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Hereafter - Das Leben danach

 

 

Ins Diesseits erlöst

 

Clint Eastwoods Film "Hereafter" rückt die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt der jenseitigen Dinge sehr an den Rand. Er konzentriert sich nicht auf die großen Bögen, sondern aufs äußerst Konkrete.

George Lonegan (Matt Damon) hat eine Fähigkeit, die er als Fluch erlebt. Er ist ein Medium, das für andere Menschen, berührt er sie an den Händen, Kontakt mit deren verstorbenen Nächsten im Jenseits aufnehmen kann. Drei Geschichten erzählt Drehbuchautor Peter Morgan ("The Queen", "Frost/Nixon") um diese Gabe herum. Eine französische Fernsehreporterin namens Marie LeLay (Cecile de France) überlebt den Tsunami - den Eastwood sehr eindrucksvoll mit Spezialeffekten in Szene setzt - nur mit knapper Not nach Wiederbelebung. Ein kleiner Unterschicht-Junge in England verliert seinen Zwillingsbruder, der nach der Belästigung durch eine Gang vor ein Auto gerät. Und George Lonegan selbst ist auf der Suche nach Erlösung für sich selbst durch Befreiung von seiner Gabe.

Das alles klingt schlimm. Und in der Tat ist Peter Morgans Drehbuch mit Klischees vollgestellt. Einer der Protagonisten wird aus dem Jenseits - möglicherweise - in letzter Sekunde vor dem Schlimmsten bewahrt. In den Schweizer Bergen treffen wir eine Ärztin, die weise jeden Zweifel an der Gültigkeit der jenseitsverheißenden Nahtoderfahrung hinter sich hat. Böse ist eine Welt, die sich nur fürs Irdische (Francois Mitterand) interessiert  und sich Erlebnissen der anderen Art gegenüber hartleibig zeigt. Vom Tsunami zu den Al-Quaida-Anschlägen in London wird eine Linie des Schreckens und der Traumatisierung gezogen. Alles wird über den Trost, den die Protagonisten aus dem Jenseits erhoffen, mit allem verbunden. Und der Film lässt das Übersinnliche als Möglichkeit gelten, wenngleich er die Option, dass es sich vor allem um eine Gabe übermenschlicher Empathie handeln könnte, bewusst offen lässt.

Und doch ist "Hereafter" ein sehr schöner Film. Was einzig an Clint Eastwoods Haltung zu alledem liegt. Er inszeniert handwerklich souverän und dabei sozusagen agnostisch. Die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt der jenseitigen Dinge rückt er sehr an den Rand. Der Film blickt programmatisch nicht weit über den Tod hinaus, das milchige Anderswo, das wir sehen, liegt in keiner paradiesnahen Ferne. Ausgemalt wird das Jenseits nur so weit, wie die Hoffnung der in dieser Welt Lebenden reicht. In Wahrheit geht es Eastwood einzig und allein um Näheverhältnisse. Um Einsamkeit, Verlust, Liebe, Nichtloslassenwollenundkönnen.

Das klingt immer noch schlimm. Ist es aber nicht, weil Eastwood mit Geduld, Ruhe, Mitgefühl auf seine Figuren sieht. Er entreißt sie dem Klischee, als das sie entworfen sind, indem er aufmerksam hinsieht. Unter seinem Blick gewinnt noch das Lachhafte Würde. Nichts Besonderes eigentlich ist die Episode, in der George Lonegan einen Kochkurs besucht und dort eine Frau namens Melanie (Bryce Dallas Howard) kennenlernt, die so wenig wie er selbst in sich ruht. Und doch gehören die Momente, in denen sie mit verbundenen Augen von einem Löffel, den er ihr zum Mund führt, Speisen probiert, zum Schönsten im Hollywood-Kino des vergangenen Jahres. Das Besondere und Bezeichnende ist: Eastwood konzentriert sich nicht auf die großen Bögen, sondern aufs äußerst Konkrete. Er kondensiert Gefühle zum Bild, ohne Sentimentalität, ohne Mätzchen.

So rücken einem die Figuren, übers im entscheidenden Augenblick stets verblassende Drehbuch hinweg, nahe. Wieder wird für George seine Gabe zum Fluch. Unglück und Verlust konzentriert Eastwood in einem Achsensprung um die im Treppenhaus sitzende Melanie. Kaum merklich ist dieser Riss in der konventionellen filmischen Textur. Mehr aber braucht es nicht. Das Spektakuläre des Tsunami und das Leise der Trauer berühren sich ohne Umweg über die Erpressung zu irgendwelchen Gefühlen in diesem Film.

Vollends absurd ist, erzählt man es nach, das Zusammenlaufen der Fäden am Ende. Auf der Londoner Buchmesse begegnen sich, wie von höheren Mächten geführt, die Protagonisten. Eastwood aber kümmert sich um das Höhere nicht und gewinnt aus der Ungerührtheit und Selbstverständlichkeit, mit der er auch das inszeniert, große Kraft. Die Erlösung ist dann kaum mehr von Realitätsresten motiviert. Kühn verzichtet "Hereafter" zum guten Ende fast vollständig auf alles Erklären und setzt - in kühner Abstraktion - Glaube, Liebe und Hoffnung einfach als Begegnung ins Bild. Marie und Marcus und George lassen das Jenseitige hinter sich und werden ins Diesseits erlöst.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Hereafter - Das Leben danach
USA 2010 - Originaltitel: Hereafter - Regie: Clint Eastwood - Darsteller: Matt Damon, Cécile De France, Jay Mohr, Bryce Dallas Howard, Frankie McLaren, George McLaren, Thierry Neuvic, Marthe Keller - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 128 min. - Start: 27.1.2011

 

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