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Hotel Lux

 

 

Liebe ist stärker als das Rot


Was für eine Idee: Leander Haußmann dreht über das Moskauer "Hotel Lux" eine deutsche Komödie – mit Michael "Bully" Herbig in der Hauptrolle eines Stalin-Astrologen

Die erste Pointe dieses Films besteht darin, dass es ihn überhaupt gibt: eine deutsche Komödie mit Michael „Bully“ Herbig in der Hauptrolle, die "Hotel Lux" heißt und auch davon handelt. Einen Film also, der sich zur Unterhaltung mit dem, wie es im Film freiwillig komisch heißt, „Mekka des Kommunismus“ befasst, dem Moskauer Gästehaus, in dem auch die Spitzen der deutschen Kommunistischen Partei die Nazi-Jahre überlebten – und den stalinistischen Terror dazu.

Denn der deutschen Komödie, und insbesondere der, für die der Massenbelustiger Bully Herbig ("Der Schuh des Manitu", "Wickie und die starken Männer") steht, wären bei dem Namen Hotel Lux bis dato wohl allenfalls Seifenwitze eingefallen. Zugleich ist die Geschichte des deutschen Kommunismus keine, die auf die Sozialisationserfahrungen eines Publikums zählen könnte, das die Wahl einer Kleidermarke für Überzeugungen nimmt und zu seinen prägenden Erfahrungen den Tod Winnetous in den Weihnachtsprogrammen des Fernsehens rechnet. Darüberhinaus kommt die Bearbeitung der stalinistischen Ära selbst in seriöseren Zusammenhängen bei weitem seltener vor als die Beschäftigung mit Nationalsozialismus oder DDR – ob aus Distanz, Desinteresse oder Traumatisierung, sei dahingestellt.

Diese Widerstände erklären zum Einen, warum Bully die Hauptrolle in "Hotel Lux" spielen musste – weil das Thema ohne den Publikumsdarling überhaupt nicht auf Vermittlung hätte hoffen können. Zum anderen führt die Besetzung mit Bully auf die Spur des Misslingens dieses Films – weil mit ihm ein Publikum adressiert wird, dem man per Insert noch erklären muss, dass Walter Ulbricht in späteren Jahren die Mauer gebaut hat, damit ein schönerer, weil beiläufigerer Gag gegen Ende des Films, wenn Ulbricht (Axel Wandtke) gedankenverloren einen Wall aus Zuckerwürfeln am Tisch mit Lotte (Steffi Kühnert) errichtet, verstanden werden kann.

Die Idee zu "Hotel Lux" stammt von dem Produzenten Günter Rohrbach, ein erstes Treatment von dem Schriftsteller Uwe Timm, der die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Leander Haußmann dann aber aufgekündigt hat, so dass Haußmann, nach einer Überarbeitung von Volker Einrauch, das Buch selbst schrieb – und Bully auf dem Leib. Damit sind die äußeren Widersprüche dieser Produktion in den Film eingewandert: Die Figur des ostentativ unpolitischen und ahnunglosen Komikers Hans Zeisig (Bully), der von Hollywood träumt, doch noch vor den Nazis fliehen muss und zufällig im Hotel Lux landet, ist eine Bully-Figur. Und Bully-Figuren sind gewohnt, Gags zu machen in parodistischen Umgebungen wie Karl-May-Film-Dekorationen.

Auch wenn Bully hier mehr als sonst eine Rolle spielt – das historische Setting hält sein Filou auf Abstand, sodass der Druck, der auf den Hotelbewohnern lastet, dessen Ahnungslosigkeit kaum trüben kann. Die Kommunistin Frida (Thekla Reuten), die Zeisig in Moskau wiedertrifft und ins Bett kriegen will, kommt kaum dazu, ihm zu erklären, wo er hier hineingeraten ist. Dass am Ende die Liebe sich als mächtigste Ideologie erweist, mag dem Kino geschuldet sein – so deutlich, wie hier darauf gepocht wird (inklusive der Hollywood-Sehnsucht, die der Abspann mit Star-Bildern von berühmten Komikern geläutert ausmalt), bekommt man den Eindruck, dass dem Film sein Stoff irgendwie auch unangenehm ist. Und das ist nicht die beste Voraussetzung, um einen Film zu machen.

