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Herr Wichmann aus der dritten Reihe

 


Die vergiftete Praline

Andreas Dresen zeigt, was aus dem Politiker geworden ist, den er einst porträtierte

Henryk Wichmann, wir erinnern uns, das war doch dieser blutjunge CDU-Politiker, der vor zehn Jahren in der strukturschwachen Region Uckermark/Oberbarmin gegen den übermächtigen SPD-Kandidaten Markus Meckel um ein Bundestagsmandat rang. Als Ritter von der traurigen Gestalt beschränkte sich sein Politik-Repertoire damals auf dürftige Witzchen über die grüne Umweltpolitik und Ressentiments gegen die Zuwanderungspolitik der rot-grünen Bundesregierung. Fremdenfeindlichkeit als kalkuliertes populististisches Zugeständnis an die Wähler, mit denen sich Wichmann vorzugsweise jovial verbrüderte.

Mittlerweile hat der Politiker Karriere gemacht und fristet sein Dasein als Hinterbänkler im brandenburgischen Landtag. Was dem Filmemacher Andreas Dresen immerhin so bedeutsam schien, dass er jetzt eine zweite Dokumentation mit und über den Politiker gedreht hat. Wir werden Zeugen von echter Basisarbeit: Wichmann hat ein offenes Ohr für die Nöte des kleinen Mannes, kämpft für Fahrradwege, die mit den Interessen des Schreiadlers vereinbar sind, kümmert sich um Brennpunkte des Regionalverkehrs und sorgt sich um den Erhalt von Polizeistationen auf dem flachen Land. Ein Leben zwischen Seniorenmessen und Bundeswehrparaden.

Dresen behauptet, dass er dem Wirken von Henryk Wichmann voller Respekt folge, wenn er zeige, wie unendlich mühsam es ist, kleine Löcher in dicke Bretter zu bohren. Man weiß nicht so recht, ob es sich nicht de facto um eine Demokratie-Satire handelt, zumal Wichmann weder sympathisch noch intelligent erscheint. Dieser Film dokumentiert die fundamentale Krise der deutschen Demokratie, erzählt von der Entkoppelung der politischen Klasse von der Lebenswelt der Bürger.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der:Stuttgarter Zeitung

 

Herr Wichmann aus der dritten Reihe
Deutschland 2012 - Regie: Andreas Dresen - Mitwirkender: Henryk Wichmann - Prädikat: wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 90 min. - Start: 6.9.2012

 

 

 

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