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Der Hobbit: Smaugs Einöde

 

Tolkiens "Hobbit" wird unter den Anabolika-Muskeln von Peter Jacksons Blockbuster-Maschinerie, die immer nur noch teurere Bilder produzieren will, zu Brei

Unterm Goldschatz schlummert der Drache. Noch bevor man das CineStar im Berliner SonyCenter betritt, wo die Pressevorführung von Peter Jacksons zweitem Hobbitfilm stattfinden soll, ist man in Mittelerde, genauer: im Einsamen Berg, in dem ein Drache vor Jahr und Tag eine Zwergenstadt erst ausgeräuchert und dann deren prächtigen Goldschatz in Besitz genommen hat, weshalb nun eine Horde von 13 Zwergen samt Hobbit Bilbo Baggins (Martin Freeman) unter gelegentlicher Begleitung von Gandalf (Ian McKellen) quer durch Mittelerde stapft, um, nunmehr schon im zweiten von insgesamt drei Teilen, zurückzuholen was einst fest in Zwergenhand war. Zur Premiere am Vortag hat die Marketingabteilung was springen lassen: Ein prächtiger Plastikdrache lugt aus einem noch prächtigeren Plastik-Goldschatz, der Schriftzug des Franchise prangt funkelnd über allem. Während einen Steinwurf weiter die Buden vom Weihnachtsmarkt im herbstlich-nassen statt winterlich-romantischen Berliner Dezember ein eher kärgliches Bild bieten, klotzt man im SonyCenter richtig ran mit dem Weihnachtsprunk. Ein Event, ein Film, der sich über die Grenzen des Kinosaals hinaus auf die Stadt legt, der darin aber auch unmissverständlich klar macht: Man kann gegen ihn eh nicht anschreiben. Und man kann es wirklich nicht.

Unterm Goldschatz schlummert der Drache tatsächlich, wenn der Film an seinen Höhepunkt gelangt. Kein Zweifel, Smaug, so heißt der Drache, der von "Sherlock" und gegenwärtigem everybody's darling Benedict Cumberbatch nicht nur gesprochen, sondern per Motion Capture auch gespielt wurde, Smaug also ist, was Animationskunst betrifft, state of the art. Wie eh der ganze Film: Ausstattung, Maske, Effekte - höchste Punktzahl, redlich verdient. Was der Film ausgiebig herzeigt: Auch der zweite Hobbitfilm ist in erster Linie ein Portfolio-Film, ein Demonstrationsobjekt, das redselig vom Stand des derzeit Machbaren kündet. Zuweilen kann das ganz schön sein: Es gibt zum Beispiel tolle, unheimliche Riesenspinnen, die jeden ernsthaften Arachnophobiker glückselige Momente gesteigerten Kinogrusels durchtaumeln lassen. Hier, in diesen Schlaglichtern, in denen es um nichts anderes als um die Freude an hochfrisiertem Schauder und Ekel geht, ist Peter Jackson, der aus dem Splatterfilm kommt, ganz bei sich. Die Freude an grotesken Monsterleibern und wild wuselnden Spinnenbeinen, an denen Zwerge in einem schön beknackten Moment ordentlich rupfen dürfen, überstrahlt um einiges die schal gewordene Lust am Panorama-Shot, den Jackson seit der klassischen "Herr der Ringe"-Trilogie kultiviert und im nachgeschobenen "Hobbit"-Prequel-Triptychon nun ad nauseam betreibt: Der Film hat was gekostet, das soll man gefälligst auch sehen, ruft es von der Leinwand herunter.

Unterm Effektschatz schlummert die Vorlage. Tolkiens "Hobbit"-Büchlein, ein sprachlich gewitztes, märchenhaft keckes Kinderbuch, in dem das schwere Epen-Pathos der späteren "Herr der Ringe"-Wälzer höchstens in Spuren und eher nur als Vorzeichnung zu finden ist, weil es doch nie recht um die ganze Welt, sondern vor allem um die sympathische Sehnsucht nach dem nächsten Frühstück geht, Tolkiens "Hobbit" wird, unter den Anabolika-Muskeln einer freidrehenden Blockbuster-Maschinerie, die immer nur noch teurere Bilder produzieren und projizieren will, gehörig zu Brei. Die Problematik ist altbekannt: Für die "Herr der Ringe"-Bücher mit ihren, was, 1500 Seiten?, hatte Jackson mit neun bis zwölf Stunden (je nachdem, welche Edition der Filme man als gültig erachtet) viel zu wenig, für die schmalen 280 Seiten (inklusive Illustrationen) des "Hobbit" mit neun bis zwölf Stunden eindeutig zu viel Zeit. Da helfen auch eigens erfundene Dreingaben nicht viel: Der Tragödie zweiter Teil will, wie schon Teil eins, gehörig nicht vom Fleck - und zwar buchstäblich. Jedes Set, egal wie wenig von Belang, wird von der wuselnd suchenden 3D-Kamera bis aufs letzte abgegrast, immer findet Jackson noch ein Bild, noch einen Dialog, noch irgendetwas, das längst auserzählten Szenen noch ein bisschen mehr Spielzeit abgewinnen kann. Selbst Smaug gerät zur verquasselten Labertasche, dass man irgendwann auch von der Kunst des allseits gefeierten Stimmenmeisters Cumberbatch die Schnauze voll hat. So breitgetreten wie der ganze Film ist, fühlt man sich am Ende irgendwann auch selbst.

Denn das Schlimmste überhaupt: Unter all diesem Mumpitz schlummert das Herz dieses Films und das Herz eines Filmemachers, dessen Filmografie sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als große Liebeserklärung ans phantastische Kino lesen lässt. Smaug immerhin darf sich aus seinem Schlummer erheben. Nur das Herz dieses Films bleibt still und leise unter endlos aufgehäuften Reichtümern vergraben und tut nicht einen einzigen Schlag.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 
Der Hobbit: Smaugs Einöde

Originaltitel: The Hobbit: The Desolation of Smaug - USA, Neuseeland 2013 - 161 Minuten - Kinostart (D): 12.12.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Peter Jackson - Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro, J.R.R. Tolkien - Produktion: Carolynne Cunningham, Peter Jackson, Fran Walsh, Zane Weiner - Kamera: Andrew Lesnie - Schnitt: Jabez Olssen - Musik: Howard Shore - Darsteller: Benedict Cumberbatch, Manu Bennett, Richard Armitage, Martin Freeman, Ian McKellen, Aidan Turner, Hugo Weaving, Cate Blanchett, Elijah Wood, Luke Evans, Andy Serkis, Lee Pace, Graham McTavish, Dean O'Gorman, Christopher Lee 

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