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Herr Wichmann aus der dritten Reihe

 

 

Die Karriere des brandenburgischen CDU-Abgeordneten Henryk Wichmann empfiehlt sich zusehends als politische Langzeitstudie. Acht Jahre nach seinem Porträt „Herr Wichmann von der CDU“ hat Andreas Dresen den ehemaligen Fraktionsheißsporn erneut bei seiner Arbeit begleitet. Herr Wichmann sitzt inzwischen in der dritten Reihe des Landtags, als Nachrücker hat er den letzten Platz seiner Fraktion erwischt. Man befindet sich also nicht gerade im Zentrum der Macht – dort, wo Politik mit heißem Eisen geschmiedet wird. Wichmann ist nicht einmal ein Ausnahmepolitiker. Von der dritten Reihe aus kommentiert er die Politik der Landesregierung, pöbelt eine Kontrahentin aus der SPD an und unterhält sich während einer Abstimmung mit einem Parteikollegen über eine Autoreparatur. Er muss nur wissen, wann er die Hand zu heben hat. Dresen beobachtet die Mühlen der Politikarbeit ohne Häme, das verunmöglicht schon sein Protagonist. Henryk Wichmann entspricht so gar nicht dem Klischee des Politikers, der Diäten einstreicht und seine Zeit im Kabinett absitzt. In „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ begleitet Dresen ihn dahin, wo es weh tut und die Kräfte der Demokratie knirschen.


Seine erste Amtshandlung besteht darin, ein drittes Bürgerbüro zu eröffnen, damit er für die Menschen in seinem Wahlkreis erreichbar ist. „Sonst hört sich ja keiner an, was Du Leute für Probleme haben,“ erklärt er vor der Kamera. Und was für Probleme die Leute so haben: Wichmann besucht ein Kaffeekränzchen und wiegelt die ausländerfeindlichen Bemerkungen der alten Damen geschickt mit der Haltung seiner Partei in Einwanderungsfragen ab, schlichtet zwischen Naturschützern und Grundbesitzern in der Uckermark und kämpft gegen eine illegale Mülldeponie, deren Existenz seit Jahren bekannt ist. Das Erstaunliche daran ist, mit welcher Geduld er sich den Bürgerbegehren nach zehn Jahren Kommunalpolitik noch annimmt.
In „Herr Wichmann von der CDU“, damals war er gerade Mitte zwanzig, blitzte hin und wieder noch Überheblichkeit durch. Inzwischen versteht er, selbst den kleinsten Triumph auszukosten, wenn es zum Beispiel endlich klappt, dass sich auf einem Bahnsteig im Brandenburger Hinterland die Zugtüren öffnen, damit die Kinder auf dem Weg zur Schule umsteigen können. So zeigt „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ Politik auf unterstem Grassroots-Level, was mitunter noch zermürbender ist als die Parlamentsdebatten auf Phoenix. Und er beschreibt auf verblüffende, wenn auch keineswegs überraschende Weise, wie Politik im Alltag funktioniert: nicht als abstraktes Konzept, sondern als zähes Ringen um jeden Zentimeter, notfalls auch fraktionsübergreifend. Dem Ministerpräsidenten leiert er die Zusage für eine jahrelang umstrittene Genehmigung während eines einminütigen Smalltalks im Foyer aus dem Ärmel.

Dresen beschreitet dabei einen schmalen Grat zwischen Absurdität und komischer Tragik. Henryk Wichmann ist ein Lokalpolitiker durch und durch, seine Feindbilder werden auch in zwanzig Jahen noch der Schreiadler und die Bartmeise sein, die das Wachstum der strukturschwachen Region verhindern. Aus solchen politischen Mythen schöpft er seine Motivation. Dass genau solche Mythen aber auch ein politisches Selbstverständnis konstituieren, daran lässt „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ keinen Zweifel.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Herr Wichmann aus der dritten Reihe
Deutschland 2012 - Regie: Andreas Dresen - Mitwirkender: Henryk Wichmann - Prädikat: wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 90 min. - Start: 6.9.2012

 

 

 

 

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