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His & Hers

 

 
Kleines wird zu Großem

Kino Ken Wardrops Dokumentarfilm "His & Hers" ist keine Gegenüberstellung: Er gehört ganz den Frauen. Die sprechen allerdings ausschließlich über Männer

Der Titel weckt erst mal die falschen Erwartungen, stellt man sich unter „His & Hers“ („Seins und ihrs“) doch unwillkürlich eine Gegenüberstellung vor. Ken Wardrops Dokumentarfilm aber steht der Sinn nicht nach Konfrontation, im Gegenteil. „His & Hers“, so wird bald klar, will eine Ergänzung sein, wie sie sich nur auf Englisch richtig wiedergeben lässt: Zur „History“, „seiner Geschichte“, fügt Wardrop „Herstory“, die ihre, dazu. Im Übrigen handelt es sich um eine konsequent irische – der Film legt Wert darauf, ein Werk der „Irish Midlands“ zu sein.

Es mag überraschen, dass der dezidierte Frauenfilm mit einer Aussage über einen Mann beginnt: „A man loves his girlfriend the most, his wife the best and his mother the longest“, heißt es da nach einem irischen Sprichwort, etwas sinnverfälschend mit „Ein Mann liebt seine Freundin, erträgt seine Frau und verehrt seine Mutter“ untertitelt. Von da an aber gehört der Film den Frauen – von der ersten Einstellung an, die ein rothaariges Baby auf einem Wickeltisch zeigt, bis zur letzten, in der eine weißhaarige alte Frau im Sessel zu sehen ist. Dazwischen gibt es 70 Frauen verschiedenen Alters, die in Sequenzen von 30 bis 180 Sekunden Details aus ihrem Leben erzählen. Im eleganten Zusammenschnitt wird aus diesem Mosaik der Kleinigkeiten die Geschichte eines Frauenlebens.

Die zeitkonsumierende Form der Langzeitdoku ersetzt Wardrop hier kongenial durch die raumgreifende der Masse. Mit jeder neuen Zeitzeugin wird die „chorische“ Protagonistin älter. Der Säugling wird abgelöst von einem Mädchen und seinem Teddy, kurz darauf spricht ein mit Flügelchen und Spängchen geschmücktes Wesen am rosa Telefon. Wen ruft sie an? Papa.

Denn auch das erweist sich als Konstruktionsprinzip dieser „Herstory“: Die Teilnehmerinnen sprechen ausschließlich über Männer. Sie tun es in einem charakteristischen Muster: Die kleinen Mädels erzählen von ihren Papas, die Teenager berichten kichernd von ihren Freunden, den jungen Müttern glänzen die Augen vor Stolz über ihre Söhne, und die alten Frauen schließlich trauern um ihre Partner.

So eigenartig retro, wenn nicht reaktionär die Männerbezogenheit dieser Frauenleben scheint (Töchter bleiben unerwähnt!), muss man doch zugestehen, dass einzelne Aussagen bezeichnende und amüsante Beobachtungen beinhalten. Da schildert ein Mädchen ihren Vater als Supermann, die nächste ihren als Sklaventreiber, da plant eine Verlobte in weiser Voraussicht ein zweites Fernsehzimmer in der Traumwohnung, später hört man eine alte Dame vom Streit um die Fernbedienung erzählen. Eine Mutter gibt lachend zu, dass ihr Sohn wohl Make-up mag, eine andere, dass ihr Sprössling sie nur noch als Beraterin benutzt.

Die für sich genommen banalen Details fügen sich zu einem Porträt von Häuslichkeit im emphatischen Sinne. Die Frauen sind mit einer unauffälligen, aber präzisen Kamera alle in ihren Heimen aufgenommen. Der nahtlose Schnitt unterlegt die Interviewsequenzen immer wieder mit „typischen“ Handbewegungen der Hausfrauen, hier wird eine Konsole gewischt, dort ein Kissen aufgeschüttelt. „Die kleinen Dinge werden zu großen Dingen“, sagt eine der Frauen irgendwann, und das ist es, was in diesem Film passiert und ihm großen Charme verleiht.

Barbara Schweizerhof

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der Freitag

 

 

His & Hers

Irland 2009 - 80 Minuten - Start (D): 04.07.2013 - Regie: Ken Wardrop - Produktion: Andrew Freedman - Kamera: Michael Lavelle, Kate McCullough - Schnitt: Ken Wardrop - Musik: Denis Clohessy

 

 

 

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