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Heiter bis wolkig

 

 

 

Sauer macht nicht immer lustig

Die Handlung dieser Tragikomödie von Marco Petry klingt vorhersehbar, sie ist es aber nicht

Behinderung, Krankheit und Tod als entscheidender Impuls eines Bildungsromans - so könnte man einen aktuellen Trend im deutschen Film beschreiben, wenn man das Wort "Komödie" hinzufügt. Weil die Menschen mit Behinderung oder die Todgeweihten selbst schon so krass drauf sind im Umgang mit ihrem Schicksal, dass die derben Sprüchen helfen, einem Normalo die Vervollkommnung seiner Persönlichkeit in Angriff zu nehmen. Motto: Echt traurig, aber lustig!

Filme wie beispielweise "Ein Tick anders", "Renn, wenn du kannst" oder "Blaubeerblau" versuchen, auf dieser mittleren Tonlage über ein ernstes Thema nicht nur Betroffenheitskino zu machen. Oder aktuell "Heiter bis wolkig" von Marco Petry, der zuvor schon mit Filmen wie "Schule" oder "Die Klasse von '99" auf dunklem Terrain Achtbares abgeliefert hat. Die Geschichte geht so: Zwei Freunde haben einen zuverlässigen Anmachtrick entwickelt, dem sich kaum ein Mädchen widersetzen kann. Der eine Freund erzählt dem Mädchen verzweifelt vom Schicksal des anderen Freundes: so jung und dann - wahlweise - Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Hirntumor. Nicht mehr lange zu leben, aber einen Wunsch hätte er da noch. Was immer funktioniert, funktioniert auch bei der jungen Logopädin Marie, die sich erbarmt und Tim über Nacht mit zu sich nimmt. Dumm nur, dass Marie nicht alleine lebt, sondern mit ihrer älteren Schwester Edda, die tatsächlich an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und nur noch ein paar Monate zu leben hat.

Edda hat den Simulanten Tim schnell durchschaut, aber weil der ihre Schwester glücklich macht, verrät sie Tim nicht, sondern nimmt ihn für ihre letzten Wochen in die Pflicht - und gemeinsam erleben sie ein paar kuriose Abenteuer. Klingt klischeehaft, ist es auch. Klingt vorhersehbar, ist es aber nur bedingt. Denn der Film schafft es immer wieder vom Leichten zum Ernsthaften, wagt die romantische Liebeskomödie, bei der die Partner gar nicht ausgemacht sind, im Angesichts des Sterbens. Dass der Film seine Sache erstaunlich gut macht, liegt zum Einen an den bestens aufgelegten Schauspielern: Jessica Schwarz gelingt mit ihrer Darstellung der Edda ein kleines Meisterstück zwischen Verzweiflung und Lebensgier, Max Riemelt ist gewohnt überzeugend der nachdenkliche Nette, und auch Anna Fischer löst ihre etwas undankbare Rolle mit Bravour.

Zum anderen aber weiß man, was einen erwartet und staunt dann doch immer wieder, wie sich das Drehbuch aus allen Sackgassen in Richtung "Gute-Laune-Melancholie" bewegt - ohne zum Märchen oder zum Melodram zu werden. Das ist ein kleines Kunststück, im deutschen Film zumal.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der:Stuttgarter Zeitung

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Heiter bis wolkig
Deutschland 2011 - Regie: Marco Petry - Darsteller: Max Riemelt, Anna Fischer, Jessica Schwarz, Elyas M'Barek, Dieter Tappert, Johann von Bülow, Stephan Luca, Johannes Kienast - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 99 min. - Start: 6.9.2012

 

 

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