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Die Haut, in der ich wohne

 

Der Ur-Ur-Enkel von Frankenstein

In seinem neuen Film fabuliert sich Pedro Almodóvar den Wolf und wärmt die Postmoderne auf. Es bleibt ein schaler Beigeschmack.

Betritt eine junge, wunderschöne Frau einen kleinen Modeladen in Toledo. Gerade hat sie zwei Menschen getötet und jetzt sagt sie zu der älteren Besitzerin des Ladens: „Hallo Mutter! Ich bin es, dein lange verschollener Sohn!“ Es ist klar, dass ein Film, der derart auf Pointe hin gebaut ist, im Presseheft die Filmkritiker anfleht, bloß nicht den Twist der Handlung zu verraten. Doch wie könnte man das tun, wenn schon eine auch nur in Ansätze erklärende Nacherzählung der Handlung so viele Fäden im Hinterkopf präsent halten müsste, dass die Erzählzeit der Nacherzählung an die Erzählzeit des  Film wohl locker heranreichte. Von der erzählten Zeit des Films mal ganz zu schweigen.

Überdies hat der Spanier Pedro Almodóvar über seine komplexe Fabel gleich mehrere Kübel voller Anspielungungen und Zitate aus Film-, Kunst- und Literaturgeschichte ausgeschüttet, dass man schon die kulturwissenschaftlichen Oberseminare jubilieren hört. Von Gender- und Queer-Theoretikern ganz zu schweigen. Endlich neues Futter für Magisterarbeiten!

„Die Haut, in der ich wohne“ erzählt von dem visionären Schönheitschirurgen Robert Ledgard (Antonio Banderas), der in seiner abgelegenen Privatklinik ein Experiment wagt, das sich jenseits aller ethischen Maßstäbe bewegt. Ein Arzt ohne Moral. Dieser mad scientist handelt aus Trauer, nachgetragener Liebe und queerem Begehren, verbindet also in seiner Person die kalten Phantasiewelten des Kanadiers David Cronenberg mit den hysterischen Macht- und Identitätsspielen eines Rainer Werner Fassbinder. Beides jedoch in Form eines postmodernen Vexierbildes, das den Zuschauer artig bei der Hand nimmt, um ihn direkt an den Rand eines Abgrunds zu führen – und dann auch noch zu schubsen.

Dr. Ledgard hält ein Wesen gefangen, an dem er offenbar seine Kunst perfektioniert hat. Ob er noch etwas an ihr zu verbessern habe?, fragt ihn das mitunter suizidale Wesen einmal, eingehüllt in einen fleischfarbenen Ganzkörperanzug, abgeschottet von der Außenwelt. Manchmal macht es sich der Doktor im Wohnzimmer bequem und beobachtet auf einem riesigen Monitor sein Geschöpf. Mag sein, dass der Schönheitschirurg noch glaubt, er betreibe im Stillen die radikale Forschung, die seine Kollegen nicht zu treiben wagen, weil Gesetze oder Ethik dies verbieten. Aber seine Motivation ist eine Mischung aus Trauer und Rache, die allerdings sehr obskure Wege geht. Jetzt wäre es an der Zeit, von Doktor Ledgard zu erzählen, der sich von seiner Mutter den Haushalt führen lässt. Ledgard war vielleicht nicht immer ein Psychopath.. Er hatte einmal Familie, eine schöne Frau und ein dazu passendes Kind. Doch er hatte auch einen wilden Bruder, der, wenn er schönen Frauen begegnete, zum Tier werden konnte. Ja, auch Märchenmotive und Subversiv-Karnevaleskes finden sich in „Die Haut, in der ich wohne“. Unter Umständen, die wir nicht verraten wollen, gingen Ehefrau und Tochter dem Schönheitschirurgen verloren. Aber, dies eine böse Pointe des Films, einem findigen Schönheitschirurgen geht so schnell nichts verloren, weil er ja auch ein Künstler, ein Schöpfer ist. Was auch der böse Bruder eingestehen muss, dem die Kunst ein unverhofftes Wiedersehen beschert. Was ihn geradezu rasend macht.

Kühl und mit erstaunlich gemächlichem Tempo schreitet Almodóvar das Terrain aus, liefert nach und nach in Rückblenden die Informationen, die sich wie Puzzleteilchen zu einem skandalösen Bild fügen. Doch dann, als das Herz des Films freigelegt scheint, schweift er noch einmal ab, folgt einer Nebenhandlung, die eine ganz andere Perspektive auf die Handlung erlaubt. Wer zählte noch die Referenzen? Ganz offensichtlich Pate gestanden hat der Horrorfilm „Augen ohne Gesicht“ von Georges Franju, aber auch Spuren von Trash-Horrorfilmen italienischer wie spanischer Provenienz finden sich. Dazu, klar, der frühe Cronenberg („Rabid“) und der späte Hitchcock („Vertigo“),  eine Prise Buñuel und natürlich frühe Filme von Almodóvar selbst („Fessle mich!“). Dazu allerlei einschlägige Kunst an den Wänden der Privatklinik und noch Verweise auf Louise Bourgeois und Matthew Barney – alles wunderschön farbenprächtig ausgestattet und umspült vom Jazz-Pop-Klassik-Mix der Filmmusik Alberto Iglesias.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: Stuttgarter Zeitung

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Die Haut, in der ich wohne
Spanien 2011 - Originaltitel: La piel que habito - Regie: Pedro Almodóvar - Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, Roberto Álamo, Blanca Suárez, Eduard Fernández, Bárbara Lennie - FSK: ab 16 - Länge: 120 min. - Start: 20.10.2011

 

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