zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Holy Motors

 

Wovon Stretchlimousinen träumen

Ein grandioser Film: Leos Carax wechselt zwischen Fiktion und Dokumentation und mischt virtuos die Genres

Ein Mann geht aus dem Haus, um im Laufe eines langen Tages diverse Aufträge zu erledigen. Er hört auf den Namen Oscar und wird von Madame Céline in einer Stretchlimousine durch ein scheinbar verzaubertes Paris gefahren, in dem alles, wirklich alles möglich scheint. Der radikale Autorenfilmer Leos Carax hatte sich nach Meisterwerken wie "Die Nacht ist jung" (1986) und "Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991) und dem allseits überraschenden Flop von "
Pola X" (1999) weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jetzt meldet er sich in Bestform und gewohnt exzentrisch zurück; mit einem Film, der nach Angaben von Carax direkt aus der Krise erwachsen ist: "Der Film ist aus meiner Unfähigkeit geboren, verschiedene Projekte, die alle in unterschiedlichen Ländern und verschiedenen Sprachen spielen sollten, zu realisieren. Alle hatten dieselben zwei Hindernisse: Geld und Besetzung."

"Holy Motors" ist der schönste denkbare Weg aus dieser Frustration. All die Geschichten, die Carax erzählen wollte, fließen jetzt in einen Film, der - von Borges und Bataille, von E.T.A. Hoffmann und Kafka inspiriert - gleichzeitig eine Hommage an das Erzählen, das Kino und die Schauspieler ist. "Holy Motors" ist buchstäblich ein Erzählfluss, bei dem der Zuschauer Zeuge wird, wie Denis Lavant in immer neue Rollen schlüpft: aus dem Banker wird eine Bettlerin, aus der Bettlerin wird ein Tänzer, ein Monster, ein Vater, ein Akkordeonspieler, ein Killer, ein Opfer, ein Sterbender.

Jede der ganz unterschiedlichen Episoden ist zugleich ein Verweis auf die Filmgeschichte: der Film beginnt mit einem surrealen Prolog, wechselt in der Folge zwischen fiktionalen und semidokumentarischen Elemente, wird ein Fantasyfilm, ein Musical, ein Film noir, eine retrofuturistische Science-Fiction.

"Holy Motors" ist ein Fest der Ideen, eine Feier der Professionalität, mit der Fantasien und Fantasiewelten in Szene gesetzt werden können. In diesem Wechselbad der Identitäten, die manchmal sogar innerhalb einer Episode noch potenziert wird, wenn sich der Mörder in sein Opfer verwandelt und dann von diesem ermordet wird, ist die Lust auf Paris die einzige Konstante. Und ganz am Schluss laufen die Fäden zwar nicht zusammen, aber immerhin erfahren wir noch, was es mit dem mysteriösen Filmtitel auf sich hat.

Plötzlich scheint Wenders' "Der Himmel über Berlin" zum Greifen nah, dann wieder setzt Madame Céline, gespielt von der Georges-Franju-Muse Édith Scob, zum Feierabend die Maske aus "Augen ohne Gesicht" auf - und die Stretchlimousinen beginnen, noch ein wenig miteinander zu plaudern. Herrlich! Muss, will man sich einen Reim auf dieses Abenteuer machen? Ist Monsieur Oscar eher Engel, Profikiller oder ein existenzieller Dienstleister? Sind "echte" Erfahrungen noch möglich in Zeiten fortschreitender Virtualisierung? Oder ist das alles nur ein Spiel, geboren aus purer Lust am Fabulieren? Kino wie noch nie.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der:Stuttgarter Zeitung

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Holy Motors
Frankreich / Deutschland 2012 - Regie: Leos Carax - Darsteller: Denis Lavant, Edith Scob, Kylie Minogue, Eva Mendes, Elise Lhomeau, Michel Piccoli, Jeanne Disson, Geoffrey Carey, Nastya Golubeva Carax - FSK: ab 16 - Länge: 115 min. - Start: 30.8.2012

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays