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Heute gehe ich allein nach Hause

 

Indiepoppig und pastellfarben geht es in Daniel Ribeiros Coming-out- / -of-Age-Film "Heute gehe ich allein nach Hause" zu.

Die erste Einstellung fügt sich zu einem geometrischen Muster: Eine Aufsicht auf einen Poolrand, unten rechts das Wasser, darüber liegt, weit ausgestreckt, der Junge Leo (Ghilherme Lobo), links ragt senkrecht der Mädchenkörper von Giovana (Tess Amorim) ins Bild. Das Bild hat etwas Entspanntes, aber auch etwas dezidiert Geordnetes: zwei distinkte Körper, jeder an seinem Platz. Die beiden Teenies reden zwar übers Küssen, aber dass zwischen ihnen erotisch etwas laufen könnte, ist von Anfang an ausgeschlossen. Wobei die platonische Freundschaft der beiden ausgesprochen zärtliche Züge trägt und eine körperliche Komponente schon deshalb hat, weil Leo blind ist und immer wieder von Giovana gestützt, angeleitet werden muss.

Ganz anders eine Szene wenig später in der Schule. Als Gabriel (Fabio Audi), ein neuer Mitschüler, das Klassenzimmer betritt und sich vorstellt, fokussiert der Film sofort Leos Ohr in Großaufnahme, evoziert damit nicht nur eine Wahrnehmungssituation, sondern gleichzeitig, zum ersten Mal im Film, intime körperliche Nähe. Mit diesem Schnitt enttarnt sich der Film als Comingoutmaschine und auch als Liebespaargenerierungsmaschine; im weiteren macht "Heute gehe ich allein nach Hause" so wenig Anstalten, diese seine beiden Bestimmungen zu verbergen, dass man gelegentlich meint, die jeweils nächsten fünf Szenen ungesehen vorhersagen zu können. (Und wo es nicht geradlinig vorwärts geht, wird es geradlinig redundant: Dreimal fragt Gabriel Leo, ob der etwas gesehen habe, gerade sehe, sehen möchte. Dreimal macht sich der allseits begehrte Lockenkopf gleich danach über sich selbst lustig, jedesmal mit exakt demselben offenen Auflachen, demselben Schulterzucken.)

An sich muss das nicht gegen "Heute gehe ich allein nach Hause" sprechen - der Reiz gerade von Teeniefilmen liegt oftmals nicht in ihrer Originalität, sondern in den Freiheiten zum Beispiel für komische Details und Alltagsbeobachtungen, die eine gut eingeführte Form wie nebenbei ermöglicht. In diesem Fall hat mich allerdings geärgert, dass die glasklare narrative Zurichtung des Films seine anfängliche Besonderheit - Leos Blindheit - nicht nur zu einem Gimmick, sondern, schlimmer noch, zu einem emotionalen Katalysator reduziert: Aufgrund seiner Sehbehinderung wird der arme Junge eh schon in der Schule gehänselt, zu Hause dagegen ängstlich verhätschelt (tolle besorgte-Mutter-Einstellungen allerdings). Man kommt kaum umhin, hinzuzufügen: und dann ist er auch noch schwul. Eine unangenehme Dynamik, und sie wird eben nicht dadurch erträglicher, dass Leo mit all dem ausgesprochen souverän umgeht. Blindheit wie Homosexualität begreift der Film zwar nicht als Probleme - gut; aber doch als ein Parcours von Aufgaben, den es zu bewältigen gilt, damit am Ende das glückliche Leben stehen kann. (Wobei die Dramaturgie kräftig nachhilft; am kräftigsten in der dann wirklich ärgerlich harmoniesüchtigen letzten Szene, in der sich die Homophobie von Leos Mitschülern von selbst erledigt.)

(Ein kleiner, unfairer Seitenblick aus aktuellem Anlass sei gestattet: "Boyhood", ein anderer, jüngst bei einer Awardvergabe völlig zu Unrecht weitgehend zugunsten eines wehleidigen Vogelmenschen übergangener Coming-of-age-Film, wurde von einigen Seiten für die begrenzte soziale Reichweite seiner Erzählung gerügt; aber um wieviel erfahrungsoffener und weltgesättigter ist doch Linklaters Erziehung des heteronormativ-weißen Jungsherzens als ein Film wie "Heute gehe ich allein nach Hause", der sich zwar einen soziologischen, aber keinen ästhetischen Begriff von Differenz zu machen versteht.)

Ein Film, der sein überdeutlich ausformuliertes Programm sauber und rückstandsfrei abarbeitet? So schlimm ist "Heute gehe ich allein nach Hause" auch wieder nicht. Schön zum Beispiel, wie Daniel Ribeiros schon auch im Guten sorgfältige Regie Orte definiert, an denen sich die Innerlichkeit der Figuren kristallisiert, zum Beispiel das Tor mit dem weißen Gitter, hinter dem das Haus von Leos Familie steht und durch das der Protagonist immer wieder, mit jeweils unterschiedlicher Entschlossenheit tritt. Und wenn die beiden Hauptfiguren einen etwas mindervitalen Eindruck machen, dann ist die Giovana-Darstellerin umso lebendiger; auch die Nebenrollen sind teils ziemlich großartig besetzt, zum Beispiel mit einem erstklassigen blonden Schulhofbully und mit einem wunderschön linkischen Zahnspangensäufer.

Manch anderes ist eine Frage des Geschmacks. Zum Beispiel wird es sicher Leute geben, die "Heute gehe ich allein nach Hause" für einen schön fotografierten Film halten. Mich haben die Beige- und Ockertöne, die die Inneneinrichtung von Leos Elternhaus dominieren, eher deprimiert, genauso wie die etwas natürlicheren, lichteren Pastellfarben der Schulszenen. Passend dazu die grauen Schuluniform-T-Shirts mit türkisem Kragen und aufgestickter Eule Oder die Musik: Leo mag am Anfang des Films nur Klassik. Gabriel dagegen wählt, wenn er seinen neuen erst einmal nur Kumpel zum Tanzen bringen möchte, im Ipod flockigen Indiepop an. Logisch: Die Welt von "Heute gehe ich allein nach Hause" ist eine, in die Belle and Sebastians sanfte Streicheleinheiten definitiv besser passen als Beethovens aufbrausende Exzesse (die ihrerseits nur einmal per Handyklingelton in den Film eindringen). Auch das eine Frage des Geschmacks, klar. Meinen trifft der Film, leider, kein bisschen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Heute gehe ich allein nach Hause
(Hoje Eu Quero Voltar Sozinho/The Way He Looks) - Brasilien 2014 - 96 Min. - Start(D): 26.02.2015 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Daniel Ribeiro - Drehbuch: Daniel Ribeiro - Produktion: Diana Almeida, Daniel Ribeiro, Renato Rondon - Kamera: Pierre de Kerchove - Schnitt: Cristian Chinen - Darsteller: Ghilherme Lobo, Fabio Audi, Tess Amorim, Eucir de Souza, Selma Egrei, Isabela Guasco, Júlio Machado, Naruna Costa, Victor Filgueiras, Lúcia Romano, Pedro Carvalho, Guga Auricchio, Bárbara Pereira, Matheus Abreu, Renata Novaes

 

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