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Hayatboyu - Lifelong


 

Das Haus, das Can für sich und seine Frau Ela entworfen hat, ist ein modernistischer Traum: klare Linien, viel Glas und Beton, geschmackvolles, minimalistisches Interieur. Eine Wendeltreppe durchzieht die Etagen vom Erdgeschoss bis unter das Dach, wo sich das gemeinsame Schlafzimmer befindet. Wenn die Kamera von oben durch den Treppenaufgang nach unten filmt, blickt der Zuschauer in einen Schlund. Die vertikale Einstellung die Treppe hinunter ist ein wiederkehrendes Motiv in Asli Özges Ehedrama „Lifelong“. Es verfasst einen Wohnraum, in dem Privatsphären klarer zu trennen sind als in den weitläufigen Luxuslofts, die in amerikanischen Filmen gewöhnlich den gesellschaftlichen Status einer aufstrebenden Klasse von ‚urban professionals’ kennzeichnen. Can und Ela gehören zur kreativen Elite Istanbuls: Er ist ein erfolgreicher Architekt, sie eine renommierte Künstlerin. Ihr Leben hat nichts gemein mit den Protagonisten aus Özges Dokudrama „Men on the Bridge“, deren Alltag sich unweit der berühmten Bosporus-Brücke, am Übergang vom reichen europäischen Teil der Stadt zum ärmeren asiatischen, abspielte. Dennoch sind erste Anzeichen einer Erschöpfung zwischen Can und Ela spürbar.        

Der Titel „Lifelong“ spielt vordergründig auf das traditionelle Ideal der Ehe an, er bietet aber noch eine andere Lesart – aus dem Strafrecht. Lebenslänglich, das klingt auch nach Höchststrafe. Wie ein Gefängnis fühlt sich die Ehe von Can und Ela an. Nicht zufällig erinnert ihr gläsernes Domizil an Benthams Panopticon, seine transparente Struktur gewährt von überall Einblick – ein Vorzug, den Özge sich in vielen Einstellungen zu Nutze macht -, aber es schließt die Menschen auch ein. Dass Cans private Telefonleitung versehentlich freigeschaltet ist, verstärkt  das Überwachungsszenario noch. Ela will auf dieser Leitung etwas mitgehört haben, das ihr fortan den Schlaf raubt. Die Regisseurin hält in der Schwebe, ob Elas Misstrauen ein Produkt ihrer Einsamkeit oder begründet ist. Doch die zunehmende Aversion gegenüber ihrem Mann nimmt bald somatische Züge an, die sie nach vielen Jahren der Starre schließlich zum Handeln ermutigt. Ela will raus aus dem gläsernen Gefängnis und verkündet dem perplexen Can eines Abends, dass sie sich eine Wohnung in der Stadt sucht.  

„Lifelong“ zeigt einen Ausschnitt aus einem Milieu, das das türkische Kino gerade erst zu entdecken beginnt. Die neue soziale Mobilität, die in den vergangenen Jahren in der Türkei zu beobachten ist und die nicht zuletzt in den anhaltenden Protesten gegen eine totalitär auftretende Regierung Ausdruck findet, hat das Bewusstsein für gesellschaftliche Konflikte geschärft. Ähnlich wie ihr iranischer Kollege Asghar Farhadi hat Özge, die in Berlin und Istanbul lebt, die Mittelklassefamilie als Problemfeld erkannt, in dem grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Tradition und Moderne verhandeln werden. Politik bleibt in „Lifelong“ außen vor. In Özges formalistischen, stark unterkühlten Bildkompositionen klingt vor dem Hintergrund einer weiblichen Emanzipationsgeschichte allerdings auch berechtigte Skepsis an, dass der gesellschaftliche Wandel ganz selbstverständlich ein Garant für persönliche Freiheit ist.

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

Hayatboyu - Lifelong
(Hayatboyu) - Türkei, Deutschland, Niederlande 2013 - 102 Minuten - Start(D): 22.05.2014 - Regie: Asli Özge - Drehbuch: Asli Özge - Produktion: Nadir Öperli - Kamera: Emre Erkmen - Schnitt: Natali Barrey, Asli Özge - Darsteller: Defne Halman, Hakan Cimenser, Gizem Akman, Onur Dikmen

 

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