swinton, und dass was nicht stimmt, merkt man spätestens dann, wenn sie spricht - Italienisch nämlich mit russischem Akzent. Russische Seele, in Mailand schockgefroren, dahinter lauern die schottischen Highlands. Dennoch: Es bedarf, für den Ausbruch der Liebe, von der der Titel schon kündet, eines Einbruchs. Zu dem kommt es prompt. Ein junger Mann, Antonio, Freund des Sohns, der einzige, der ihn je im Wettbewerb hinter sich ließ, Koch der avancierteren Art, sinnlich. Blicke fallen, fabelhafte Speisen werden zubereitet und gegessen.

Das so Bodenlose wie Faszinierende und recht eigentlich eben faszinierend Bodenlose an Luca Guadagninos Film: Er inszeniert diese im Grunde triviale Geschichte als ganz großes Drama, mit aller Konsequenz. Einerseits auf der Inhaltsebene - da ist es freilich im Grunde nur Pilcher mit entsprechend simplen Oppositionen: die Häuser aus Eis beim Mahl in der Stadt und die Betten aus Gras beim Sex auf dem Land. Andererseits, und da wird es dann doch auf die Dauer seltsam großartig, als Überführung einer schlichten Geschichte in große Kameraoper. Oper auch musikalisch: Hinter die Bilder wuchtet Guadagnino immer wieder das Minimal-Music-Pathos des Komponisten John Adams. Erstaunlicherweise tragen die Bilder das, obwohl sie nicht unbedingt danach aussehen.

Die Kamera nämlich spielt ziemlich verrückt. Nach den in Eis gehauenen Anfängen löst sie zusehens jede Stabilität auf. Sie sprengt jeden Rahmen, indem sie wie besinnungslos im Bildinneren herumzufuhrwerken beginnt: ständige Fokuswechsel, extreme Close-Ups vor allem von Oberflächen, in Bewegung immerzu, als geriete sie - ganz wie die Tilda Swinton als Hauptfigur - immer weiter außer Kontrolle. Zuständig dafür ist der französische Kameramann Yorick Le Seaux, der auch für die (bei aller Virtuosität deutlich kontrollierteren) Bilder von Olivier Assayas’ nächste Woche anlaufendem Terrorismusfilm "Carlos" verantwortlich zeichnet. Am ehesten erinnert, was im, am, mit dem Bild passiert, ihm zustößt und widerfährt, an die Abwege, auf die die Kamera in Alain Resnais’ jüngstem Film "Les herbes folles" so zielsicher geriet. Da übrigens war, nebenbei, Eric Gautier der Verantwortliche, der andere regelmäßig für Assayas tätige Kameramann.

Auflösung in mehr als einem Sinn also ist das, was an "I Am Love" fasziniert. Auflösung eines Szenarios der kompletten Erstarrung in Szenen der Flucht, in der Eröffnung einer anderen Welt, Zug um Zug, in schwankender Bildgestalt. Auflösung auch - im technischen Sinn - jeder einzelnen Szene in Einstellungen, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt. Stattdessen Texturen, Oberflächen, das Licht, das Gras, die Zubereitung und das Genießen von Speisen. "I Am Love" ist ein in jeder Hinsicht ganz und gar oberflächlicher Film. Nur will er es sein und ist darum auf seine bei Licht besehen erstaunlich unraffinierte Weise faszinierend idiosynkratisch.n.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

I Am Love
OT: Io sono l'amore
Italien 2009 - 120 min.
Regie: Luca Guadagnino - Drehbuch: Luca Guadagnino, Barbara Alberti, Ivan Cotroneo, Walter Fasano - Produktion:Luca Guadagnino, Tilda Swinton, Alessandro Usai, Francesco Melzi D’Eril, Marco Morabito, Violante Placido - Kamera: Yorick Le Saux - Schnitt: Walter Fasano - Musik: John Adams - Verleih: MFA+ - Altersfreigabe: ab 12 Jahre - Besetzung: Tilda Swinton, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Alba Rohrwacher, Pippo Delbono, Diane Fleri, Maria Paiato, Marisa Berenson - Kinostart (D): 28.10.2010

 

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