"Hotel Lux" steht vor dem grundsätzlichen Problem, dass es im kollektiven Bewusstsein keine Bilder gibt, die es komödiantisch bearbeiten könnte. Was auch erklärt, wieso Wandtkes Ulbricht-Darstellung mit dem einprägsamen Singsang und der umständlichen Sprache so schön gelungen ist – von Ulbricht existieren Bilder; wie Wilhelm Pieck (Matthias Brenner), Georgi Dimitrow (Thomas Thieme) oder selbst der junge Herbert Wehner (Daniel Wiemer) gewesen sind, weiß dagegen kein Mensch.

Es ist aber nicht einmal der Mangel an Wissen, dem "Hotel Lux" seine eigenartige Unentschiedenheit verdankt. Es ist der Mangel an Können, die Unfähigkeit, Genrekonventionen zu erfüllen. Wenn der Stalinismus als Parodie nicht erzählt werden kann (wobei die Parodien, das nebenbei, die Bully-Filme sonst erzählen, zumeist nur aus harmlos-biederen Gags bestehen), dann eben als Verwechslungskomödie. Für eine Verwechslungskomödie braucht man neben der Möglichkeit zur Verwechslung (Zeisig war Stalin-Parodist, sein Freund Meyer, gespielt von Jürgen Vogel, Hitler-Parodist) auch eine Komödie. Das bedeutet Timing, Tempo, Esprit, vor allem aber ein klares Regelystem, in dem sich die Figuren nur bewegen dürfen. Man muss dafür nicht den Kommunismus erklären, aber man muss dem Zuschauer die irrwitzige Logik andeuten, nach der im Hotel Lux über Abgeholtwerden oder Bleibendürfen entschieden wurde.

Aus der Absurdität der ständig wechselnden Revisionismusbezichtigungen im Stalinismus macht Haußmann aber kaum etwas: Hans Zeisig bricht die Slogans der Arbeiterbewegung pennälerhaft auf seine amourösen Ambitionen herunter („...vereinigt euch“) und hat ansonsten Glück, das Wetter richtig vorherzusagen, um als Stalin-Astrologe durchzugehen – das ist ein durchschnittlicher Einfall, weil er nur auf Zufall basiert und deshalb für den Zuschauer als beliebig erscheinen muss. Genauso wie die halbgare Verortung der Geschichte vor dem Hitler-Stalin-Pakt, der als historische Silhouette nicht taugt.

Die Mittelmäßigkeit des Buchs von "Hotel Lux" illustriert am besten die Szene, in der der NKWD-Chef Nikolai Jeschow (Alexander Senderovich) selbst in Ungnade fällt: Er greift zu jenem berühmten Gruppenfoto, an dem solange retuschiert worden ist, bis nur noch Stalin übrig war – und sieht sich selbst verschwinden. Ein Trick, der in "Hotel Lux" die Erzählung ersetzt, die es gebraucht hätte, um zu wissen, durch welches Umfeld sich Hans Zeisig hier lavieren muss.

So bleibt die erste Pointe von "Hotel Lux" seine beste. Und als pädagogisch wertvoll darf der Film gelten, insofern der arglose Bully nun die problematische Geschichte der KPD kennt. Und überdies gelernt hat, Russisch zu sprechen.

Mathias Dell

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Freitag

Hotel Lux
Deutschland 2011 - Regie: Leander Haußmann - Darsteller: Michael "Bully" Herbig, Jürgen Vogel, Thekla Reuten, Alexander Senderovich, Valerie Grishko, Juray Kukura - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 105 min. - Start: 27.10.2011

 

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