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Horns

 


Alexandre Ajas "Horns" holt erst am Ende den Hammer heraus.

Erst war Ig Perrish (Daniel Radcliffe) horny, jetzt ist er gehörnt: Zunächst hat ihn seine Jugendliebe Merrin, mit der er gerade noch heißen Baumhaussex hatte, plötzlich verlassen - für einen anderen, wie sie andeutete. Die Hörner, die sie ihm (vielleicht) aufgesetzt hatte, wachsen ihm schließlich tatsächlich, allerdings erst, nachdem sie brutal ermordet im Wald aufgefunden wurde. Ig selber war der Hauptverdächtige, ist lediglich mangels Beweisen freigesprochen worden. An diesem Punkt setzt der Film ein. Eigentlich keine uninteressante Ausgangssituation: Eigentlich ist alles schon vorbei, die Jugend kaputt, das Mädchen tot, die Nachbarn möchten ihn am liebsten lynchen.

Und Ig muss eben nicht nur, um sein Leben und das Andenken an Merrin zu bewahren, den wahren Täter überführen, sondern auch die beiden massiven Zinken loswerden, die ihm eines Morgens urplötzlich aus der Stirn schießen und die fortan als eher ungeformte Metapher auf nicht allzu elegante Weise im Film ihr Unwesen treiben. Igs Umwelt reagiert erst einmal sonderbar: Die Leute, denen er begegnet, sehen zwar, dass etwas nicht stimmt, kümmern sich aber kaum um den Auswuchs (maskenbildnerisch ist der überaus gelungen, der exakte Übergang von Biologie zu Spezialeffekt ist auch in Großaufnahmen kaum erkennbar), beginnen statt dessen schnell, ihm Dinge von sich selbst zu erzählen, von denen er eigentlich lieber nichts wüsste.

Die Horrorfilme, mit denen Alexandre Aja sich einen Namen gemacht hat, fielen stets durch einen selbst in ihrem Genre bemerkenswerten Hang zur Bösartigkeit auf. Blutige Reißer wie der meisterliche "Haute Tension", das rabiate Remake von "The Hills Have Eyes" oder der unterschätzte Mystery-Schocker "Mirrors" gehen ziemlich rücksichtslos mit ihren Figuren um; was freilich Filmen, die in geradliniger Manier Urängste verhandeln, sich dem totalen, irrationalen, subjektzermalmenden Schrecken hingeben, nicht unbedingt unangemessen ist.

Sein neuer Film ist allerdings ein anderer Fall: Die fantastischen Elemente sind - zumindest zunächst - nur Beiwerk, im Kern ist "Horns" eine romantische Teenieromanze voller Kummer, Verzicht und Todessehnsucht. Und nebenbei eine Satire, von der man nicht so recht sagen kann, was ihr Objekt ist - das ewige Kleinstadtamerika vielleicht (der ansonsten etwas überkandidelten Kamera gelingen einige schöne Aufnahmen von neonbeleuchteten Diners und tristen main streets), aber da alles reichlich unspezifisch bleibt, scheint es eher um die menschliche Natur selbst zu gehen. Denn egal wem Ig behörnt entgegen tritt: Irgendeine obszöne bis unappetitliche oder zumindest sozial unangemessene Seelenregung fördert er noch jedesmal zu Tage. Blöd nur, dass der Film da nicht ein bisschen unterscheidet, dass er eine homosexuelle Fantasie (die auch noch erwidert wird! Eigentlich eine Utopie, nur leider kann sich der Film keinen Begriff von ihr machen…) im exakt gleichen, spekulativ-zynischen Tonfall behandelt wie emotionale Verkalkung oder ordinäre Mordlust: In einen Menschen hineinschauen können, hat in "Horns" nicht das geringste mit Empathie zu tun, dafür umso mehr mit voyeuristischer Schadenfreude.

Ein begnadeter Satiriker ist Aja jedenfalls nicht, ein allzu sensibler Romantiker leider auch nicht. Die Liebesgeschichte von Ig und Merrin entfaltet sich in überzuckerten Erinnerungsbildern, die kaum eine Ahnung von Intimität vermitteln (Radcliffe immerhin ist als leidender Liebender ziemlich super - allerdings vor allem dann, wenn er die asozialen, selbstzerstörerischen Aspekte seiner Passion darstellen darf). Mehr in seinem Element ist Aja, wenn er einen Drogenrausch mit barocker Bildgewalt visualisiert; und erst recht, wenn er seinen Film gegen Ende doch noch, ohne allzu stringente innere Motivation, in Richtung Horrorspektakel umleitet, wenn er auf seine Figuren todbringende Schlangen hetzt oder ihnen mit Schrotflinten den halben Kopf wegbläst (und dabei auch den Wald mithilfe von Schlingpflanzen in eine erstklassige Geisterbahnkulisse verwandelt).

So gründlich wandelt sich der Tonfall des Films, dass man am Ende etwas ratlos zurückbleibt. "Horns" basiert auf einem erfolgreichen Roman des Young-Adult-Subgenres "Dark Fantasy" - und auch die Verfilmung bewegt sich lange im "Twilight"-Register: Junge, blasse Menschen mit komischen Namen schmachten sich gegenseitig an, die schon ziemlich hässlichen Digitalbilder wirken wie mit einem tendenziell krebserregenden Putzmittel blank poliert, alles Fantastische ist offensichtlicher Ausdruck jugendlicher Sexualneurosen. Dann holt Aja den Hammer heraus und macht einfach alles kaputt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 
Horns
USA, Kanada 2013 - 123 Min. - Start: 06.08.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Alexandre Aja - Drehbuch: Keith Bunin, Joe Hill - Produktion: Alexandre Aja, Riza Aziz, Joey McFarland, Cathy Schulman - Kamera: Frederick Elmes - Schnitt: Baxter - Musik: Robin Coudert - Darsteller: Daniel Radcliffe, Max Minghella, Juno Temple, Heather Graham, Sabrina Carpenter, Kelli Garner, James Remar, David Morse, Kathleen Quinlan, Joe Anderson, Dylan Schmid, Kendra Anderson, Laine MacNeil, Meredith McGeachie, Mitchell Kummen, Michael Adamthwaite, Nels Lennarson, Don Thompson, Jay Brazeau, Alex Zahara - Verleih: Universal Pictures Germany

 

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