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Hotel Deutschland 2
 

Wolfgang Kohlhaase sagt an einer Stelle des Films: „Es gibt Erzählstrategien, aber die kann man sich nicht wie Rezepte auf den Block schreiben lassen.“ Man müsse eben wissen, was man erzählen wolle. Man könne komplizierte Geschichten einfach erzählen oder einfache Geschichten kompliziert. Am besten sei es allerdings, man erzähle einfache Geschichten einfach. Was natürlich das Schwierigste ist. Es ist selten, dass ein Film seine Selbstkritik gleich mitliefert, aber „Hotel Deutschland 2“ gelingt auch dieses Kunststück. 1989 brach der Tübinger Filmemacher, Kinomacher und Filmverleiher Stefan Paul gen Osten auf, um in seiner Geburtsstadt Leipzig anhand von Begegnungen mit Künstlern und Szene-Impressionen zu dokumentieren, wie sich „die Wende“ anfühlte, wie schnell die sich bietenden Möglichkeiten wieder eingeschränkt und abgewürgt wurden. Schon bei „Hotel Deutschland“ konnte man sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, dass künstlerisches Talent und Larmoyanz einander nicht immer die Waage halten. 20 Jahre später ist Stefan Paul erneut in die ehemalige DDR gereist, um sich nach den blühenden Landschaften umzusehen, die Helmut Kohl einst versprochen hatte. Es soll ein „postheroischer Streifzug durch die Neuen Länder“ (Pressetext) werden: Was ist geblieben vom einstigen Aufbruch, der ja auch ein Abbruch war? Der für Paul gerade deshalb interessant war, weil er diesen Aufbruch von Künstlern geprägt erlebte. Das Problem von „Hotel Deutschland 2“ ist – um auf Wolfgang Kohlhaase zurück zu kommen –, dass Paul nicht so recht weiß, was er eigentlich erzählen will. Zudem leidet er offenbar (zumindest am Schneidetisch) an einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, was einem Dokumentarfilm nie gut tut: Immer, wenn es interessant wird, springt der Film zum nächsten Ort, zum nächsten Künstler. Natürlich liegt über dem Material ein Hauch von Melancholie, was vielleicht weniger mit der Realität als mit der Alterskohorte zu tun hat, die den Film bevölkert.

Paul ist Jahrgang 1946, und seine Erinnerungen an die DDR sind nicht betont negativ. Von Leipzig über Dresden und Halle geht die Reise bis Berlin. Künstler werden befragt: Neo Rauch, Johannes Heisig, Arno Rink, Kurt Masur, Wim Wenders, Wolfgang Kohlhaase und andere. Dazu hat sich Stefan Paul einen Reiseführer gesucht. Wie schon beim ersten Film ist dies der Sprachkünstler und Theatermann Wolfgang Krause „Zwieback“, mit dem sich Paul auch die Tonspur-Kommentare teilt. Die Gespräche und Interviews sind thematisch wenig zentriert; man hat den Eindruck, jeder durfte sagen, was ihm bzw. dem Gegenüber gerade so einfiel: Neo Rauch parliert über den Begriff der Heimat, Wenders registriert den Boom an Kunstgalerien in seinem Viertel, Kohlhaase erzählt noch einmal die Geschichte des DDR-Films am Beispiel seiner Biografie. Genauso unwillig ist der Film, eine bestimmte Tonart zu wählen: Immer munter geht es hin und her zwischen den Zeiten, den Filmausschnitten, den kurzen Einschüben von Ausschnitten aus Off-Theater-Inszenierungen, den Interviews und den inszenierten Begegnungen alter Freunde, die sich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen haben.

Inmitten dieser ungeordneten Anhäufung ganz unterschiedlichen Materials zelebriert dann auch noch Wolfgang Krause „Zwieback“ seine One-Man-Show, die wohl als Mischung aus Poesie und Satire gedacht ist, aber in ihrer Gespreiztheit binnen kürzester Zeit auf die Nerven geht. Viel lieber als „Zwieback“ im Kunstmuseum tanzen zu sehen, hörte man Kohlhaase länger zu, aber da ist Pauls dokumentarischer Impressionismus vor, der sich „Gedankensprüngen voll visuellem Reiz“ (Pressetext) verschrieben hat. Versprochen werden: „Gespräche, Fetzen, Begegnungen, Vignetten von Lebensentwürfen: Einst und jetzt“. Die aber schlagen keine Funken. So ist der wohlmeinende Zuschauer gezwungen, die klaffenden Löcher im Gewebe des Films produktiv zu machen und sie selbst zu stopfen. Man muss im Internet recherchieren, um zu erfahren, was es mit dem Liedermacher und Baggerfahrer Gerhard Gundermann aus dem Osten und dem Musiker Heiner Kondschak, der dessen Lieder heute singt, auf sich hat. Einen Anspruch auf Vollkommenheit, so ist hier früh zu hören, erhebt diese Film gewordene Unordnung ohnehin nicht, aber etwas mehr Konzentration wäre schön gewesen. So nimmt er sich mit seiner Tendenz zum „information overload“ fast schon wie ein Gegenentwurf zu Thomas Heises „Material“ (fd 39 286) aus: Dort muss man sich seinen Reim auf die Bilder selbst machen, kann auf Entdeckungsreise gehen; hier wird man von zwei Autoritäten – dem Filmemacher und seinem Protagonisten – zum passiven Konsum von Bildern und Worten und viel, viel Musik verdonnert. Ist das der Geist von „1968“, der hier fröhliche Urständ feiert? Oder ist „Hotel Deutschland 2“ eher ein „home movie“ alter Freunde?

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen im: film-Dienst 


Hotel Deutschland 2
Deutschland 2011 - Regie: Stefan Paul - Mitwirkende: Wolfgang Krause Zwieback, Erwin Stache, Wolfgang Kohlhaase, Neo Rauch, Arno Rink, Tilo Baumgärtel, Hartwig Ebersbach - FSK: ohne Altersbeschränkung (Video) - Länge: 90 min. - Start: 15.12.2011

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